Du befindest dich hier: Home » Kultur » „Auf der Bühne bin ich oft ein Sauhund“

„Auf der Bühne bin ich oft ein Sauhund“

Peter Mitterrutzner: Es gibt keine Volksschauspieler, es gibt nur gute oder schlechte Schauspieler. (foto: Creative Creatures)

Peter Mitterrutzner: Es gibt keine Volksschauspieler, es gibt nur gute oder schlechte Schauspieler. (foto: Creative Creatures)

Peter Mitterrutzner ist der bekannteste und erfolgreichste Südtiroler Schauspieler. Er ist Ensemblemitglied am Volkstheater München, jährlich ist er in 2 bis 3 Filmen zu sehen. Derzeit tritt er am Stadttheater Bruneck bei den Felix Mitterer-Festspielen auf.

Tageszeitung: Herr Mitterrutzner, 15 Jahre hat man Sie nicht mehr auf einer Südtiroler Bühne gesehen. Warum?

Peter Mitterrutzner: Es ist sich nie ausgegangen.

Weil Sie am Münchner Volkstheater genug zu tun haben?

Ja. Die wenige Zeit, die mir außerhalb vom Theater bleibt, brauche ich für die Filmarbeit. Für die Felix Mitterer-Festspiele am Stadttheater Bruneck habe ich mir einen Monat freigeschaufelt, weil es ein elektrisierendes Projekt ist.

Sie und Mitterer elektrisieren einander?

Ich kenne ihn und bin eigentlich durch ihn groß geworden. Felix behauptet, dass ich der Schauspieler bin, der am meisten Mitterer gespielt hat. Das kann sein, ich weiß es nicht.

Wie haben Sie sich kennengelernt?

Ich habe vor bald 38 Jahren mit der Volksbühne Bozen „Kein Platz für Idioten“ gespielt. Damals habe ich den Felix kennengelernt, seither sind wir immer in Kontakt miteinander geblieben. Wenn er Filme macht, versucht er mich immer einzubauen und ich spiele gerne mit, wenn ich Zeit habe.

Mitterer und Mitterrutzner – zwei, die sich zwei gefunden haben.

Ich glaube schon. Ich schätze den Felix. Er ist nicht Goethe oder Schiller, aber er ist einer der besten zeitgenössischen Autoren, die den Leuten aufs Maul schauen. Ich bewundere ihn, wie er seine Ideen und Geschichten findet. Er ist einer, der den Leuten zuhört.

Stichwort Schiller– wann spielen Sie Mal einen großen Klassiker?

Habe ich am Volkstheater schon öfters gespielt, aber ich setze keine Prioritäten. Wenn ich auf der Bühne stehe, habe ich eine Gaudi oder nicht, egal, was ich spiele. Das Leben ist ein Schauspiel. Angefangen von der Taufe, über die Erstkommunion, bis zum Tod ist alles Theater. Immer spielt man etwas.

Alle Welt nennt Sie einen Volksschauspieler. Ist das etwas anderes als ein Schauspieler?

Diese Frage haben die Journalisten auch dem Intendanten des Münchner Volkstheater Christian Stückl im Rahmen eine Dokumentation über mich auf 3Sat gestellt. Seine Antwort lautete: Es gibt keine Volksschauspieler, es gibt nur gute oder schlechte Schauspieler. Schauspieler ist Schauspieler. Ein Klassiker-Schauspieler muss ein Volksstück spielen können und umgekehrt. Diese Unterscheidung macht keinen Sinn.

Sind Sie ein lustiger Mensch?

Weiß ich nicht. Ich lache und unterhalte mich gerne, aber ein bisschen geistreich muss es schon sein. Aber ich bin kein Blödelbarde auf der Bühne, damit kann ich nichts anfangen. Gaudi und Blödsinn machen auf der Bühne hat seine Berechtigung, aber ich habe keinen Draht dazu.

Man kennt Sie vor allem aus sehr ernsten Rollen. Spielen Sie auch Komödien?

Peter Mitterrutzner und Lucas Zolgar in Felix Mitterers Stück „Kein Platz für Idioten“: Ich fange bei jedem Stück ganz am Boden an. Alles, was ich schon kann, muss weg.

Peter Mitterrutzner und Lucas Zolgar in Felix Mitterers Stück „Kein Platz für Idioten“: Ich fange bei jedem Stück ganz am Boden an. Alles, was ich schon kann, muss weg.

Oh ja, in München spiele ich oft in Komödien. Mit viel Lust und Freude, aber es muss mit Geist sein. Es gibt auch in den Mitterer-Stücken viel zu lachen. Bei „Sibirien“ lachen die Leute viel, obwohl es eine traurige Geschichte ist. Es ist ein Lachen mit einem Kropf im Hals. Ich bin kein Komödiant, ich mag das nicht und ich mag es auch nicht anschauen.

