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„Keine Selbstmörder“

„Keine Selbstmörder“

Fünf Lawinentote in zwei Wochen. Die bittere Statistik gibt Anlass zu Diskussionen. Ist es fahrlässig, bei den derzeitigen Bedingungen auf Skitour zu gehen? Welche Fehler machten die verunglückten Personen? Und: Gerät das Bild des Tourengehers in Verruf?

TAGESZEITUNG Online: Herr Steiner, wir zählen fünf Lawinentote innerhalb kürzester Zeit. Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie diese Meldungen hören?

Erwin Steiner (Verantwortlicher für die Bergführerausbildung in Südtirol): Natürlich sind solche Meldungen katastrophal. In erster Linie tut es einem leid, dass so etwas überhaupt passiert – aber wenn man es aus der praktischen Perspektive betrachtet, dann ist festzustellen, dass bei der momentanen Lawinensituation leider Gottes gewisse Grundregeln missachtet werden.

In aktuellen Diskussionen werden Tourengeher sogar als Selbstmörder bezeichnet, auch wenn der Begriff brutal gewählt ist. Was halten Sie davon?

Der Begriff ist ohne Zweifel absolut übertrieben. In der Zwischenzeit haben wir eine enorme Menge an Skitourengehern, von denen die allermeisten wirklich bedächtig unterwegs sind. Jetzt gibt es allerdings eine außergewöhnliche Situation: Wir haben einen Winter mit sehr positiven Skitourenverhältnissen hinter uns. Viele haben das noch ein bisschen im Hinterkopf. Jetzt haben wir jedoch einen Winter, der genau das Gegenteil darstellt. Der Schneedeckenaufbau ist denkbar ungünstig und viele missachten deshalb ganz einfache Regeln. In der Menge sind dies allerdings nur sehr wenige.

Was macht das Skitourengehen heuer so gefährlich?

Wir hatten wenig Schnee, der durch den starken Nordwind verfrachtet wurde. Zudem befindet sich eine gefährliche Schwimmschneeschicht in der Schneedecke. Und das i-Tüpfelchen ist natürlich der Neuschnee auf dem schlechten Untergrund. Das sind die besten Zutaten, damit es zu dem kommt, was passiert ist.

Wie bewerten sie die einzelnen Unglücke der letzten Wochen? Wo war Pech dabei, wo waren Fehler auszumachen?

Natürlich darf man sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen – aber wenn man von Pech alleine spricht, sind wir nicht mehr glaubwürdig. Zwischen den einzelnen Unfällen muss man differenzieren: Die ersten Lawinen wurden ausgelöst, da man zu steiles Gelände begangen hat. Am vergangenen Wochenende hingegen wurde bei erhöhter Lawinengefahr die Gefahr der Fernauslösung unterschätzt. Die verunglückten Skitourengeher waren im eigentlich nicht sehr steilen Gelände unterwegs, doch es kam zu einer Fernauslösung, sodass die Tourengeher von Lawinen verschüttet wurden, die sich in den steilen Hängen oberhalb von ihnen gelöst haben.

Ist Fahrlässigkeit mit dabei, wenn man bei diesen Bedingungen auf den Berg geht?

Es ist ganz klar, dass man auch bei diesen Bedingungen auf Skitour gehen kann. Man muss sich jedoch sorgfältig in der Tourenwahl verhalten und flache Touren auswählen bzw. frühzeitig umdrehen. Um die Frage zu beantworten: Wenn es zu solchen Unglücken wie zuletzt kommt, kann man eine gewisse Fahrlässigkeit nicht abstreiten. So ehrlich müssen wir sein.

Bei den Lawinenabgängen verloren relativ erfahrene Tourengeher ihr Leben. Riskieren die Sportler heute zu viel?

