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„Mehr tot als lebendig“

Otto Egger war einer der zwei Südtiroler Corona-Patienten, die in Deutschland intensivmedizinisch betreut wurden. Im Interview erzählt der Wirt des Berggasthauses Piffinger Köpfl auf Meran 2000 vom langen Weg seiner Genesung.
TAGESZEITUNG Online: Herr Egger, Sie haben nach einer Corona-Infektion harte Zeiten hinter sich. Wie geht es Ihnen mittlerweile gesundheitlich?
Otto Egger: Mir geht es jetzt gut, seit zwei Tagen bin ich wieder zu Hause und das ist nach einem Monat Krankenhausaufenthalt ein wunderbares Gefühl. Ganz wiederhergestellt bin ich allerdings noch nicht. Ich brauche weiterhin ein Sauerstoffgerät, habe fast sechs Kilo abgenommen und bin noch etwas schwach auf den Beinen. Aber das ist ja kein Wunder, wenn man wochenlang in einem Krankenhausbett liegt und mehr tot als lebendig ist. 
Sie sind einer der beiden Südtiroler Corona-Patienten, die vor einem Monat ins deutsche Chemnitz geflogen und dort intensivmedizinisch behandelt wurden. Woran erinnern Sie sich noch?
An den Flugzeug-Transfer nach Deutschland erinnere ich mich überhaupt nicht. Ich lag im Koma und war intubiert. Alles was ich weiß, wurde mir anschließend berichtet. Meine Erinnerung reicht bis zu jenem Zeitpunkt, wo ich in die Notaufnahme des Meraner Krankenhauses gebracht wurde.
Wie kam es dazu?
Wir haben unser Berggasthaus wie alle anderen auch wegen der Pandemie vor Saisonsende geschlossen. Die Mitarbeiter waren noch dort und mit den Reinigungsarbeiten beschäftigt. Eigentlich dachten wir, dass wir bald wieder öffnen können. Ich bin dann nach Meran zu meiner Lebensgefährtin Veronika gefahren – ich hatte etwas Husten und Fieber. Nicht viel: 37,5 °C, manchmal etwas mehr, manchmal etwas weniger. Auch der Husten war nicht besonders stark.  Ich erinnere mich allerdings noch daran, dass ich keinen Geschmack im Mund mehr hatte. Das Essen schmeckte nach nichts. 
Sie haben dann einen Arzt verständigt?
Nein, nicht sofort. Ich dachte mir, wegen dem bisschen Husten und Fieber renne ich nicht sofort zum Arzt. Das ging dann 16 oder 17 Tage so weiter, ohne dass sich eine Besserung einstellen wollte. Veronika hat sich schließlich durchgesetzt und den Hausarzt angerufen. Dieser hat einen Rettungswagen verständigt und ich wurde in das Krankenhaus nach Meran gebracht. Ich erinnere mich noch an die Ankunft in der Notaufnahme, dann ist Schluss. Ab dem Zeitpunkt weiß ich nichts mehr. Veronika hat mir danach erzählt, dass ich sie an jenem Tag gegen 21.00 Uhr noch vom Meraner Krankenhaus am Handy angerufen habe. Aber ich weiß nichts mehr davon. 
Wann sind Sie wieder zu sich gekommen?
Im Klinikum Chemnitz. Dort bin ich langsam wieder aufgewacht. Ich lag in einem Krankenbett, schaute nach links, schaute nach rechts und überall standen medizinische Geräte und Maschinen. Ich selbst hing an mehreren Schläuchen und konnte nicht sprechen.  Ich habe kein Wort herausbekommen. Das war schlimm.
Wann haben Sie realisiert, dass Sie sich in einem deutschen Krankenhaus befinden?
