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„Wir machen unser Wolf-Gesetz“

Weil weder auf europäischer noch auf römischer Ebene eine Lösung der Wolf-Problematik in Sicht ist, nimmt Südtirol nun selbst die Zügel in die Hand: Mit einem eigenen Landesgesetz.

von Matthias Kofler

Für Karmenu Vella sind es 20 äußerst unangenehme Minuten: „Wir sind uns des Problems durchaus bewusst“, beschwichtigt der für die Umwelt zuständige EU-Kommissar. „Doch auf europäischer Ebene geht es darum, Kompromisse zu finden. Wir wollen keine Schnelllösungen, sondern müssen uns an die geltenden Gesetze halten. Es gibt keine Ideallösung, mit der alle Seiten zufrieden sind.“

Als der Kommissar sodann feststellt, dass man den Wolf auch als Wirtschaftsfaktor sehen soll, schnaufen einige im Konferenzraum laut durch. Doch Vella geht noch weiter: Bei einer Versammlung in Trient habe er selbst sehen können, wie gut Wolf und Mensch zusammenleben können. Dafür erntet er deutliche Unmutsäußerungen vonseiten einiger Teilnehmer. „So braucht ihr mich nicht mehr einzuladen”, ärgert sich der EU-Kommissar und verlässt wenige Minuten später etwas angefressen den Raum.

Die Wortmeldung Vellas zu Beginn der großen Wolf-Konferenz, die im Brüsseler Europaparlament stattfand, lösten auch bei Arnold Schuler und Meinhard Durnwalder keine Euphorie aus. Die beiden Politiker waren eigens in die belgische Hauptstadt gereist, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Das Fazit: Derzeit sieht es für eine europäische Lösung der Wolf-Problematik – etwa durch eine Senkung des Schutzstatus des Wolfes – nicht so rosig aus. Zu stark ist in Brüssel die Stimme derer vertreten, für die die Entnahme auch nur eines einzigen Wolfes ein Sakrileg wäre. „Dabei ist der Wolf längst nicht mehr vom Aussterben bedroht, sondern gehört neben dem Raben mittlerweile zum am meisten verbreiteten Tier auf der nördlichen Erdhalbkugel“, erklärt Herbert Dorfmann, der die Konferenz mit einigen Parlamentskollegen organisierte und dafür auch Experten und Politiker aus ganz Europa gewinnen konnte. Auch mit dem Erhalt der Biodiversität könne der hohe Schutz des Wolfes nicht länger gerechtfertigt werden. Dorfmann spricht sich für eine Lösung à la Schweiz aus: Dort wird gerade ein Gesetz behandelt, mit dem die Eidgenossen einerseits die Einhaltung der Berner Konvention von 1982 garantieren, andererseits durch die „Überführung” des Wolfs ins Jagdrecht in begründeten Fällen die Entnahme einzelner Wölfe ermöglichen.

Auch Südtirol will einen eigenen Weg einschlagen. Weil in Rom alles darauf hindeutet, dass die Lösung mittels Durchführungsbestimmung gestorben ist (der Movimento 5 Stelle ist strikt dagegen), dürfte das Land mit der Verabschiedung eines eigenen Landesgesetzes bald schon selbst Fakten schaffen. Dieses Gesetz soll unter Einhaltung der Berner Konvention und der Flora-Habitat-Linie in begründeten Ausnahmesituationen (zum Beispiel wenn der Nutztierbestand gefährdet ist) die Entnahme einzelner Wölfe ermöglichen.

Ein solches Landesgesetz würde zwar mit Sicherheit vor dem Verfassungsgericht landen, Südtirol konnte sich damit aber zumindest für anderthalb Jahre etwas Luft verschaffen, in der Hoffnung, dass Rom und Brüssel bis dahin einlenken. Gleichzeitig arbeitet Senator Meinhard Durnwalder intensiv daran, in der Staat-Regionen-Konferenz ein Einvernehmen zu finden, das den Regionen größeren Handlungsspielraum verschafft.
Landesrat Arnold Schuler stapelt angesichts der komplizierten Ausgangslage tief: „Wir arbeiten parallel auf allen Ebenen an einer Lösung. Zu glauben, dass Brüssel morgen den Schutzstatus senkt und auch Italien seine Haltung ändert, wodurch wir beim Wolf selbst eine Regelung finden können, wäre aber eine Utopie.“

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