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    Die Jehova-Hölle

    Die Jehova-Hölle

    25 Jahre war Hildegard Laimer Mitglied der Zeugen Jehovas – bis zu ihrem Rauswurf im vergangenen Jahr. Die 52-Jährige aus Lana über Gehirnwäsche, Manipulation und ihren Kampf um Aufklärung.

    von Erna Egger

    Hildegard Laimer steht die Enttäuschung ins Gesicht geschrieben: „Ich habe im wahrsten Sinne des Wortes meinen Glauben verloren.“ 25 Jahre lang war die zweifache Mutter aus Lana Mitglied der Zeugen Jehovas.

    „Ich war immer schon sehr neugierig, ich wollte Antworten auf meine vielen Fragen. Mich haben Religionen interessiert, daher habe ich mich auch viel damit beschäftigt“, erzählt die 52-Jährige. Bei den Zeugen Jehovas fand sie Antworten: „Sie nehmen die Bibel als Vorlage und geben mit ihr auf jede Frage eine Erklärung.“ Heute sagt sie: „Alle Antworten sind so zurechtgelegt, dass sie in ihr Konzept passen. Die Wachturmgesellschaft missbraucht die Bibel, um Menschen zu manipulieren und auszunutzen.“

    Das sah Laimer am Anfang nicht: 1989 schloss sie sich der Religion an, sie war von der Bibel „begeistert.“ Jahrelang hat sie das Buch der Bücher tagtäglich studiert und viel Zeit für die Religionsgemeinschaft investiert. Sie ging von Haus zu Haus, um Mitglieder anzuwerben und Broschüren zu verteilen. „Wie viel ich an Spendengeldern abgegeben habe, kann ich nicht mehr sagen. Tatsache ist, dass sich die Wachturmgesellschaft mit den Spendengeldern ihrer Mitglieder bereichert hat“, sagt die Frau.

    Vor einem Jahr habe sich dann die wahre Liebe unter den Zeugen Jehovas gezeigt: „Mein Mann geriet unter betrieblichen Stress, musste deswegen auch nach einem Unfall für längere Zeit ins Krankenhaus.“, sagt Laimer, „In dieser Zeit hat man uns fallengelassen. Wir waren nicht mehr nützlich, weil wir nicht mehr spenden und für sie arbeiten konnten.“ Das Ehepaar Laimer wurde vor drei intern ernannte Richter zitiert – und schlussendlich von der Gemeinschaft ausgeschlossen.

    Wenn sie jetzt an die vergangenen Jahrzehnte zurückdenkt, kann sie sich ihre Begeisterung nicht mehr erklären. Im Gegenteil: „Erwachet!“ nennt sich eine Zeitschriften der Religionsgemeinschaft. „Erwacht bin nun auch ich“, sagt sie. Ihr jetziges Resümee ist bitter: „Die Religionsgemeinschaft benutzt die Mitglieder, lässt sie für sich arbeiten und ist ein gut aufgebautes Machtsystem, das Frauen unterdrückt und nur darauf ausgerichtet ist, immer mehr Anhänger zu überzeugen, Geld zu liefern. Es wird Gehirnwäsche betrieben und Angst geschürt.“

    Die Mitglieder treffen sich allwöchentlich zu Versammlungen – diese sind für jedes Mitglied Pflicht. „Bei diesen Zusammenkünften wird einem das Paradies als Lohn versprochen. Es gibt nur Gebote und Verbote und alles wird von oberster Liga abgesegnet“, schildert Laimer.

    Eigentlich aber gehe es um etwas anderes: Bei den Treffen wird gelehrt, wie man Broschüren an den Mann bringt. „Es gibt permanente Schulungen, es wird instruiert, wann und wie oft man nach dem ersten Hausbesuch wiederkommen soll“, so Laimer.

