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Karl-Kraus-Sammlung

Fotos von Karl Kraus aus der Sammlung von Friedrich Pfäfflin. (Foto: Universität Innsbruck)

Der Marbacher Sammler Friedrich Pfäfflin übergab kürzlich seine umfang- und raritätenreiche Sammlung zu Karl Kraus an das Brenner- Archiv der Universität Innsbruck. Die Bestände beinhalten eigenhändige Manuskripte, Korrespondenzen, aber auch zahlreiche seltene Bilddokumente von und aus dem Umfeld von Karl Kraus.

Friedrich Pfäfflin, Verleger, Herausgeber und ehemaliger Museumsleiter des Schiller-Nationalmuseums in Marbach, sammelte nahezu sein ganzes Arbeitsleben lang Materialien rund um den Schriftsteller und „Fackel“-Herausgeber Karl Kraus und scheute
weder Kosten noch Mühen, wenn es um den Erwerb von Objekten ging: Entsprechend umfangreich und von großer kulturgeschichtlicher Bedeutung sind die Bestände, die kürzlich von der Universität Innsbruck erworben wurden. „Friedrich Pfäfflin ist dem Brenner- Archiv durch eine mehr als 50 Jahre lange Zusammenarbeit verbunden. Dass er sich nun dafür entschieden hat, unserem Forschungsinstitut seine wirklich außergewöhnlich Kraus-Sammlung zu übergeben,
ehrt uns natürlich sehr“, freut sich Ulrike Tanzer, Leiterin des Brenner-Archivs und Vizerektorin für Forschung. Auch Rektor Tilmann Märk wertet den Neu-Zugang als Beweis für das weit über die
Grenzen hinaus hohe Renommee des Brenner-Archivs. „Ich
bedanke mich für das große Vertrauen, das Herr Pfäfflin unseren Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern und unserer Universität entgegenbringt und bin mir sicher, dass die Aufarbeitung der Sammlung in hochkarätige Publikationen münden wird“, so
Rektor Tilmann Märk.

Einzigartige Handschriften

„Die Sammlung umfasst im Kern eine Vielzahl von Manuskripten und ungedruckten Korrespondenzen von und an Karl Kraus, eigenhändige Gedichtentwürfe, Korrekturen der ‚Fackel‘ und historische Fotografien“, sagt Markus Ender, der gemeinsam mit seinem Kollegen Anton Unterkircher mit der Verwaltung und Erschließung der Sammlung Pfäfflin beauftragt ist. Als besonderes Highlight erwähnt Ender den handschriftlichen Entwurf des berühmten, seiner Lebenspartnerin Sidonie Nádherný von Borutin gewidmeten Gedichtes „Man frage nicht, was all die Zeit ich machte“, in dem Kraus auf die Machtübernahme Hitlers reagierte.
Die Sammlung ist aber nicht nur wissenschaftlich von hohem Wert, sondern auch sehr repräsentativ, wie sich Markus Ender und Anton Unterkircher einig sind. „Phänomenal sind zum Beispiel die Sammlung historischer Fotografien von Kraus und aus seinem Umfeld aus den Jahren 1893 bis 1939 sowie die zeitgenössischen Originalplakate“, schwärmt Anton Unterkircher. Inhaltlich zeichnet sich die Sammlung durch ihre Vollständigkeit aus, die breite Fächerung der Materialien und Publikationen, aber auch durch den Detailreichtum, mit dem sie von Pfäfflin selbst dokumentiert ist. Abgesehen von den erwähnten Objekten enthält sie u.a. eine auflagentiefe Bibliothek der zu Lebzeiten erschienenen Publikationen in den verschiedenen Ausstattungsvarianten sowie Vorlesungsankündigungen, darunter auch die Bekanntmachung einer geschichtsträchtigen Vorlesung in Innsbruck, die Kraus auf Einladung seines Kollegen und Freundes Ludwig von Ficker gehalten hat.

Handschriftlicher Entwurf des Gedichtes „Man frage nicht, was all die Zeit ich machte“ von Karl Kraus. (Foto: Universität Innsbruck)

Kraus und Ficker

Wenngleich der Mittelpunkt der publizistischen Tätigkeit von Karl Kraus untrennbar mit Wien verbunden ist, wo er seit 1899 37 Jahre lang mit seiner kulturkritischen Zeitschrift „Die Fackel“ das
Zeitgeschehen satirisch kommentierte, so gab es schon vor mehr als 100 Jahren lebhafte Verbindungen nach Tirol. Der Grund: Ludwig von Ficker, der Begründer und Herausgeber der Kunst- und
Kulturzeitschrift „Der Brenner“. Ficker gestaltete den
„Brenner“ nach dem Vorbild der „Fackel“, und es verbanden
ihn seit 1911 persönliche Beziehungen mit dem „Fackel“-
Herausgeber. Ein von Ludwig von Ficker aus dem Krieg an Karl Kraus geschriebener Brief fand sogar Eingang in Kraus‘
Weltkriegstragödie „Die letzten Tage der Menschheit“.

Pfäfflin: Sammler und Herausgeber

Friedrich Pfäfflin, der sich nach eigenen Angaben im Jahr 1962
bewusst im Kösel-Verlag München beworben hatte, weil dieser Karl Kraus und Else Lasker-Schüler verlegte, war über Jahrzehnte im literatur- und kulturwissenschaftlichen Bereich tätig. Nach seiner
Arbeit als Verlagsbuchhändler bis zu seiner Pensionierung 2001 war er 25 Jahre Leiter der Museumsabteilung des Deutschen Literaturarchivs in Marbach am Neckar. Er hat sich einen hervorragenden Ruf als Herausgeber grundlegender und mustergültig aufbereiteter
Editionen zu Karl Kraus, Else Lasker-Schüler, Kurt Wolff, Sidonie von Nádherný, Werner Kraft, Rainer Maria Rilke und Ludwig Greve erworben.

Mit dem Forschungsinstitut Brenner-Archiv und der Universität Innsbruck ist er durch eine mittlerweile mehr als fünfzig Jahre dauernde Zusammenarbeit verbunden. Pfäfflin war es vergönnt, in seiner Funktion als Lektor des Münchner Kösel-Verlags, in dem zahlreiche Brenner-Autoren veröffentlichten, Ludwig von Ficker noch persönlich kennen gelernt zu haben.

Von besonderer Bedeutung ist die Edition der Briefe von Karl Kraus an Sidonie von Nádherný, die 1974 zum 100. Geburtstag von Kraus erstmals erschienen ist und zweimal (1977 und 2006) mit jeweils neuen Funden erneut herausgegeben werden konnte. Die Originale der Briefe werden seit Anfang der 1970er Jahre im Brenner-Archiv verwahrt. Jetzt wird die von Sidonie Nádherný 1949 in die englische Emigration gerettete kleine Sammlung, die Pfäfflin 1975 erwerben konnte, mit dem Briefbestand wiedervereinigt, der bei ihrer Flucht in Prag zurückbleiben musste.

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