Während der Aufwachphase habe ich die Ärzte und Pfleger miteinander reden gehört. Ich bin Gastwirt und kenne mich daher mit den Sprachfärbungen aus. Deshalb habe ich ziemlich schnell verstanden, dass ich irgendwo in Ostdeutschland bin. Aber wie ich dorthin gelangt bin, war mir ein Rätsel. Danach wurde ich natürlich vom Krankenhaus aufgeklärt. Man hat mir auch Fotos vom Transfer und der Ankunft gezeigt. 
Wie ist es Ihnen im Klinikum Chemnitz ergangen?
Die Ärzte und Pflegerinnen waren freundlich, hilfsbereit und sehr professionell. Ich bin allen so unendlich dankbar dafür. Mit mir befand sich auch ein weiterer Südtiroler Patient aus Gröden auf der Intensivstation. Wir waren beide in den besten Händen. Ich werde mich auch bei der gesamten Abteilung mit einem riesigen Geschenkkorb Südtiroler Produkte bedanken.  
Haben Sie in Chemnitz die Entwicklungen in Südtirol mitverfolgt?
Nein, ich hatte ja nichts dabei: keine Kleidung, kein Handy. Ich war von der Außenwelt abgeschnitten. Allerdings war es möglich, zwei Mal am Tag mit meiner Lebensgefährtin über das Klinik-Telefon zu sprechen.  
Wie ging die Heimreise vonstatten?
Das war ein Abenteuer für sich. Von den Ärzten haben wir zwei Südtiroler Patienten nach der Heilung ein Attest erhalten, dass wir virusfrei sind. Von da ab war die Behandlung in der Klinik lockerer, Ärzte und Pfleger trugen nicht mehr die volle Schutzausrüstung. Wir wurden von Sanitätern zum Flughafen nach Leipzig begleitet. Dort wartete bereits ein Sonderflugzeug der Schweizer Rega auf uns. Alles nette und freundliche Leute, allerdings mussten wir uns mit Verweis auf die Sicherheitsbestimmungen in zwei Transportkisten legen. Das war wie ein Sarg aus Metall. Darin wurden wir nach Bozen geflogen, erst dann konnten wir wieder aus diesen Transportkisten steigen. Vom Flugplatz in Bozen ging es mit dem Rettungswagen und Mundschutz ganz normal weiter bis ins Krankenhaus nach Meran. Dort wurde ich noch eine Woche nachbetreut, ehe ich am Montag endgültig nach Hause entlassen werden konnte. 
Haben Sie eine Vermutung, wo Sie sich das Virus eingefangen haben?
Das war sicher bei der Arbeit auf der Hütte. 
Hatten Sie Vorerkrankungen?
Nein, eigentlich nicht. Ich muss Medikamente gegen Rheuma nehmen, aber das hat nichts mit den Lungen zu tun. 
Was nehmen Sie aus dieser Erfahrung mit?
Es ist eine Erfahrung, die ich nie wieder machen möchte. Für mich ist klar, dass ich ohne die Intensiv-Behandlung in Chemnitz aus dieser Sache nicht mehr herausgekommen wäre. Ich bin deshalb allen zu großem Dank verpflichtet: dem Klinikum Chemnitz, aber auch den Entscheidungsträgern in Südtirol, die den Transfer veranlasst haben. 
Sie sind Wirt auf Meran 2000. Wann können Sie wieder zurück an die Arbeit?
Zuerst muss ich mich erholen. Der Arzt hat gesagt, dass es mindestens noch einen Monat dauern wird, bis ich wieder ganz der Alte bin. Aber die Arbeit ist derzeit ohnehin sekundär. Ich habe wenig Hoffnung, dass die Sommersaison normal ablaufen wird. Wir planen zwar eine Öffnung unseres Gasthauses, aber nur in kleinem Rahmen. Alles andere rentiert sich nicht bei den zu erwartenden Sicherheitsstandards. Außerdem denke ich, dass die Menschen nach dieser Krise sowieso andere Sorgen als Urlaub und Freizeitausflüge haben. Eine richtige Saison werden wir nach meiner Einschätzung frühestens wieder im Winter haben. 
Interview: Karin Gamper
Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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