    Die Broschüren zur Mitgliederakquirierung müssen von den Zeugen Jehovas selbst finanziert werden. „Es wird Buch geführt, wer wie viele Broschüren erworben hat. Auch die Arbeitsstunden für die Gemeinschaft werden detailliert aufgelistet. Ist den Oberen die Leistung zu gering, wird den Gläubigen ein schlechtes Gewissen eingeredet. Es entsteht ein Konkurrenzkampf unter den Mitgliedern.“

    Die Religion funktioniere nach einem patriarchalischen System: Die Männer können sich vom Studierenden zum Gehilfen bis zur Führungskraft vorarbeiten und dann noch weiter auf der Karriereleiter hochklettern. Frauen hingegen sind den Männern untergeordnet, sie haben nur Vorgaben einzuhalten: „Äußere Erscheinung, Verhalten und sogar die Gedanken werden vorgegeben. Als Frau ist man nichts, man hat nur die Aufgabe, neue Mitglieder zu gewinnen.“

    Weltweit besitzt die Organisation eine Vielzahl von Immobilien, Bauwerken und Versammlungsräumen, Baukomitees aus Anhängern der Religionsgemeinschaft arbeiten kostenlos. „Alle Spendengelder für Immobilien gehen an die Organisation“, sagt Laimer, „uns gehört nichts, wir dürfen die Gebäude nur nutzen. Jeder Einzelne wird zum Spenden genötigt, es wird Buch geführt. Es ist eine Manipulationsmaschinerie, die sogar die Kinder dazu bewegt, ihr Taschengeld abzugeben.“

    Im Jahresbuch werden nicht nur Spenden sondern auch die Arbeitsstunden jedes Einzelnen festgehalten und veröffentlicht. „Viele arbeiten nur mehr Teilzeit, um ihre Zeit der Gemeinschaft zur Verfügung stellen zu können. Für diese Stunden wird man nicht entlohnt, auch ist man nicht versichert, mit den entsprechenden Folgen im Alter. Alles wird im Namen Gottes gerechtfertigt“, erzählt Laimer.

    Diese Unterdrückung hat die Familie Laimer jahrelang im guten Glauben toleriert: „Nach Jahren bei den Zeugen Jehovas hat man nur mehr dort Freunde. Von Andersgläubigen isoliert man sich immer mehr.“

    Ihre beiden Töchter haben sich im Jugendalter von dieser Gemeinschaft distanziert. „Ich ließ ihnen immer ihre freie Entscheidung“, sagt die Mutter heute, „sie wollten von dieser Religion nichts wissen. Für mich war das nicht schlimm. Ich und mein Mann wurden jedoch als schlechte Eltern abgestempelt“.

    Auch nach dem Ausschluss aus der Gemeinschaft hoffte Familie Laimer auf das Verständnis der anderen Mitglieder. „Wir wollten unsere Freunde aufklären, was da alles abläuft“, erzählt die 52-Jährige, „Aber ihnen wurde verboten, mit uns zu reden, sie durften uns nicht mal mehr grüßen. Das letzte Mal drohte man uns sogar an, die Polizei zu holen und uns rauschmeißen zu lassen“, ist Laimer enttäuscht.

    Erst dadurch entfernte sich das Ehepaar von der Religionsgruppe. „Anfangs taten wir uns schwer. Wir hatten abseits dieser Gesellschaft keine Freunde mehr, wir fühlten uns isoliert. Aber heute bin ich froh und frei: Ohne Angst und Druck kann ich mein Leben genießen.“

    Das Ehepaar will nun auch anderen die Augen öffnen. „Wir können nicht mehr still sein. Wir wollen, dass alle wissen, wie das System funktioniert“, sagt Laimer. Sie ist nicht die einzige: „Im Internet sind haufenweise Erfahrungsberichte mit den Zeugen Jehovas zu lesen. Alle waren zuerst geblendet von der vorgegaukelten heilen Welt – bis sie erwachten“.

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    Kommentare (12)

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    • andreas

      Was ist jetzt aber neu daran, dass Religionen oder Sekten manipulativ und patriarchalisch sind und die Mitglieder zum Macht- und Besitzerhalt dienen?
      Wenn man dies den Betroffenen sagt, glauben sie es sowieso nicht, also bekommen sie es manchmal halt auf andere Weise mit.
      Wer in einer Traumwelt leben will, soll das machen, sich hinterher aber beklagen, dass es nur eine Traumwelt war, macht eigentlich wenig Sinn.

