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„Ein Restrisiko bleibt immer“

Mattias Mair

Telefonische Pre-Triage, Behandlungen nur mit Handschuhen und Maske, Oberflächendesinfektion nach jedem Patienten: Der Bozner Physiotherapeut und Osteopath Matthias Mair erzählt, wie Corona die Arbeit seiner Zunft verändert hat und verändern wird.

TAGESZEITUNG Online: Herr Mair, was macht ein Physiotherapeut in Zeiten von Corona?

Matthias Mair: Er versucht zunächst einmal per Telefon oder per Videokonferenz abzuklären, wie sich der Heilungsverlauf seiner Patienten entwickelt. Wenn notwendig, um Rückfälle oder Chronifizierungen zu vermeiden, holen wir die Patienten dann in die Praxis, sofern sie nicht einer Risikogruppe angehören, in den letzten 14 Tagen keine Corona-spezifischen Symptome und keine Kontakte zu Infizierten hatten.

Übrigens haben wir den Stillstand in der Praxis für eine Grundreinigung des Bodens und genutzt und die Praxis geweißelt.

Wenn Patienten zu Ihnen in die Praxis kommen, wie arbeiten Sie mit ihnen?

Mit Handschuhen und Maske. Die Hände werden ständig desinfiziert. Bestimmte Therapien und Anwendungen machen wir derzeit nicht. Bei gewissen Therapien in Gesichtsnähe tragen wir FFP2-Masken, gewöhnlich tragen wir chirurgische Masken.

Auch der Patient hat eine Maske?

Ja. Die bringt er normalerweise mit. Wenn er nur eine ungenügende Schutzmaske hat, dann bekommt er sie notfalls von uns.

Wie kann man sich die Arbeit eines Physiotherapeuten jetzt vorstellen?

Man versucht, den Abstand einzuhalten, wo es möglich ist. Bei der manuellen Therapie hält man sich an die Vorsichtsmaßnahmen. Zwischen jedem Patienten, also nach jeder Behandlung, werden die Oberflächen – Türklinken, Liege, Schreibtisch, Geräte etc. – desinfiziert. Auch schauen wir, die Termine so festzulegen, dass es zwischen den Patienten zu keinem direkten Kontakt kommt. Und wir haben im Wartezimmer auch die Zeitschriften entfernt, damit nicht der eine Patient in der Illustrierten blättert, die der Patient davor angeschaut hat. Auf haben wir Informationsmaterial zur Einhaltung der Sicherheitsmaßnahmen aufgelegt.

Welche Patienten behandeln Sie derzeit nicht?

All jene Patienten, bei denen die Behandlung nicht dringend ist, jene die einer Risikogruppe angehören und natürlich jene, die Covid-19 positiv sind oder in Verdacht stehen.

Die Physiotherapeuten konnten auch während des Lockdowns arbeiten?

Die Praxis war bis letzte Woche zu, aber wir haben die wichtigsten Patienten kontaktiert, um zu sehen, wie es ihnen geht, wo sie stehen. Alle irgendwie aufschiebbaren, nicht dringenden Behandlungen haben wir aufgeschoben. Einigen haben wir telefonische Beratung gegeben oder per Videokonferenz Verlaufskontrollen durchgeführt und Heimübungen instruiert.

Aber Sie hätten voll arbeiten dürfen?

Physiotherapie ist ein Gesundheitsberuf und steht auf der ATECO-Liste, wäre also vom Lockdown ausgenommen gewesen. Unser nationaler Verband hat uns empfohlen, alle Behandlungen auszusetzen, außer absolut akute Notfälle, denn es gibt ja auch die ethische und moralische Pflicht, das Risiko der Verbreitung des Virus zu reduzieren. Daran haben wir uns gehalten. Jetzt, mit Beginn nächster Woche, fahren wir unsere Tätigkeit wieder langsam hoch …

Wie wird Corona Ihre Arbeit verändern?

Unsere Arbeit wird aufwändiger, weil man auf zusätzliche Hygienemaßnahmen achten muss. Nach jedem Patienten wird – wie gesagt – der Raum desinfiziert. So lange das Virus grassiert, werden wir mit Maske arbeiten müssen, mit der man schlechter atmen kann. Mit den Handschuhen hat man weniger Gefühl in den Fingern. Und gewisse Therapien wird man entweder vermeiden oder sich entsprechend schützen …

Ein Beispiel?

Nehmen wir die Kiefergelenkstherapie, wo man bei geöffnetem Mund bzw. teilweise im Mund arbeitet. Diese Therapie werden wir – sofern wir sie machen – nur mit Visier oder Schutzbrille und eventuell Schutzmantel machen. Unsere Arbeit muss aber weitergehen, wir müssen schauen, den Patienten die bestmögliche Behandlung zukommen zu lassen.

Wie gehen die Patienten mit der Situation um?

Grundsätzlich merkt man, dass vor allem allein lebende Menschen auch psychisch unter dem Hausarrest leiden. Diese gilt es auch mental etwas aufzubauen und ihnen Zuversicht zu geben. Die zusätzlichen Maßnahmen in der Praxis werden sehr positiv aufgenommen und auch gewissenhaft befolgt. Auch an das sich Gegenübertreten mit der Maske gewöhnt man sich schnell.

Die Patienten sind sehr froh, wenn sie wieder behandelt werden können. Generell habe ich das Gefühl, dass diese Zeit das Gesundheitsbewusstsein der Patienten sehr in den Vordergrund rücken lässt.

Sie selbst haben keine Angst, infiziert zu werden?

Ich persönlich habe eigentlich keine Angst, aber den notwendigen Respekt. Ich denke: Wenn man sich an die Maßnahmen hält, kann man sich gut schützen.

Sie nehmen aber nicht alle Patienten?

Wenn wir eine Behandlung in der Praxis für notwendig erachten, machen wir eine telefonische Triage, das heißt, wir fragen die Patienten, ob sie wissentlich Kontakt zu Infizierten hatten, wir fragen sie, ob sie in den letzten zwei Wochen auffällige Symptome hatten und wo Sie sich aufgehalten haben. Aber eines ist klar: Ein Restrisiko, sich zu infizieren, bleibt immer.

Die Videokonferenz wird also auch für die Physiotherapeuten zu einem Arbeitsinstrument?

Ja, ich kann einen Patienten beobachten, ob er die Übungen richtig macht, ich kann die Beweglichkeit kontrollieren und schauen, ob der Verlauf passt.

Wie wird sich die Coronakrise entwickeln?

Es ist schwer zu sagen, weil auch die Wissenschaft mit jedem Tag neue Erkenntnisse bringt, man aber noch über viele Dinge nicht Bescheid weiß. Ich bin ein positiv eingestellter Mensch, daher glaube ich: Wenn die Leute die Regeln einhalten, dann wird sich die Situation positiv entwickeln, auch wenn uns das Virus noch lange begleiten wird. Ich bin auch sehr dafür, dass die Leute wieder rausgehen und am sozialen Leben teilnehmen können, denn das Immunsystem wird nur schwächer, wenn die Menschen lange daheim eingesperrt sind. Manchmal habe ich allerdings das Gefühl, dass sich einige Menschen der Situation noch nicht ganz bewusst sind, wenn ich sehe, dass sie sich in Gruppen zusammenfinden zum Ratschen oder Spazieren, allerdings ohne Abstand zu halten und mit der Maske unter dem Kinn.

Interview: Artur Oberhofer

 

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