Mitterers Stück „Kein Platz für Idioten“ spielt in den 1970er Jahren, für das der Autor auf authentisches Material zurückgegriffen hat. Kennen Sie solche Geschichten aus der Realität?

Ja, in meiner Kindheit hat man solche Geschichte nicht nur einmal sondern öfters erlebt. Es geht um Ausgrenzung und um Außenseiter – zwei zeitlose Themen. Der behinderte Bub und der Blattl Hans, der auch nicht ganz holla ist, die sollen weg, weil sie die Gäste stören. Selbst die Mutter ist eine Außenseiterin, eine Getretene. Das ist in der Hotelerie heute noch Realität. Das ganze Jahr arbeiten, keine Zeit für die Kinder und einmal für 14 Tage nach Hawai.

Aber das Bewusstsein für Behinderte ist doch ein anderes geworden.

Das schaut so aus, aber ich glaube das nicht. In Wahrheit sind alle froh, wenn man sie nicht sieht. Die Betreuung ist natürlich ganz anders als früher, als man sie einfach versteckt hat. Heute werden sie in so wunderbaren Pflegeheimen betreut, dass man sich fragt, ob die überhaupt etwas davon haben? Vielleicht möchten sie lieber irgendwo draußen mit Speckern spielen. In dem Stück geht es aber nicht um den Behinderten, es geht um den Außenseiter und wie die Gesellschaft auf diese Menschen reagiert. Er ist halt da, aber er darf auf keinen Fall stören.

Erschreckend ist die Brutalität der Mutter, die ihr Kind eine „Strafe Gottes“ nennt.

Wir interpretieren das in unserer Inszenierung anders. Sie ist brutal, aber sie ist auch eine Leidende. Eigentlich liebt sie das Kind, aber sie darf nicht. Deshalb hasst sie es.

„Sibirien“ steht auch auf dem Programm. Wie oft haben Sie das schon gespielt?

Ein paar Dutzend Mal. Für mich ist das eines der besten Stücke von Mitterer. Es enthält sehr viele Feinheiten, man kann lauthals lachen, obwohl es fürchterlich tragisch ist. Die Aufführung des Stückes in Telfs war der Höhepunkt meiner Schauspielerei. 800 Leute im Saal, ich allein auf der Bühne, danach stehender Applaus.

Machen einen solche Highlights zur Rampensau?

Nein. Für mich ist Demut auf der Bühne das Gebot Nummer eins. Wenn ich Sibirien spiele und bekomme nachher Applaus, höre ich das zwar, aber innerlich bin ich zusammengebrochen.

Demut – dieses Wort hört man selten von einem Schauspieler.

Theater und das Publikum geben mir viel, aber das Wichtigste ist, dass ich mich selber in jedem Stück neu kennenlerne. Dafür ist Demut Voraussetzung. In jedem Mensch steckt ein Mörder, ein Verbrecher, aber auch ein Heiliger – auch in mir. Auf der Bühne entdecke ich nicht selten, dass ich ein Sauhund bin. Man muss bei jedem Stück ganz unten anfangen. Es ist für mich ein Gräuel, wenn ich höre: Ah, toller, erfahrener Schauspieler, der macht das mit links. Nein, ich fange bei jedem Stück ganz am Boden an. Alles, was ich schon kann, muss weg.

Und das mit fast 75 Jahren.

75 Jahre und ich kenne mich selber noch nicht, geschweige denn andere Leute. Ich entdecke auf der Bühne Aspekte von mir, die ich mir nicht zugetraut hätte, aber die stecken halt auch in mir. Das zu entdecken, treibt mich an. Mich interessiert nicht, auf der Bühne Kunst zu machen, ich will Kunst selbst erleben. Ich für mich. Ohne Demut geht das nicht.

Funktioniert das auch im Film oder nur im Theater?

Im Film ist es nicht anders, auch wenn es sich nur um kurze Szenen handelt. Ich probe meist nicht, sondern rede mit dem Drehbuchautor. Dann wird gedreht und danach mit dem Regisseur besprochen, ob es passt. Peter Sämann hat jüngst zu mir gesagt: „Peter, das könnte man anders machen, aber nicht besser.“

Wie oft stehen Sie pro Jahr vor der Kamera?

Zwei bis drei Filme kommen jährlich zusammen, insgesamt etwa 60 Filme in den vergangenen 12 Jahren. In letzter Zeit schlage ich auch Angebote aus, zum Kummer von meiner Agentin. Ich mache nicht mehr jeden Schmarrn mit.

Sind Sie am Münchner Volkstheater fix engagiert?