      • issy

        Nun, es macht schon einen Unterschied von wem es kommt. Wenn ein ehemalig Betroffener aufklärt, wirkt dies nochmal anders als wenn das nur ein Außenstehender sagt.
        Abgesehen davon, ob Sekte oder Kirche, große Unterschiede gibts da nicht. Die Kirchenreichtümer, der Lebenswandel z.B. eines Kardinals Bertone wird nun mal mit Spendengeldern von Gläubigen finanziert. Wie oft werden betagte Senioren von scheinheiligen Geistlichen dazu überzeugt ihr Vermögen der Kirche zu vermachen?

        Machen wir uns nichts vor, sobald Menschen seit ihrer Kindheit mit religiösen Vorstellungen programmiert sind, ist es ein leichtes diese Gutgläubigkeit zu missbrauchen und das ist wohl auch das Ziel des Kirchenapparates.

        • yannis

          @issy
          3. April 2016 um 08:03

          auch meine Meinung !

          >>>>Machen wir uns nichts vor, sobald Menschen seit ihrer Kindheit mit religiösen Vorstellungen programmiert sind, ist es ein leichtes diese Gutgläubigkeit zu missbrauchen<<<<

          dies ist bei allen Religionen so, nicht zuletzt bei den Muslimen denen von Kindheit der angeblich einzig "richtige" Glaube ins Hirn gedroschen wird, mit Dingen wie: die Frauen werden nur als "Nutzvieh" angesehen, Tiere schächten, Ehrenmord gehört zur Kultur, Zwangsverheiratung unter Cousin`s usw. usf.
          Aber der schlimmste Glaube herrscht zur Zeit unter unseren "Volksvertretern" die glauben das sich eine Klientel wie oben beschrieben integrieren ließe, bzw. uns dies glauben machen wollen.

    • meintag

      Habe neulich einen Bericht über die weissen Monarchen und die schwarzen Monarchen von Italien angeschaut. Als die schwarze Monarchie wird der Kirchenstaat angesehen wie seine Struktur aufgebaut war/ist und wie die Macht bis zum letzten Bürger ausgeübt wurde. Bin schon seit Jahren kein Kirchengänger mehr und dieser Bericht hat meine Annahme hinsichtlich Glauben und Kirche bestärkt.

    • andre

      Ich selbst war von meiner Kindheit an bis zum Alter von Mitte Dreißig in dieser Religionsgemeinschaft, war jahrelang als hauptamtlicher Prediger (Allgemeiner Pionier) und als Ordensmitglied (Betheldiener) tätig. Viele Punkte im obigen Artikel kann ich bestätigen – Zeugen Jehovas sind keine freien Menschen und benutzen Bibelzitate, um Menschen zu entmündigen und zu lenken.

      Da ich im Laufe der Jahre viele leitende Köpfe dieser Organisation kennengelernt habe und als Ordensmitglied auch Einsicht in die Finanzen hatte, widerspreche ich den Aussagen in Bezug auf die Spendenpraxis der Zeugen vehement. Kein einziger Zeuge bereichert sich an den Spenden der Mitglieder. Die Mittel werden, wie es bei auf Spendenbasis arbeitenden Organisationen üblich ist, für die den Spendern bekannten Zwecke eingesetzt. Ja, es wird gelegentlich zum Spenden „ermuntert“, also aufgefordert. Aber niemand kontrolliert, wer wieviel spendet. In jedem Gotteshaus der Zeugen (Königreichssaal) befinden sich Spendenkästen, in die man anonym und unbeobachtet spenden kann. Nur wer will, wählt eine nicht anonyme Spende per Überweisung.

      Zudem wurde Frau Laimer nicht aus der Gemeinschaft ausgeschlossen, weil sie nicht mehr für sie nützlich war und für sie arbeiten wollte. Ein solcher religionsrechtlicher Schritt ist bei den Zeugen nicht möglich. Stattdessen schließen Zeugen Menschen aus, die sich entweder nicht mehr an die moralischen Regelungen der Gemeinschaft halten (kein Sex außerhalb einer heterosexuellen Ehe etc.) oder die ihre Kritik an den Lehren der Zeugen offen äußern.

