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„Ich war der Spinner“

lanzinger sextenDer Sextner Skipisten-Streit hat Südtirol entzweit. Erwin Lanzinger, Hotelier und Präsident des Tourismusvereines Sexten, über den ersten Winter mit neuen Pisten, über den Frieden im Dorf sowie über Pioniere und Skeptiker.

TAGESZEITUNG Online: Herr Lanzinger, die neuen Pisten zwischen Helm und Rotwand haben die erste Wintersaison überstanden. Mit welchem Erfolg?

Erwin Lanzinger: Ich möchte ein wenig ausholen. Vor 15 Jahren war ich es, der die ersten Pläne präsentierte, um die beiden Skiberge Helm und Rotwand zusammenzuschließen. Viele Jahre bin ich im Dorf mit dieser Idee nicht weitergekommen. Man hat mich immer für einen Spinner gehalten, weil das zu teuer wäre, nicht realistisch wäre, zu viel Wald brauchen würde. In Sexten wollte man damals lieber kleinere Brötchen backen. Anfangs gab es dazu keinen Konsens.

Wann hat sich das geändert?

Ich war damals Präsident der Rotwandwiesen und als es uns gelang, die Signaue zu bauen, wuchs die Zustimmung. Aber freilich gab es Proteste der Opposition. Ich aber bin der Meinung, dass weitaus der größte Anteil der Bevölkerung für den Zusammenschluss der Skigebiete war. Ich schätze 80 Prozent waren dafür. Und heute, wo wir sehen, was wir geschafft haben, gibt es beinahe hundertprozentige Zustimmung im Dorf. Es gibt nur noch sehr wenige Zweifler.

Inwiefern hat die Skiverbindung Helm-Rotwand den Tourismus in Sexten verändert?

Man spürt eine gewaltige Aufbruchstimmung bei Gästen und Einheimischen. Sehr viele Menschen sind heuer im Winter nach Sexten gekommen, um sich die neuen Pisten anzuschauen. Jetzt hat sich gezeigt, dass dies eine Erfolgsgeschichte ist, das kann unser Wintergeschäft retten.

Stand Sexten denn vorher so schlecht da?

In den vergangenen zehn Jahren ist alles rückwärts gegangen. Die Preise waren im Keller. Das Produkt war im Keller. Im Dorf war nichts mehr los, kein Aprés Ski, keine Disko. Irgendwann wurden wir in den internationalen Rankings nicht mehr erwähnt. In Sexten gab es zwar noch Gäste, aber es waren immer öfter solche, die nur auf den Preis schauen. Das reicht für eine Tourismusdestination nicht aus.

Das ändert sich nun alles mit der Verbindung der zwei Skiberge?

Wir wissen freilich, dass es andere Skigebiete gibt, die mehr Pistenkilometer haben. Aber wir können mit der Winteratmosphäre punkten. In Sexten hat es immer Schnee und eine wunderbare Landschaft. Wir haben nicht nur Ski alpin, sondern auch Langlaufloipen und vieles mehr.

Was hat der erste Winter gebracht – in Zahlen ausgedrückt?

In den ersten Monaten hatten wir einen sagenhaften Zuwachs von bis zu 20 Prozent. Im März ist die Kurve abgeflacht, was am italienischen Gast liegen kann, der im Frühjahr nicht mehr zum Skifahren kommt. Insgesamt sind wir so bei einem Plus von acht bis zehn Prozent.

Entspricht das Ihren Zielvorgaben?

Ich habe immer gesagt: ein Plus von 30 Prozent in den ersten drei Jahren. Das ist zu schaffen.

Es gab in Sexten und weit darüber hinaus sehr viel Streit um diese Liftverbindung. Ist jetzt wieder alles in bester Ordnung?

Hier spürt man, dass die Menschen erleichtert sind. Sie sind froh, dass dieses leidige Thema endlich vom Tisch ist. Und jeder einzelne tut sich nun leichter, Gäste anzulocken. Es ist jetzt wieder viel angenehmer im Dorf zu leben. Dazu kommt: Mittlerweile schafft die Liftgesellschaft 170 Arbeitsplätze. Viele Menschen hier können im Tal bleiben, arbeiten und ihre Landwirtschaft weiter betreiben. Die Zukunftsaussichten für junge Menschen haben sich in Sexten sehr verbessert.

Und nun?

Erstmal sind wir zufrieden. Aber man muss realistisch sein. In einigen Jahren wird das Thema Erweiterung wieder anstehen. Wir müssen dem Gast immer wieder etwas Neues bieten. Dann werden wieder Kritiker kommen und sagen, dass wir dies und jenes nicht dürfen. Aber wir müssen immer in Bewegung bleiben, wenn wir nicht untergehen wollen.

Interview: Silke Hinterwaldner

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