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Anthonys Welt 

Anthony Hopkins hat für seine Hauptrolle in „The Father“ den Oscar bekommen

„The Father“ ist ein spannender Film, obwohl oder gerade weil er in die Welt der Demenz entführt.

von Renate Mumelter

Beginnen muss ich mit einer persönlichen Geschichte. Als meine Mutter älter wurde, entglitt ihr die Welt. Zwar erkannte sie uns Kinder bis zuletzt, aber sonst geriet ihr einiges durcheinander. Ein Gespräch am Kaffeehaustisch hat sich mir besonders eingeprägt. Es war Sommer, wir saßen im Freien, gegenüber der Dom. Mutter schaute entspannt dorthin und sagte unvermittelt „Schau, wieviel Schnee dort liegt“. Ich war verblüfft, sagte ja, und das war gut so.

Mit Demenz kannte ich mich aus. Ich bin mit einem Großvater aufgewachsen, der viele Jahre lang dement war. Trotz dieser oder vielleicht wegen dieser Erfahrungen stelle ich mir erst jetzt, wo ich älter werde, eine der grundlegenden Fragen zum Thema. Ich frage mich, wie sich Demenz anfühlt, und ich frage mich, ob diese Erfahrung (die ich nie machen möchte) auch ungeahnte Seiten haben könnte.

Der Vater – The Father

Der französische Theaterautor und Regisseur Florian Zeller hatte sich schon 2012 im Theaterstück „Der Vater“ Gedanken darüber gemacht. „The Father“ ist nun eine Adaption seines Stücks. Die Hauptrolle besetzte er mit Anthony Hopkins. Dass es die Idealbesetzung war, bestätigt der Oscar, den Hopkins dieses Jahr für die beste Hauptrolle bekam. 

Anthony Hopkins spielt Anthony, einen alten Mann, der es gewohnt ist, selbstständig zu leben, der körperlich fit ist, dessen Kopf aber eigene Wege geht. Anthony braucht Betreuung, will aber keine. Seine Tochter bemüht sich sehr um ihn, versucht ihm ein angenehmes und sicheres Leben zu ermöglichen. Es ist für sie sehr belastend, denn der Vater von früher ist nicht mehr. Anthony lebt zwischen Trauer, Zorn, Euphorie, Trotz und Desorientierung. 

Die Welt verschwimmt – auch im Kino 

Zeller nimmt das Publikum mit hinein in Anthonys Welt. Das ist das Besondere und Faszinierende an „The Father“. Der Film erzählt nicht aus der Perspektive der „normalen“ Welt, zeigt nicht den Blickwinkel der Tochter oder der Pflegerin. Der Film erzählt aus Anthonys Sicht, und das ist immer wieder äußerst verwirrend, macht eine Einordnung schwer. Irgendwann weiß man vom Kinosessel aus nicht mehr, ob die Wohnung die gleiche oder doch eine andere ist, die Zeitebenen verschwimmen, die Menschen verändern sich schlagartig, oder es stehen plötzlich Unbekannte im Raum. Bedrückend und faszinierend zugleich. 

„The Father“ verzichtet zwar nicht auf Musik, setzt diese aber sehr gezielt ein. Der Film lebt von der ungewöhnlichen Perspektive, aus der erzählt wird, von wenigen großen Schauspielerînnen, vor allem Anthony Hopkins und Olivia Colman, von einer wenig auffälligen aber raffiniert arrangierten Ausstattung und von der Geschichte, die er erzählt.

Ich empfehle natürlich die Originalfassung mit Untertiteln, die am Montag wieder zu sehen ist. 

„The Father“ GB/FR 2020, 98 Min., Regie: Florian Zeller mit: Anthony Hopkins, Olivia Colman

Außerdem: „Maternal“ von Maura Delpero und „Tina“ zur Biografie von Tina Turner mit vielen Originaldokumenten. 

„Nomadland“ im Filmtreff Kaltern (Wochenende)

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