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Große Schenkung an das Museion

Karl Heinz Steck, Aushängeschild des Archivio di Nuova Scrittura, 1988, Sammlung Museion / Archivio di Nuova Scrittura

Der Sammler Paolo Della Grazia hat dem Museion das Archivio di Nuova Scrittura (ANS) geschenkt. Diese umfangreiche Sammlung widmet sich der Erforschung des vielfältigen Spannungsfelds zwischen Bild und Sprache mit den Schwerpunkten konkrete und visuelle Poesie, Fluxus und Konzeptkunst.

Der Bestand wurde dem Museion 1998 als langfristige Leihgabe überlassen und geht jetzt dauerhaft in die Sammlung des Hauses über. Das Archivio di Nuova Scrittura umfasst ca. 1800 Arbeiten und gilt in diesem speziellen Bereich als eine der wichtigsten Sammlungen weltweit.

Bei aller Offenheit für internationale Positionen konzentriert sich das ANS vor allem auf die Werke italienischer Künstlerinnen und Künstler und baut auf die Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit von Ugo Carrega auf. Als einer der wichtigen Vertreter visueller Dichtung in Italien leitete er viele Jahre lang das Kulturzentrum Mercato del Sale in Mailand in der via Orti 16, in der auch das von dieser Institution beeinflusste Archivio di Nuova Scrittura seinen Sitz hatte. Der Aufbau des ANS ist Paolo Della Grazias Leidenschaft für neue und interdisziplinäre Formen von Kunst und Dichtung zu verdanken.

Die Beziehung zwischen Bild und Wort ist von früh an ein wichtiges Arbeitsfeld sowohl in den Ausstellungen als auch in der Sammlungstätigkeit des Museion gewesen. Im ANS präsente hybride Ausdrucksformen der 1960er und 1970er Jahre, die das Wort bzw. die Schrift involvieren, nehmen bestimmte Kunstpraktiken der Jahre 2000-2010 vorweg. Genau um diese Beziehung geht es beim nächsten Ausstellungsprojekt des Museion, „Here to Stay“.

Die Schenkung des ANS ist das Ergebnis eines langen Prozesses, der in den 1990er Jahren unter der Direktion von Andreas Hapkemeyer begann, der mit der Sammlungstätigkeit des Hauses und der ursprünglichen langfristigen Leihgabe die Grundlagen für einen wichtigen Nukleus aus Werken visueller und konkreter Poesie gelegt hat. Dieser Dialog wurde vom Museion unter der Direktion von Letizia Ragaglia fortbesetzt. Es ist eine Ehre, die über viele Jahre bestehende Beziehung zwischen Paolo della Grazia und der Sammlung Museion weiter festigen zu können und dessen Leihgabe in eine Schenkung umzuwandeln. Dieses Geschenk kündigt ein neues Kapitel in der Geschichte des Museion an und ist eine unglaubliche Investition in die Südtiroler Kulturlandschaft und deren internationales Profil. Es braucht viel Zeit, um dauerhafte Beziehungen aufzubauen, aber diese können mit Sicherheit großen Wert erhalten. Das ANS wird jetzt zu einem dauerhaften Merkmal unserer Arbeit. Auf dieser Grundlage werden wir unsere Sammlung weiter ausbauen und dem Publikum zugänglich machen.“- so Bart van der Heide, Direktor des Museion.

Ich betrachte die Schenkung des Archivio di Nuova Scrittura an das Museion als meinen Abschied aus der Welt der Kunst, aber auch als einen natürlichen und positiven Übergang. In den vergangenen Jahren hat sich das Museion den Themen und den außergewöhnlichen visuellen Positionen, die von den Arbeiten des ANS angesprochen und vermittelt werden, konsequent und mutig gestellt und diese einem breiten Publikum zugänglich gemacht. Das geschah jenseits von modischen Trends und ohne sich einem bequemen Konsens anzupassen. Ich wünsche mir daher, dass dieses immaterielle Gut in diesem Sinn auch in Zukunft ein Bezugspunkt für Studien und Recherchen bleiben und auf diese Weise fortfahren mögen, neue und unerwartete Spielräume im Umfeld der Visuellen Poesie zu öffnen“– sagt Paolo Della Grazia zu seiner Schenkung. „
Im Übrigen schloss sich dieser Bewegung eine ausgedehnte Gruppe von Künstlerinnen und Künstlern an, die eine neue Botschaft und eine neue Sprache weitergeben wollten und die, angeregt von den Fermenten neuer aufkommender Wirklichkeiten, nach einem Ansatz suchten, um wahrgenommen zu werden. Sie waren voller Enthusiasmus und voller Ideale und aufgeschlossen gegenüber den Einflüssen Dritter, auch im internationalen Umfeld. Sie wollten die Vergangenheit hinter sich lassen und als Träger einer mehr oder weniger nahen Zukunft auftreten. In ihren Arbeiten gibt es keine Spuren von Gewalt, Hass oder Bosheit. Ihre Poetik war das in den verschiedenartigsten Varianten deklinierte Wort und mit dem Wort haben sie uns ihre Träume mitgeteilt. In ihren Arbeiten gibt es keine konzeptuellen oder intellektuellen Hintergedanken, nur Alphabete, um Gedanken, Welten und Leben zu entschlüsseln. Das Archiv enthält einen großen Teil des von diesen Persönlichkeiten hervorgebrachten Materials. Sein Umfang bestimmt seinen Wert, weil er ermöglicht, in die Tiefe ihrer Welt und Poesie vorzustoßen“ – so Paolo Della Grazia zum Archivio di Nuova Scrittura.

In den vergangenen Jahren widmete das Museion Künstlerinnen und Künstler aus dem ANS wie Nanni Balestrini, Irma Blank und vielen anderen Gruppen und Einzelausstellungen und betreute die entsprechenden Publikationen wie beispielsweise ArtWord: Archivio di Nuova Scrittura, 2003, Museion, ABC: Lettern im Raum, 2009 oder Art=Life=Art.Dada ˃Fluxus, 2012.
2019 zeichnete die Gruppenausstellung Intermedia die Geschichte des Archivio di Nuova Scrittura nach und verband verschiedene Werkgruppen auf der Grundlage des Konzepts der Intermedialität. Parallel dazu zeigte das Mart in Rovereto, das über eine wertvolle Dokumentation aus Künstlerbüchern und Archivalien aus dem ANS verfügt, mehrere Hundert experimentelle Zeitschriften aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Schlussendlich entstand dank der Zusammenarbeit zwischen Mart, Museion und der Stiftung Bruno Kessler die Plattform Verbo Visuale Virtuale, die Materialien aus dem ANS-Archiv, die in den Depots der beiden Museen untergebracht sind, online zusammenführt und zugänglich macht.

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