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    Willkommen Italia

    Der SVP-Abgeordnete Sepp Noggler erkundigt sich nach einer Willkommensbroschüre für Ausländer – um damit italienischen Touristen den Vinschgau zu erklären.

    Von Anton Rainer

    Bei aller Liebe zur fraktionsübergreifenden Zusammenarbeit: Es gehört auch in Südtirol nicht zum tagespolitischen Geschäft, dass sich Abgeordnete der Mehrheit für die Anliegen der Opposition einsetzen. Dementsprechend verwundert zeigt sich Sven Knoll auf Anfrage der TAGESZEITUNG über den Vorstoß eines SVP-Kollegen: „Keine Ahnung, warum Sepp Noggler unseren Antrag verfolgt“, sagt der Fraktionssprecher der Süd-Tiroler Freiheit, „vielleicht ist ja im Vinschgau was passiert.“

    Tatsächlich ist es genau umgekehrt: Nichts ist passiert – und das schon seit zwei Jahren. Am 10. Oktober 2014 beschloss der Südtiroler Landtag auf Anregung der Süd-Tiroler Freiheit die „Ausarbeitung einer Informationsschrift“, um ausländischen Bürgern Geschichte, Kultur, Sprachen, Religion, Sitten und Gebräuche des Landes näherzubringen.

    Sepp Noggler

    Sepp Noggler

    Ein inhaltlich „guter Vorschlag“, lobte SVP-Fraktionsprecher Dieter Steger damals stellvertretend für die Landtagsmehrheit, lediglich orthografisch wünschte er sich eine kleine Korrektur. „Südtirol gehört noch nicht der Süd-Tiroler Freiheit, sondern Südtirol ist Südtirol“, erklärte Steger etwas kryptisch – und forderte die Einbringer auf, in ihrem Antrag den Bindestrich aus dem Landesnamen zu entfernen.

    Die Süd-Tiroler Freiheit kam dem Anliegen nach und Philipp Achammer versprach als zuständiger Landesrat für Integration, die „sinnvolle Initiative“ bald umzusetzen. Man habe sogar „schon eine entsprechende Vorlage.“

    Heute, fast zwei Jahre später, fehlt von der beschlossenen „Willkommensbroschüre“ weiterhin jede Spur. „Die müsste eigentlich längst fertig sein“, klagt Sven Knoll, und verspricht, noch einmal bei den zuständigen Stellen „nachzufragen“. Wie Sepp Noggler also. Dass der Vinschger SVP-Vertreter Sven Knoll bei dessen eigenem Antrag zuvorgekommen ist, habe „weniger politische als pragmatische Gründe“, erklärt Noggler. Im Vinschgau nämlich wartet man aus ganz anderen Gründen auf die Willkommensbroschüre.

    „Glurns und das restliche Vinschgau sind im Sommer voll mit italienischen Touristen, die immer dieselben Fragen stellen“, gibt Sepp Noggler die Leiden der Tourismusvereine wieder, „unsere Reiseführer müssen die Geschichte des Landes wie von einem Tonbandl herunterspulen.“ Die bessere weil stimmschonendere Alternative: „Wir drücken ihnen einfach eine Broschüre in die Hand. Dieser Vorschlag eignet sich perfekt für italienische Touristen.“

    Dass die Willkommensbroschüre eigentlich für „ausländische Bürger“ ausgearbeitet wurde, wird hoffentlich niemand merken. Haut der Etikettenschwindel hin?

    Philipp Achammer

    Philipp Achammer

    „Najo“, zweifelt Philipp Achammer an den Hoffnungen Sepp Nogglers, „der Zweck dieser Broschüre ist doch ein anderer. Hier soll kulturfremden Mitbürgern der Alltag in Südtirol nähergebracht werden, inklusive Informationen über die Mülltrennung und den Schulbesuch.“ Touristen könnten damit wohl eher wenig anfangen. Dazu kommt laut Achammer der Fokus auf grafische Elemente, der auch Ausländern ohne italienische oder deutsche Sprachkenntnisse die Broschüren-Lektüre ermöglichen soll. Die Ausschreibung, die in den kommenden Tagen veröffentlicht wird, konzentriert sich folgerichtig in erster Linie auf die grafische Gestaltung der seit zwei Jahren ausständigen Info-Schrift.