      Warum sind mir diese Klarstellungen wichtig? Weil es nicht angeht, dass einer sehr zweifelhaften Religionsgemeinschaft Manipulation vorgeworfen wird, und man die Leser dieser Zeitung gleichzeitig ebenfalls durch Manipulationen, Unwahrheiten und dem Weglassen von Fakten ein falsches Bild von dieser Religionsgemeinschaft vermittelt. Auch ein sehr emotionaler Kampf sollte mit fairen Waffen ausgetragen werden. Es gibt ausreichend sachlich belegbare Kritikpunkte. Man braucht keine weiteren erfinden.

    • rob

      Ich bin selber jahrelanges Mitglied bei Jehovas Zeugen und würde mich selber als sehr kritisch und skeptisch beschreiben. Es gab und gibt sicher Fälle von ausgeschlossenen Personen, die sehr diskussionswürdig sind. Aber der Artikel von Frau Laimer ist meines Erachtens sehr sehr reisserisch. Viele Punkte erscheinen mir glatt weg gelogen und erfunden. Für mich scheint Frau Laimer einfach nur sehr viel Aufmerksamkeit erreichen zu wollen.
      Hat die Redakteurin irgendwelche Belege für die derart negativen und bösartigen Unterstellungen von Frau Laimer? Ich denke nicht. Warum? Weil das meiste, wie von ,,andre“ schon beschrieben, einfach nur sehr reisserisch und keinesfalls glaubwürdig klingt. Jedes Mitglied und jeder, der sich über längere Zeit sachlich neutral mit den Zeugen Jehovas auseinandersetzt weiß, das sie einfach nur versuchen nach biblischen Maßstäben zu leben. Dabei wird leider oft über das Ziel hinausgeschossen und es werden immer wieder Fehler gemacht, wie es von unvollkommenen Menschen eben zu erwarten ist.
      Es mögen sicher in Frau Laims Gemeinde Fehler gemacht worden sein, aber es werden weder Mitglieder zu spenden genötigt, Frauen unterdrückt, Mitglieder zum arbeiten gezwungen. Das ist einfach gelogen.
      Und wenn Frau Laimer in großen Lettern in der Tageszeitung erzählt, die Mitglieder seien nicht versichert wenn sie gemeinnützig arbeiten, so stimmt das auch einfach nicht. In Deutschland ist man auf Baustellen der Gemeide und bei besonderen Aktivitäten durchaus versichert. Wie das in anderen Ländern aussieht, weiß ich nicht. In anderen Ländern sind leider oft die Gesetze auch einfach nicht auf ehrenamtliche Arbeit ausgelegt. Das ist sehr traurig und wird von allen offiziellen ehrenamtlichen Organisationen bemängelt!

      Kurz und gut, ich halte die Aussagen von Frau Laimer größtenteils für sehr unglaubwürdig. Jedem Interessierten kann ich nur einen persönlichen sachlichen und fairen Dialog mit Jehovas Zeugen aus seiner Nachbarschaft empfehlen. Sie beissen nicht!
      😉

    • maurizio

      Certo che metterci 25 anni per capire……meglio tardi che mai……@rob No non mordono , fanno semplicemente pena…sono un‘ offesa all‘ intelligenza umana….ti basta ?

    • bastyoje

      Nach 73 Jahren – Anerkennung der Religionsgemeinschaft

      73 Jahre nach dem Massenmord an dieser religiösen Minderheit (u.a.) konnte endlich auch das Anerkennungsverfahren der Jehovas Zeugen in Deutschland abgeschlossen werden. Sie erhielten zuletzt in Nordrhein-Westfalen (NRW) unter Hannelore Kraft, die Anerkennung als Körperschaft des öffentlichen Rechts (KdöR), 10 Jahre nach Antragstellung. Im vorletzten Bundesland, Bremen, musste ein Verfassungsartikel durch das Bundesverfassungsgericht gekippt werden. Diese Vorgänge zeigen, ein weiteres mal, wie schwierig die Aufarbeitung der NS-Verbrechen in Deutschland ist.

      https://recht.nrw.de/lmi/owa/br_vbl_detail_text?anw_nr=6&vd_id=16127&ver=8&val=16127&sg=0&menu=1&vd_back=N

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