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„Er wird die Tat gestehen“

Benno Neumair hat im Gefängnis von der Auffindung der Leiche seiner Mutter erfahren. Der Psychotherapeut Paolo Crepet ist überzeugt, dass der junge Mann jetzt zusammenbricht.

von Artur Oberhofer

Benno Neumair hat am frühen Samstagnachmittag erfahren, dass die Leiche seiner Mutter Laura aus der Etsch geborgen worden ist.

Es war Anwalt Angelo Polo, der dem 30-jährigen U-Häftling die Nachricht persönlich überbracht hat.

Wie Benno Neumair, der seit mehr als einer Woche im Gefängnis sitzt, auf die Nachricht reagiert hat, wollte Anwalt Polo zunächst nicht sagen.

Die nationalen Medien berichten am Sonntag unter Berufung auf die Anwälte, Benno Neumair habe einen Weinkrampf erlitten und ständig wiederholt: „Sie haben sie gefunden! Meine Mama ist nicht mehr!“

Die große Frage ist jetzt:

Wird Benno Neumair seine Strategie ändern? Oder wird er – wie Paolo Crepet prophezeit hat – die Tat jetzt, wo die Leiche seiner Mutter gefunden ist, gestehen?

Das Interview mit Paolo Crepet hat in Südtirol für großes Aufsehen gesorgt.

Italiens wohl bekanntester Psychotherapeur und Soziologe hat vergangene Woche in der TAGESZEITUNG den Vermissten-Krimi Perselli-Neumair analysiert.

Unter anderem sagte Paolo Crepet:

„ Ein Verbrechen dieser Art passiert nicht in einem Haus, in dem sich am Abend alle brav einen Gute-Nacht-Kuss geben. Die Mulino-Bianco-Familie gibt es nicht. Es ist offensichtlich, dass hinter dieser bürgerlichen Fassade etwas nicht gestimmt hat.

Es scheint so, als hätte die Mutter kapiert, dass die Situation eskalieren könnte, währenddem der Vater etwas zerstreut war oder die Sache nicht ernst genommen hat.

Ich gehe davon aus, dass das Vater-Sohn-Verhältnis völlig zerrüttet war und dass die Eltern den Sohn immer wieder an seine Misserfolge erinnert und damit gekränkt haben. Irgendwann entwickelte der junge Mann einen Hass auf alles, was normal ist.“

Zur Persönlichkeit des Benno Neumair sagte Paolo Crepet:

„Den Raptus gibt es nicht. Der Raptus ist eine Erfindung von Romanschreibern. Natürlich hat Benno die Tat geplant, wobei die Phase der Planung nicht eine lange gewesen sein muss.

Es ist evident, dass dieser junge Mann mit sich selbst nicht klarkam, dass er frustriert und nur daran interessiert war, seinen Bizepsumfang zu steigern.

Was mich beeindruckt: Dieser junge Mann ist kalt wie ein Stück Porphyr!

Diesem Mann ist alles gleichgültig: er selbst, seine Eltern, seine Angehörigen, seine Zukunft.

Schauen Sie, wie er die Frauen behandelt hat. Er hat sie benutzt … Er benutzt alle Personen!

Er ist ein Narziss, so wie er im Bilderbuch steht: stark auf sich selbst bezogen, immun gegen negative Kritik, rücksichtlos, kalt.

Die Ermittler dürfen auch nicht glauben, dass sie etwas von ihm rausbekommen, nur weil er im Gefängnis sitzt. Ob er im Gefängnis sitzt oder zuhause, das ist ihm völlig egal.

Benno Neumair vor seinem Haus (Foto: Screen-Chi l’ha visto?)

Die TAGESZEITUNG hat Paolo Crepet auch die Frage gestellt, wie Benno Neumair den immensen Druck aus, der auf ihn lastet, aushalte?

Die Antwort des Psychotherapeuten:

Er wird zusammenbrechen, sobald die Leichen seiner Eltern gefunden werden … Ja, in dem Moment hält er den rauchenden Colt in den Händen und wird mit den Ermittlern reden.

Eine weitere Frage: Die Tatsache, dass Benno Neumair Anabolika konsumiert und sich einen Muskelpanzer zugelegt hat, was sagen uns diese Fakten?

Die Antwort von Paolo Crepet:

„Dass er ein Narziss war, der ohne Perspektive war. Ihm war alles egal, er scherte sich um seine Zukunft, das einzige, was er hatte, war die Körperkultur, wobei man in seinem Fall nicht von Körperkultur sprechen kann, sondern von Selbstverformung, ja von Selbstverstümmelung.

Wenn ich mir bestimmte Bilder von ihm ansehe, denke ich an Frauen, die sich alle drei Monaten die Lippen und weiß Gott sonst noch was aufspritzen lassen.

Wissen Sie, was mich an diesem Fall so beeindruckt?

Die Metapher der Stille, die über diesem Fall liegt. Ich sehe vier Personen, die am Familientisch sitzen und sich nichts zu sagen haben. Vier Personen, die sich jeden Tag sehen, die sich nicht vertrauen, die sich sogar voreinander fürchten.

Wir haben es in diesem Fall mit einer Tragödie der Bourgeoisie zu tun, die es nicht schafft, über die eigenen Probleme zu reden, weil sie Angst hat, das Ansehen in der Stadt zu verlieren.

Das war der Anfang dieser Tragödie. Warum gehen diese Leute nicht zum Bürgermeister, zum Pfarrer oder zum Psychiater und sagen ganz offen: Ich habe Angst vor meinem Sohn? Er hat einen beängstigenden Blick! Er hasst mich! Ich fürchte mich vor ihm!“

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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