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„Die Lage ist ernst“


Wie gefährlich sind die Virusvarianten? Wie dramatisch ist die Situation in den Spitälern? Und wie lange dauert es, bis alle Südtiroler durchgeimpft sind? Im TAGESZEITUNG-Interview spricht Gesundheitslandesrat Thomas Widmann Klartext.

Tageszeitung: Herr Landesrat, wie ernst ist die aktuelle Corona-Lage in Südtirol?

Thomas Widmann: Die Lage ist ernst, denn sonst hätten wir nicht zugesperrt. Nachdem zunächst die britische und danach in sieben Gemeinden die südafrikanische Virusmutation festgestellt worden waren, mussten wir reagieren und harte Maßnahmen treffen. Diese Varianten sind viel infektiöser als das herkömmliche Virus. Die südafrikanische Mutante ist auch von den Verläufen her gefährlicher. Dazu kommt, dass die Impfungen möglicherweise nicht ausreichend dagegen schützen. Unser gemeinsames Ziel mit der Bevölkerung muss es sein, durch strengere Maßnahmen die Verbreitung der Mutationen zu verlangsamen, damit die Infektionen zurückgehen und damit auch der Druck auf die Spitäler abnimmt.

Der Abgeordnete Sven Knoll sagt, das Absperren der vier Gemeinden Riffian, Moos in Passeier, St. Pankraz und Meran sei „völlig nutzlos“ und komme „viel zu spät“, weil sich das Virus längst auf andere Gemeinden ausgebreitet habe …

Wir sind uns durchaus bewusst, dass sich die Varianten bereits auf andere Gemeinden verbreitet haben könnten. Daher müssen wir tagtäglich die Situation überprüfen und gegebenenfalls schnell und entschieden eingreifen. Wir haben momentan eine ernste Situation. Das steht außer Frage.

Der Lockdown könnte auch auf andere Gemeinden bzw. sogar aufs ganze Land ausgeweitet werden?

Die Situation kann sich tagtäglich ändern. In dieser Phase der Pandemie ist es nicht möglich, irgendwelche Prognosen abzugeben.

Ab wann können Lockerungen in Betracht gezogen werden?

Je weniger sich anstecken, desto früher können wir wieder aufsperren. Es wäre aber falsch, sich allein auf die Inzidenz zu fokussieren. Man muss alle Zahlen ins richtige Verhältnis setzen, das sagt auch RKI-Chef Lothar Wieler. Das Ziel des Lockdowns ist es, die Gesamtsituation der Infektionen stark zu verbessern und den Druck auf die Krankenhäuser deutlich zu senken. Das geht aber nur gemeinsam mit der Bevölkerung.

Ist die aktuelle Lage dramatischer als im November?

Der Druck auf die Spitäler war im November höher. Dort hatten wir 360 Personen auf den Normalstationen und bis zu 44 Intensivpatienten. Doch damals hatten wir es nicht mit einer Mutation zu tun, die viel infektiöser und daher noch unberechenbarer ist. Deshalb brauchen wir jetzt rigorosere Maßnahmen, um das Infektionsgeschehen unter Kontrolle zu bekommen. Die Sorgen sind derzeit eindeutig größer als im November.

Vier Südtiroler Intensivpatienten werden im benachbarten Tirol behandelt. Ist das der Beleg dafür, dass unsere Spitäler bereits an ihre Grenzen stoßen?

Es ist keine Frage, dass wir stark belastet sind. Jeder Covid-Intensivpatient hat zur Folge, dass wir Personal von anderen Abteilungen abziehen und die normalen Dienste herunterfahren müssen, was ein Problem für die Ärzte und die Bürger ist. Aufgrund der deutlich entspannteren Situation beim nördlichen Nachbarn und der äußerst guten Zusammenarbeit wurde aber das Angebot der Überstellung von Covid-19-Intensivpatienten wahrgenommen, wodurch sich eine Entlastung für das Gesundheitssystem ergibt. Auch in den nächsten Tagen können weitere Verlegungen durchgeführt werden.

Wir haben aber noch Kapazitäten?

Wir haben noch Kapazitäten!

Der Präsident des Veneto, Luca Zaia, sucht den Schulterschluss mit anderen Regionen, um direkt bei den Herstellern Impfstoff einkaufen zu können. Wie weit ist man mit diesem Vorhaben?

Die italienische Arzneimittelbehörde Aifa hat den Impfstoff von AstraZeneca jetzt auch für Menschen bis 65 Jahren freigegeben. Das ist wichtig, denn damit gibt es nicht mehr die Lücke bei den 55- bis 65-Jährigen. Wir haben darüber hinaus von Zaia die Zusage erhalten, dass wir uns anschließen können, sobald der Ankauf des Impfstoffs konkret wird. Bis dahin ist es aber noch ein weiter Weg.

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel hat versprochen, bis Sommer jedem Bürger ein Impfangebot zu geben. Können Sie auch ein solches Versprechen abgeben?

Laut Lieferplan der Hersteller Biontech Pfizer, AstraZeneca und Modera können wir bis Ende dieses Jahres alle BürgerInnen durchimpfen. Ministerpräsident Mario Draghi hat angekündigt, bei den Impfungen einen eigenen Weg einzuschlagen. Sollte das gelingen und auch Zaia zusätzlichen Impfstoff erhalten, könnten wir die Impfungen in Südtirol weiter beschleunigen. Wir weisen bereits jetzt italienweit die höchste Impfquote auf. Ich will aber keine falschen Hoffnungen wecken. Unser Ziel ist es, möglichst schnell so viele Menschen wie möglich – vor allem Risikogruppen – zu impfen, um den Druck auf die Krankenhäuser zu reduzieren und somit auch die Gesamtsituation zu verbessern.

Interview: Matthias Kofler

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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