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Schwarzfahren ohne Folgen

Die Meldungen über ignorierte Schwarzfahrer häufen sich. Ein TAGESZEITUNG-Leser über einen Vorfall in einem Überlandbus, der sich am Dienstag zugetragen hat.

von Heinrich Schwarz

Gibt es im öffentlichen Nahverkehr in Südtirol keine Ordnung mehr? Kann mittlerweile jeder schwarzfahren, ohne Konsequenzen befürchten zu müssen? Diese Fragen stellen sich, nachdem immer mehr Details bekanntwerden, die zumeist mit zunehmenden Aggressionen gegen Busfahrer und Schaffner zusammenhängen.

Zuerst war da die Aussage eines Bahngewerkschafters, dass man Zugschaffnern rät, in potenziell gefährlichen Situationen auf eine Fahrscheinkontrolle zu verzichten. Die Kontrolleure sind ohnehin relativ machtlos: Ist jemand ohne Fahrschein unterwegs und weigert sich, beim Schaffner zu zahlen oder alternativ an der nächsten Haltestelle auszusteigen, müssten die Carabinieri gerufen werden. Die Folgen sind eine Zugverspätung und verärgerte Fahrgäste. Und der Schwarzfahrer steigt vermutlich einfach in den nächsten Zug in.

Dann packte in der TAGESZEITUNG ein Kontrolleur im Busverkehr aus, der ebenfalls von vermehrten verbalen und körperlichen Angriffen berichtet. Gegen Schwarzfahrer, so die Kernaussage, habe man keine Handhabe. Strafen würden in vielen Fällen einfach nicht bezahlt – ohne rechtliche Folgen. Inzwischen rufe man bei Konflikten mit Schwarzfahrern auch nicht mehr die Behörden: „Falls sie wirklich kommen – was meistens nicht der Fall ist –, da sie unterbesetzt sind oder kein Fahrzeug zur Verfügung haben, nehmen sie nur die Daten der Schwarzfahrer auf, und wir müssen diese dann wieder zusteigen lassen.“

Auch interessant: Laut dem Kontrolleur gibt es vom Mobilitäts-Assessorat die mündliche Anweisung, Touristen nicht zu bestrafen, um kein schlechtes Bild auf Südtirol zu werfen.

Ein Eisacktaler TAGESZEITUNG-Leser (Name der Redaktion bekannt) berichtete vergangene Woche von einem Vorfall, der einen weiteren Aspekt in der unguten Schwarzfahr-Situation darstellt. Passiert ist der Vorfall am Dienstagvormittag im Linienbus von Mühlbach nach Schabs:

„Vor mir stieg ein weiblicher Fahrgast ein und ging einfach am Busfahrer vorbei, ohne zu zahlen bzw. zu entwerten. Ich sagte zum Busfahrer, dass ich auch nicht zahle, wenn die Frau nicht zahlt. Der Busfahrer schaute mich verdutzt an und sagte, er werde dann nach hinten gehen und uns auffordern müssen. Ich entwertete schließlich doch meinen Südtirol Pass und ging nach hinten. Doch der Busfahrer kam nicht zur Frau zurück, sondern fuhr einfach weiter.

Beim Aussteigen fragte ich den Busfahrer erneut, was das soll. Er solle die Fahrgäste auffordern zu zahlen. Seine Antwort: Ich solle schauen, dass ich selbst zahle und mich nicht um die anderen kümmern. Der Busfahrer selbst dürfe keine Kontrollen machen.

Mit der Antwort war ich keinesfalls zufrieden. Erstens war der Mann unhöflich und zweitens finde ich das Verhalten nicht in Ordnung. Als Bürger möchte ich, dass alle Fahrgäste gleich behandelt werden.“

Der Eisacktaler entschied sich nach diesem Vorfall, die grüne Nummer anzurufen, die auf dem Südtirol Pass zu finden ist. „Bei diesem Call Center sagte man mir, ich könne eine Beschwerde machen und würde nach 30 Tagen eine Antwort erhalten. Einen Vorgesetzten konnte man mir nicht geben, also habe ich auf eine offizielle Beschwerde verzichtet – auch weil ich mir davon nicht viel erwarte“, so der verärgerte Fahrgast.

Schon vor einem Jahr sei er im Burggrafenamt in einem Überlandbus in eine ähnliche Situation geraten – damals aber nur als passiver Beobachter. Auch ging es damals anders aus: „Ein Mann afrikanischer Herkunft stieg vorne ein und entwertete seine Karte, ein weiterer stieg hinten ein und zahlte nicht. Als eine Frau den Busfahrer darauf aufmerksam machte, stand dieser auf und forderte den Mann auf, für die Fahrt zu bezahlen. Es kam zu einem Disput mit beiden Afrikanern samt Beschimpfungen gegen den Busfahrer. Weil der Busfahrer nicht nachgab, ging der Mann am Ende nach vorne, um mit Mühe und Not das Geld zusammenzubringen.“

Wie müssen sich Fahrer von Überlandbussen – in den Stadtbussen ist die Situation aufgrund mehrerer Einstiegsmöglichkeiten ja eine andere – verhalten?

Richard Goller, Transportgewerkschafter beim ASGB, erklärt: „Die Busfahrer sind angewiesen, die Fahrgäste zur Zahlung aufzufordern. Weigert sich der Fahrgast, muss die Betriebsleitung verständigt werden, die schließlich die Carabinieri rufen kann.“

Goller weiß jedoch um die zunehmend schwierige Situation für die Busfahrer aufgrund von Aggressionen. Er fordert allgemein, dass mehr Kontrolleure angestellt werden. „Beim Konsortium LiBUS etwa, das immerhin 19 Konzessionäre vereint, ist südtirolweit nur ein Kontrolleur angestellt. Und bei der SAD kommt es vor, dass vielmehr die Chauffeure kontrolliert werden: Wenn zu viele Kilometer gefahren wurden, ist ein Reklamationsbrief des Betriebes die Folge“, erklärt Goller.

„Aber“, so fügt er hinzu, „auch die Kontrolleure haben es mit den ganzen Ausländern schwer. Es gibt das alte Sprichwort: Wo nichts ist, hat der Kaiser sein Recht verloren. Hier muss sich die Provinz auf die Hinterfüße stellen und den Kontrolleuren mehr rechtliche Möglichkeiten geben, damit diese ernst machen können.“

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