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Il Sole

Enrico Castallani: Superficie bianca, 1985 Foto Ochsenreiter

Eine Ausstellung im Stadtmuseum Bruneck erinnert an die Galleria IL SOLE, die mit ihrer intensiven Ausstellungstätigkeit von 1970 bis 1995 ein Brennpunkt des Kulturlebens in Bozen war.

In den 70er und 80er Jahren hatte die Galerie von Marcello Bizzarri die Hauptvertreter der experimentellen Kunsttendenzen Italiens zu Gast, darunter Enrico Castellani, Giuseppe Uncini, Piero Dorazio, Lucio Fontana, Giulio Paolini, Alberto Burri, Osvaldo Licini, Arnaldo Pomodoro, Fausto Melotti, Emilio Vedova und viele weitere international bekannte Namen. Die 250 Ausstellungen in der Galerie stellten für viele in unserer Provinz eine außergewöhnliche und unvergessliche Gelegenheit dar mit abstrakter und konzeptueller Kunst in Kontakt zu treten, aber auch Performances und Künstlergesprächen beizuwohnen sowie elektronische Musik zu erleben. Dies machte die Galleria IL SOLE zu einer wahren Avantgarde- und Programmgalerie.

Gegründet im Jänner 1970 unter dem Namen „Studio 3 B” (benannt nach den Inhabern Berty, Bizzarri, Braito) in der Bozner Goethestraße 44, ging die alleinige Leitung der Galerie bereits 1971 an Marcello Bizzarri über. Von ihm erhielt sie 1974 den Namen IL SOLE. Von Beginn an traf Bizzarri seine Entscheidungen und die Auswahl der Künstler in intellektueller und qualitativer Kohärenz, welche in der Förderung und Verbreitung der zeitgenössischen italienischen Avantgardekunst – mit besonderem Augenmerk auf die analytischen, minimalistischen und konzeptuellen Tendenzen – bestand. In 25 Jahren Tätigkeit ist es der Galerie durch die Präsentation von bereits arrivierten Künstlern und von unbekannten Newcomern letztlich gelungen die Entwicklung neuer kultureller Werte in unserer Provinz zu fördern und Interesse für die künstlerische Avantgarde zu wecken.

Die Retrospektive in Bruneck zeigt eine Auswahl an Werken, welche einst in einer der vielen Personalen der Bozner Galerie gezeigt wurden und sich nun in Privatbesitz befinden. Durch diese Ausstellung soll hervorgehoben werden, welch hochwertige Werke und herausragende Künstler damals in der Bozner Galerie vertreten waren, darunter Künstlergrößen, die üblicherweise in den großen nationalen und internationalen Ausstellungen anzutreffen und heutzutage für kleinere Veranstaltungen unerreichbar sind.

Die in der Ausstellung präsentierten Arbeiten zeigen ein breites Spektrum künstlerischen Schaffens, angefangen bei geometrischen Kompositionen von Atanasio Soldati bis hin zum Netz chromatischer Linien eines Piero Dorazio, beide zentrale Figuren der italienischen Abstraktion schon ab den 30er und 40er Jahren. Ihre Werke werden begleitet von Skulpturen aus Messingdraht des Trentiner Künstlers Fausto Melotti, der mit seinen leichten Formen Werke mit poetischer Note schafft. Aus dem Werk von Emilio Vedova hingegen bricht die ganze emotionale Energie des Künstlers heraus, ausgedrückt durch eine energiegeladene, wilde und spontane Gestik, die markante Spuren auf der Leinwand hinterlässt. Auf dem Feld der informellen Malerei bewegt sich auch Alberto Burri mit seiner Materialkunst. In der Ausstellung ist der Künstler mit dem Werk „Cretto nero“ (Schwarzer Riss)vertreten,einer rußigen Radierung aus dem Jahre 1971, in welcher Burri materielle Effekte erzielt, die vergleichbar sind mit seinen berühmteren, großflächigen Werken.Giuseppe Uncini teilt Burris Sensibilität für Materialien und setzt diese in seinem „Cementoarmato“ (Stahlbeton) individuell um. Der Stahlbeton ist das Hauptelement seines künstlerischen Schaffen sowie Grundelement des modernen Lebens, das für Uncini zum Symbol des konstruktiven Schaffens des zeitgenössischen Menschen selbst wird.

Bedeutendste Figur der fortgeschrittenen künstlerischen Bewegungen in Italien ist ohne Zweifel Lucio Fontana. Er realisiert zuerstabstrakte Kunstwerke, die zunächst von einem markanten linearen Stil charakterisiert sind, um dann durch Löcher und Schnitte in seinen „Concetti spaziali“ (Raumkonzepte) die Grenzen der Malerei zu überwinden und den dreidimensionalen Raum zu erobern. Im ausgestellten „Concetto spaziale” von 1967 realisiert Fontana eine Reihe von Öffnungen, die die zweidimensionale Räumlichkeit des Papieres unterbrechen, wodurch die Leere dahinter zum Vorschein kommt. Eine andere sehr originelle künstlerische Position von fundamentaler Bedeutung für die zweite Welle avantgardistischer Tendenzen ist jene von Enrico Castellani. Seine künstlerische Produktion dreht sich mit Kohärenz um monochrome und – wie in „Superficie bianca“ (Weiße Oberfläche) – oftmals absolut weiße Leinwände, strukturiert durch rhythmische Ausstülpungen, die fluktuierende Lichteffekte und räumliche Vibrationen erzeugen. Seine analytische und minimalistische Attitüde konzentriert sich ausschließlich auf die Essenz der Malerei.

In diesem Klima des Auslöschens und Auslotens der Mittel der Malerei (Farbe, Licht, Geometrie, Gestik, Linie, Material) zeichnen sich ab den 60er Jahren verschiedene minimalistische und analytische Tendenzenab, zu welchen mit sehr persönlichen Interpretationen die Künstler Rodolfo Aricò, Giorgio Griffa, Marco Gastini, Claudio Verna, Carlo Battaglia und Riccardo Guarneri gehören.Das Experimentieren mit Farbe steht auch im Zentrum des Forschungsfeldes von „Astrazione oggettiva“ (Objektive Abstraktion), einer Trentiner Bewegung gegründet 1976, welcher Aldo Schmid, Luigi Senesi, Mauro Cappelletti und Gianni Pellegrini angehören. Ihre künstlerischen und wissenschaftlichen Bemühungen konzentrieren sich auf die optischen Farbeffekte und deren Wahrnehmung.

Künstler in der Ausstellung:

Rodolfo Aricò, Carlo Battaglia, Marcello Bizzarri, Alberto Burri, Mauro Cappelletti, Nicola Carrino, Enrico Castellani, Carlo Cego, Fortunato Depero, Piero Dorazio, Ennio Finzi, Lucio Fontana, Marco Gastini, Giorgio Griffa, Riccardo Guarneri, Paolo Masi, Albert Mellauner, Fausto Melotti, Carlo Nangeroni, Mario Nigro, Gastone Novelli, Tancredi Parmeggiani, Gianni Pellegrini, Mario Raciti, Emilio Scanavino, Antonio Scaccabarozzi, Aldo Schmid, Sergio Sermidi, Toti Scialoja, Luigi Senesi, Atanasio Soldati, Giuseppe Spagnulo, Guido Strazza, Giuseppe Uncini, Emilio Vedova, Claudio Verna.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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