In den ersten Jahren war ich fix engagiert, aber irgendwann war mir das zu viel. 5 bis 6 Stücke pro Jahr bedeutet oft eine Siebentage-Woche zwischen Proben und Aufführungen. Der Intendant hat mir die Möglichkeit gegeben, nebenbei meine Filme zu machen, aber mir ist die Zeit davongelaufen. Nur Theater und Film ist mir zu wenig, ich will ja auch leben. Jetzt habe ich einen Vertrag über zwei bis drei Stücke jährlich, das passt.

War das ein Risiko, als Sie in den 90er Jahren Ihren Beruf aufgegeben haben, um nur noch Schauspieler zu sein?

Nein. Ich war so lange im graphischen Gewerbe tätig, bis ich eine Mindestpension erworben habe. Das war für mich Voraussetzung, denn ich will nicht vom Theater leben müssen. Ich muss nicht wie viele Kollegen alles spielen, um zu überleben. Diese Unbekümmertheit brauche ich. Es gibt wahnsinnig viele Schauspieler, gute Schauspieler, die keine Arbeit haben. Und es gibt Schauspieler, die Geld wie Heu haben. Aber genug haben sie nie, die Gier treibt sie.

Von Peter Mitterrutzner heißt es, er sei immer ausgebucht. Wie machen Sie das?

Das weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass es seit meiner Pensionierung keinen Monat ohne Theater oder Film gegeben hat. In meiner Agentur bin ich aber der einzige, der strikt zu keinem Casting geht.

Nie erlebt?

Einmal bin ich hingegangen, um zu sehen, wie dieser Viehhandel funktioniert. Ich habe mich gar nicht vorgestellt, sondern bin gleich wieder umgekehrt. Solche Veranstaltungen sind unmenschlich, erniedrigend und demütigend. Da sitzen junge Leute, denen der kalte Schweiß auf der Stirn steht. Ohne mich.

Wie gehen Sie mit Misserfolgen um?

Ich habe nie einen erlebt.

Nie verrissen worden?

Die Kritiker in Südtirol sind ganz anders als die Münchner. Zu meiner Zeit hier haben die Kritiker geschrieben, um zu zeigen, wie viel sie vom Theater verstehen und wie gescheit sie sind. Worum es bei der Aufführung ging, war Nebensache. In München habe ich das nie erlebt. Bei meiner ersten Aufführung hat der Münchner Merkur geschrieben: „Peter Mitterrutzner war ein König“.

Nie gröbere Probleme mit Regisseuren?

Beim Film schon. Mir ist zweimal passiert, dass ich gesagt habe: Gottseidank habe ich den Vertrag noch nicht unterschrieben. Wenn ich einen Film mache, will ich vorher mit dem Regisseur reden. Erst dann entscheide ich. Das können sich wenig Schauspieler erlauben, weil sie davon leben müssen. Unter Schauspielern gibt es den Spruch: Ärgere dich nicht, starren Blick auf die Gage!

Was macht der Peter Mitterrutzner, wenn er nicht filmt oder auf der Bühne steht?

Er lebt. Ich bin gerne in der Natur, in meinem Garten, gehe wandern, unterhalte mit Leuten, mit denen die Wellenlänge stimmt. Nur Quatsch, Quatsch darf es nicht sein und schon gar nicht Politik. Ich informiere mich, aber Politik ist so was von öde und verlogen. Das Gegenteil von Demut. Schauen Sie, was die Politiker aufführen. Reden von Demokratie und Menschenrechten und dann kriechen sie Diktatoren in den Hintern, die die Menschenrechte mit Füßen treten. Bitte, ich bin in einem Alter, wo ich mich nicht mehr darüber ärgern will. Und verändern kann ich sowieso nichts.

Aber Sie gehen zur Wahl.

Ja, ich zahle ja auch Steuern. Das sind ja meine Gelder, die die Politiker ausgeben. Sie tun zwar so, als ob wir etwas von ihnen bekommen würden, aber in Wirklichkeit leben sie von uns.

Möchten Sie auf der Bühne sterben?

Muss ich nicht haben. Lieber auf einer Wiese oder auf der Alm.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Zur Person

Peter Mitterrutzner, 1942 in Albeins geboren, war Zeit seines Lebens ein Theaterbegeisterter. Neben seinem Beruf als Schriftsetzer wirkte er als Laienschauspieler und war in den 1970er Jahren Mitbegründer der Rittner Sommerspiele. Nach seiner Frühpensionierung machte er die Schauspielerei zu seinem Beruf und wurde 1999 Ensemblemitglied am Münchner Volkstheater. Daneben ist er in zahllosen Film- und Fernsehproduktionen zu sehen. Im Rahmen der Felix Mitterer-Wochen steht er derzeit im Stadttheater Bruneck in dem Stück „Kein Platz für Idioten“ und „Sibirien“ (ab 27. Mai) auf der Bühne.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
Clip to Evernote

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2013 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl - Alle Rechte vorbehalten. Impressum | AGB | Cookie Hinweis

Nach oben scrollen