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Der Zahlen-Jongleur

Gesundheitslandesrat Thomas Widmann wirft den Medien vor, die Corona-Lage schlechter darzustellen, als sie in Wirklichkeit ist. Südtirol habe das Virus nach wie vor „relativ gut im Griff“.

Von Matthias Kofler

Thomas Widmann nutzte seinen gestrigen Redebeitrag im Landtag, um Kritik an der medialen Corona-Berichterstattung zu üben. Die Daten, die der Sanitätsbetrieb täglich herausgibt, würden von den Medien nicht ins richtige Verhältnis gesetzt und unvollständig kommuniziert, was die Bevölkerung unnötig verunsichere, sagte der Gesundheitslandesrat.

Am Mittwoch vermeldete der Sanitätsbetrieb 55 Neuinfektionen auf 1.642 untersuchte Abstriche. Dennoch habe man in Südtirol die Lage weiterhin „relativ gut im Griff“, betonte Widmann. Die Zahlen seien „ähnlich wie vor drei oder vier Wochen“, verschärfende Maßnahmen seien derzeit nicht nötig.

Die Argumentation des Gesundheitslandesrats: Die Ersttests an Personen hätten deutlich zugenommen, diese müsse man mit der Situation im März vergleichen, um aussagekräftige Zahlen zu erhalten. Am 16. März habe das Land 1.740 PCR-Tests durchgeführt, am 21. September 1.126 Tests. Während man im März lediglich 164 Erstpersonen einem Abstrich unterzogen habe, seien es im September fast vier Mal so viele gewesen. Am 16. März sei bei 36 Personen das Ergebnis positiv ausgefallen, an 21. September bei 20. „In den Zeitungen werden diese Zahlen oftmals nur vordergründig interpretiert. Man erweckt den Eindruck, dass wir im Verhältnis zu den Tests mittlerweile mehr positive Fälle hätten und die Situation in Südtirol schlimmer geworden sei. Wenn man aber bedenkt, dass im März sehr viele Zweit- oder Dritttests gemacht wurden, die notwendig sind, um nach 14 Tagen die Quarantäne verlassen zu können, ergibt sich ein ganz anderes Bild: Demnach wurden am 16. März 23,5 Prozent der Erstpersonen positiv getestet, am 21. September lediglich 3,5 Prozent“, rechnete Widmann.

Am Anfang habe man „nur die Spitze des Eisbergs“ erfasst, erklärte der SVP-Politiker weiter. Wenn im März täglich fünf bis sechs Personen in die Intensivstation gekommen seien, so habe man auch Tausende Infizierte, die nicht erfasst wurden. Heute würden sieben bis acht Mal so viele Erstpersonen wie im März getestet. Von den am 21. September positiv getesteten Personen seien nur drei über den Hausarzt und die Erste Hilfe gekommen, acht Personen stammten aus einer eine Firma, zwei seien Erntehelfer und vier seien Rückkehrer aus Rumänien. Am Mittwoch sei erstmals seit langer Zeit wieder eine Person in die Intensivstation eingeliefert worden, erläuterte der Gesundheitslandesrat.

Man versuche heute, auf das Entstehen von Infektionsherden schnell zu reagieren. Die Zahl der Intensivbetten sei seit März von 37 auf 100 gestiegen und man könne schnell auf 130 erweitern. Man habe heute viel mehr Ausrüstung, aber das würde nicht reichen, wenn über Europa eine große Infektionswelle komme. Die präventiven Tests an Mitarbeitern in Tourismus und Landwirtschaft sei wichtig gewesen, so habe man Infektionsketten schnell unterbinden können. Im Tourismus habe man fast keine Fälle verzeichnet, und das bei rund 200.000 Ankünften, was etwas weniger als die Hälfte der Südtiroler Bevölkerung sei. Verbesserungen seien in Produktion und Industrie nötig. Die Bilanz sei also noch positiv, aber das Risiko könne mit dem Winter steigen. Daher sei vor allem die Einhaltung der Regeln wichtig.

Widmann appellierte an den Fünf-Sterne-Landtagsabgeordneten Diego Nicolini, in Rom mehr Druck zu machen, denn derzeit bewege man sich dort hin zu komplizierteren Regelungen. Nun habe man die Testkapazitäten stark erhöht, aber es brauche auch das Personal dazu. Derzeit würden rund 2.000 PCR-Tests durchgeführt, man könne aber im Notfall auf 5.000 erhöhen. Wenn Rom die Standards ändern würde, wäre das eine große Hilfe – 14 Tage Quarantäne seien nicht nötig, nach sieben Tagen liege das Virus höchstens noch im Promillebereich und man könnte weitere Testkapazitäten für andere Einsätze sparen. Man habe 300.000 Antikörpertests bestellt, bisher seien 50.000 angekommen. Man werde hier nach Prioritäten vorgehen, zum Beispiel bei Personal und Patienten im Krankenhaus, sagte der Gesundheitslandesrat bei seiner Rede im Landtag.

 

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