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Der Herzenseuropäer

Der Herzenseuropäer

Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher ist Kopf des Tages in der renommierten Frankfurter Allgemeinen: Der SVP-Politiker wird für seinen proeuropäischen Einsatz in der Flüchtlingskrise gewürdigt.

Im Artikel von Italien-Korrespondent Jörg Bremer wird Arno Kompatscher als „Herzenseuropäer“ betitelt. Dort heißt es:

„Für den Südtiroler Landeshauptmann Arno Kompatscher wäre ein Zaun oder gar eine Mauer auf dem Brenner mehr als nur eine weitere Blockade im Schengen-Europa der freien Fahrt. Denn für ihn wie für alle italienischen Bürger deutscher Abstammung in Südtirol ist der offene Brenner „Symbol der Überwindung der nationalstaatlichen Egoismen“ der vorigen Jahrhunderte, „Triumph über die schwer bewachte Grenze“, mit der die Diktatoren Hitler und Mussolini ihre Reiche gegeneinander abschotteten, und auch Grundlage dafür, dass sich das deutschsprachig geprägte Südtirol in Italien als autonome Provinz wirtschaftlich stark und politisch selbstbewusst wie eine Brücke über die Alpen einrichten konnte.

In Bozen kann man weder die Weltkriege vergessen noch die Separatisten, die bis Ende der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts mit blutigen Anschlägen dafür kämpften, Südtirol wieder mit dem österreichischen Tirol zu vereinen, und auch nicht den Triumph, als mit der Vereinbarung von Schengen auf dem Brenner endlich wieder alle Barrieren fielen.

Mit Blick auf dieses historische Erbe ist für den 1971 in Völs am Schlern geborenen Juristen Kompatscher die Politik der Zaunbauer in Wien völlig unverständlich. Da mögen vielleicht 300 000 Menschen in Libyen darauf warten, endlich nach Italien und auch weiter nach Nordeuropa zu kommen, aber das sei doch „eine machbare Herausforderung“, sagt er, und „keineswegs Grund, rechten Populisten hinterherzurennen“.

Europa habe mit Kaltem Krieg, Öl- und Finanzkrise weit größere Herausforderungen gemeistert. Es handele sich doch um kleine Zahlen im Vergleich mit den 17 Millionen Flüchtlingen nach dem Zweiten Weltkrieg, gibt Kompatscher zu bedenken.

Der Pragmatiker in Bozen fühlt sich ein Stück weit auch persönlich verletzt, war es doch dem Politiker der regierenden Südtiroler Volkspartei (SVP) seit seinem Regierungsantritt 2014 gelungen, im großen Europa durch die Vernetzung seines Südtirols mit dem österreichischen Bundesland Tirol und der italienischen Provinz Trient ein kleines Herzeuropa zu schaffen, das nun gefährdet sein könnte.

Südlich der Alpen macht man bereits jetzt Verluste in zweistelliger Millionenhöhe aus, weil Touristen lange Schlangen fürchten. Schon jetzt gebe es Buchungsstornierungen, berichtet der Landeshauptmann.

Für Kompatscher ist auch schwer verständlich, warum man in Wien immer noch am „Klischee“ festhält, die Italiener kämen ihren Verpflichtungen nicht nach. Seit Monaten winke Rom die Migranten doch nicht mehr nach Norden durch wie noch im vergangenen Frühling. Sie werden vielmehr zu etwa 98 Prozent identifiziert. Und wie in anderen Regionen hält auch Südtirol Wohnplätze für sie vor.

Rom kontrolliere mithin den Fluss nach Norden. Allemal dürfe man Italien keinen Vorwurf daraus machen, dass seine Landesgrenzen schwer kontrollierbare Küsten sind. Es wäre gut, wenn sich Europa nicht mehr länger selbst belüge, sondern gemeinsam einen pragmatischen Weg aus der Krise finde, fordert Kompatscher.“

 

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