Das ist eine große Thematik. Man muss sich vor Augen halten, dass das Skitourengehen in den letzten Jahren förmlich explodiert ist. Viele Leute haben aufgrund der guten Bedingungen im Vorjahr Erfahrungen gesammelt und gesehen, dass man bestimmte Touren gehen kann. Heuer sind die Schneeverhältnisse aber anders und man sieht sich diese nicht genau an. Gerade deswegen ist der Begriff „fahrlässig“ auch nicht ganz der richtige. Oft ist es auch Unwissenheit. Konkret zur Frage: Viele Skitouren in den Beinen zu haben, heißt noch lange nicht, dass man viel Erfahrung hat. Man muss die Situation in der Natur draußen auch richtig einschätzen können.

Ist oftmals ein innerer Drang da, unbedingt zu einer Tour aufbrechen zu müssen?

Wenn es heißt, Skitourengeher bräuchten einen gewissen Kick, dann kann ich nur lachen. Wir sind keine Basejumper. Ein Tourengeher ist vom Charakter her ein bedächtiger, ruhiger Mensch. Vielleicht liest man in der Situation oft nur das Positive wie den schönen Pulverschnee oder die schöne Abfahrt heraus – und vergisst dabei die Wahrscheinlichkeit, dass eine Lawine abgehen kann. Der eine oder andere geht in der Folge eben einen Schritt zu weit.

Ist der Lawinenlagebericht detailliert genug?

Von den Möglichkeiten her, die wir in Südtirol haben, ist er nicht schlecht. Der Lawinenlagebericht war zuletzt sogar um einiges genauer als im vergangenen Winter. Allerdings wird das oft ein bisschen missachtet. Wenn die Stufe 3 ausgegeben ist, muss man einfach die Antennen ausfahren und vorsichtiger unterwegs sein. Aus den Statistiken wissen wir, dass gerade die Stufe 3 die kritischste überhaupt ist, um unterwegs zu sein.

Beim letzten Unglück in Weissenbach hatten die getöteten Tourengeher Airbag-Rucksäcke bei sich, die als sehr sicher gelten. Warum nutzten diese nichts?

Es war sicher ein gutes Marketing, dass in den letzten Jahren so viele Airbags verkauft wurden. Der Airbag hat effektiv die Funktion, dass man auf der Lawine obenauf bleibt. Als Zusatzgerät trägt es also sehr wohl dazu bei, dass man einen Abgang überlebt – aber eben nur bedingt: Wenn die Lawine zum Stillstand kommt und von oben noch Material nachrutscht, wird man samt aufgeblasenem Airbag zugedeckt. Von dem her ist die Sicherheit eher eine eingebildete als eine reelle.

Das heißt, wenn die Rede von einer 97-prozentigen Sicherheit ist…

Die entsprechende Studie kommt von den Herstellern selbst. In der Zwischenzeit gibt es eine internationale Studie von unabhängigen Leuten, die mit sehr viel Aufwand durchgeführt wurde. Man kam zum Ergebnis, dass Airbags dazu beitragen, ein bisschen sicherer unterwegs zu sein, aber bei weitem nicht in der Größenordnung von 97 Prozent.

Sondern?

Bei einem Lawinenabgang beträgt die Mortalitätswahrscheinlichkeit 22 Prozent, wenn man keinen Airbag hat. Mit Airbag sinkt sie auf 11 Prozent. Viele überleben also auch ohne Airbag – aber mit dem Zusatzgerät sind die Überlebenschancen doppelt so hoch.

Ganz allgemein: Sehen Sie das Bild des Tourengehers nach den letzten Ereignissen in Verruf geraten?

Ein wenig Angst habe ich schon, dass es in ein schlechtes Licht gerückt wird. Im letzten Winter ist kein einziger Tourengeher zu Tode gekommen – und heuer haben wir die brutale Situation mit fünf Toten innerhalb von elf Tagen. Den derzeitigen Eindruck von Nicht-Tourengehern kann ich deshalb sehr gut nachvollziehen. Aber trotzdem sind die Allermeisten sehr bedächtig unterwegs und gehen einer Tätigkeit nach, die einfach wunderschön ist. Nur sollte man die Grundregeln einhalten, um nicht mehr in Verruf geraten zu müssen, als eigentlich notwendig wäre.

Interview: Heinrich Schwarz

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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