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Verhaltene Stimmung

Foto: SABES/ 123rf

Laut Wirtschaftsforscher Luciano Partacini blicken Südtirols Betriebe nach den Erfahrungen von 2020 vorsichtig in die Zukunft. Ein Gespräch über Sorgenkinder, Hilfsgelder, Preisanstiege und Arbeitslosigkeit.

Tageszeitung: Herr Partacini, ist Südtirols Wirtschaft schon zur Normalität zurückgekehrt?

Luciano Partacini (Direktor des Amtes für Wirtschaftsinformation der Handelskammer Bozen): Noch nicht ganz, denn die Krise hat Spuren hinterlassen. Man denke etwa an die Liquidität der Betriebe. Die Stimmung hat sich wesentlich gebessert, aber die Unternehmen sind derzeit aufgrund der Erfahrungen des letzten Jahres verhalten optimistisch. Im Sommer 2020 hatten sich einige zu früh gefreut, ehe im Herbst die zweite Corona-Welle kam. Jetzt sind die Unternehmen vorsichtiger und warten auf eine Bestätigung der aktuell guten Lage im Herbst. Generell wird sicher die eine oder andere Firma Schwierigkeiten haben. Es wird vermutlich einige Konkurse geben, wobei es derzeit sehr wenige sind. Gleichzeitig werden auch einige Menschen ihren Job verlieren. Es wird vermutlich einige Härtefälle geben, aber wir erwarten keine Pleitewelle oder massive Steigerung der Arbeitslosigkeit. Zu beobachten ist auch eine Vorsicht bei den Investitionen, die das normale Niveau noch nicht erreicht haben. Die Unternehmen sind diesbezüglich sehr verhalten. Die Ungewissheit über die zukünftige Entwicklung der Pandemie verhindert in vielen Bereichen größere Investitionen.

Gibt es Sektoren, die Ihnen noch Sorgen bereiten?

Vor allem jene Sektoren, die die meisten Probleme gehabt haben. Sie würden im Falle einer weiteren Corona-Welle im Herbst wieder die meisten Probleme bekommen. Also Tourismus, Skigebiete, persönliche Dienstleistungen und Einzelhandel. Es sind immer dieselben Sektoren, die von Einschränkungen am meisten betroffen wären. Im Einzelhandel hat die Krise zudem den Trend zum Online-Kauf weiter beschleunigt. Damit hat der Einzelhandel sicher teilweise permanent einen Schaden erlitten.

Reichen die Hilfsgelder von Staat und Land, die in Summe weit geringer sind als die Unterstützungen in Deutschland und Österreich?

Die Frage ist, was demnächst passieren wird. Die Hilfsgelder haben zusammen mit den Kreditstundungen schon sehr geholfen, auch wenn es weniger war als anderswo. Ob es reicht, hängt letztendlich aber von der weiteren Entwicklung ab. Im Falle weiterer Lockdown-Maßnahmen wird es für die genannten Sektoren natürlich sehr schwierig. Man kann kurzfristig vielleicht noch etwas mehr Geld hineinpumpen, aber langfristig wird das keine Lösung sein.

In den letzten Monaten wurde das Thema Inflation immer aktueller. Wie groß ist die Gefahr der Inflation in Südtirol?

Eher moderat. Wir starten von einer sehr geringen Inflation und hatten in den letzten zwölf Monaten eine Inflation von 2,5 Prozent. Nur hat diese Inflation nicht nur mit der wirtschaftlichen Erholung zu tun, bei der steigende Preise normal wären, sondern wir haben eine nicht wirklich gesunde Inflation, weil sie auch stark mit den Rohstoffpreisen verbunden ist. Sei es beim Öl, aber auch bei Nicht-Energie-Rohstoffen wie Metalle und Holz, sind die Preise aus verschiedenen Gründen enorm angestiegen. Die Materialengpässe und steigenden Rohstoffpreise sind ein Problem und beeinträchtigen zum Teil den Aufschwung. Ich rechne eher mit einer vorübergehenden Situation und einer baldigen Entspannung auf den Rohstoffmärkten, aber die Analysten sind sich hier uneins.

Jetzt läuft der Kündigungsschutz aus, wobei man die Auswirkungen wohl erst bis Jahresende sehen wird. Mit welcher Arbeitslosenquote rechnen Sie am Ende dieses Jahres?

Sie ist bereits etwas angestiegen, aber ich glaube nicht, dass sie weiter massiv ansteigen wird. Das hängt natürlich davon ab, was mit dem Tourismus passiert. Niemand weiß aber, wie sich die Pandemie entwickeln wird. Angenommen die Situation verbessert sich, gehe ich von keiner weiteren Steigerung der Arbeitslosigkeit aus.

Angenommen es gibt tatsächlich keine größeren Corona-Einschränkungen mehr: Wann wird Südtirol das Vorkrisenniveau erreichen, was die Wirtschaftsleistung betrifft?

Laut unserer letzten Prognose erwarten wir heuer ein Wirtschaftswachstum zwischen einem und vier Prozent. Wenn es keine weiteren Lockdown-Maßnahmen gibt, könnten wir eher in Richtung oberer Grenze gehen. Aber nachdem Südtirol letztes Jahr rund zehn Prozent des Bruttoinlandsproduktes verlor, werden wir vermutlich erst 2023 das Vorkrisenniveau erreichen.

Interview: Heinrich Schwarz

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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