    Und warum dauerte diese Ausarbeitung so lange? Erstens hofft Philipp Achammer, auch die Grundzüge der „Integrationsvereinbarung“ mit in die Broschüre packen zu können. Die aber soll erst in den nächsten Wochen in der Landesregierung Thema sein. Zweitens war die aus nur zwei Mitarbeitern bestehende Koordinierungsstelle für Integration lange damit beschäftigt, eine davon unabhängige Broschüre für Gemeindereferenten auszuarbeiten.

    Hier, so Philipp Achammer, wurden zeitliche Prioritäten gesetzt.

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    Kommentare (7)

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    • andreas

      Herr Noggler, meines Wissens habt auch ihr Vinschger Tourismusvereine mit der Aufgabe den Touristen Land und Leute in Bildern zu zeigen und zu erklären.

      Wenn sie jetzt um ein paar Euro zu sparen eine Broschüre für Migranten für Touristen missbrauchen wollen, zeigt es eigentlich nur, dass Hausverstand nicht zwingend notwendig ist um Politiker zu werden.

    • gredner

      Najo, italienische Gäste sind ja effektiv kulturfremde Mitbürger und mit der Mülltrennung haben sie auch so ihre Probleme.

      Hier in Gröden wird schon seit Jahrzehnten allen Gästen eine Urlaubsfibel in die Hand gedrückt, wo auch was zur Sprache, Geschichte und Kultur drin steht. Auch die Veranstaltungen, wichtige Adressen und Werbung finden darin Platz.

      Ich glaube, hier haben viele Tourismusverbände in Südtirol geschlafen, und daher wird wohl die Reorganisation in RMEs frischen Wind bringen. Das Problem dabei ist nur, dass man dabei auch jene Verbände wegrationalisiert, die hingegen sehr gut gearbeitet haben, wie jener von Gröden.

    • andreas

      Die TV sollen zusammengeschlossen werden, nicht wegrationalisiert, was aber wenig Sinn macht, wenn z.B. Gröden und Obereggen zusammenarbeiten sollen, da Gröden in einer ganz anderen Liga spielt.

      Auch andere TV haben so etwas ähnliches wie eure Fibel, warum Noggler dafür aber die Migrantenbroschüre missbrauchen möchte, leuchtet nicht recht ein.

      • gredner

        @andreas: die Tourismusvereine eines Tales sind bereits seit Jahrzehnten in Verbände zusammengeschlossen. Dies hat in einigen Tälern gut funktioniert.

        Wenn im Vinschgau oder in Bozen das nicht so geklappt hat, sollte man eben dort eine Neuorganisation vornehmen, nicht aber in Gröden den Tourismusverband abschaffen und alles von Obereggen bis ins hinterste Ahrntal unter einen Hut zu stecken versuchen – das kann nur daneben gehen.

        • andreas

          Danke für den Hinweis, kenne mich aber schon etwas aus.
          Die mit unter 4 Millionen Übernachtungen sollten sich zusammenschließen und dazu gehören nun mal die von Gröden und Obereggen. Die Aussage kam von einem Verantwortlichen von Obereggen, welcher berechtigterweise diese Bedenken hat.
          Die Zusammenschlüsse würden schon berücksichtigen, dass die Gebiete nebeneinander liegen, dass Ahrntal käme für die beiden Genannten nicht in Frage. Euer Problem ist, dass ihr viel zu wenig Übernachtungen habt, da die Sommersaison zu kurz oder wegen Reichtum geschlossen ist. 🙂

          • gredner

            Haha, so ein Schmarrn!
            Grad in Gröden ist der Sommertourismus recht stark und macht etwa 40% der Jahresunterkünfte aus. In Meran hingegen ist der Wintertourismus quasi Null.
            Und da Pustertal alleine an die 9 Mio Übernachtungen hat, hätte es dort nach deiner Logik keinen Zusammenschluss mit Gröden und weiteren Tälern gebraucht. Bozen mit nur 600.000 Übernachtugen war/ist das Problemkind, das diese Neuordnung vorangetrieben hat.

    • martinsenoner

      Finde auch, dass diese Broschüre, von der Vinschgau Marketing – Konsortial G.m.b.H. erstellt werden sollte

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