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Risikofaktor Blutgruppe

Forscher haben in einer ersten großen genetischen Studie zeigen können, dass die Blutgruppe die Schwere des Covid-19-Verlaufs beeinflusst. Die Tageszeitung hat mit dem Molekularbiologen und Studienleiter Andre Franke von der Uniklinik Kiel gesprochen.

von Eva Maria Gapp

Während eine Covid-19-Erkrankung bei manchen Menschen schwer verläuft, merken andere fast gar nichts. Doch woran liegt es, dass Menschen so unterschiedlich stark an Covid-19 leiden?

Wie eine große Studie eines internationalen Forscherteams nun zeigt, hängt das unter anderem damit zusammen, welche Blutgruppe der oder die Betroffene hat. Die Studie ist erst vor kurzem im renommierten Fachjournal „New England Journal of Medicine“ erschienen. Es handelt sich dabei um eine Arbeit deutscher und norwegischer Forscher, die eine mögliche Verbindung zwischen Blutgruppen und schweren Covid-19-Verläufen untersuchten.

Das Ergebnis: Das Risiko, an Covid- 19 schwer zu erkranken, ist bei bestimmten Blutgruppen höher. Die Untersuchung bestätigt damit zwei frühere Studien internationaler Forscher aus China und den USA. Wie der Studienleiter und Molekularbiologe an der Universitätsklinik Kiel Andre Franke aber betont, haben „diese beiden Gruppen die Menschen nur serologisch untersucht, wir hingegen haben erstmals eine großangelegte genomweite Analyse gemacht.“ Die TAGESZEITUNG hat mit dem Professor gesprochen.

Tageszeitung: Herr Dr. Franke, welchen Einfluss hat die Blutgruppe auf den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung?

Andre Franke: In unserer Studie konnten wir feststellen bzw. bestätigen, dass Menschen mit der Blutgruppe A ein um etwa 50 Prozent höheres Risiko haben, einen schweren Verlauf zu bekommen. Menschen mit der Blutgruppe 0 haben hingegen ein zu 50 Prozent geringeres Risiko für eine ernste Covid-19-Erkrankung. Wir sind damit die Ersten, die in einer so großen genetischen Studie zeigen konnten, dass die Blutgruppe eine wichtige Rolle dabei spielt, ob Infizierte schwer oder weniger schwer an Covid-19 erkranken. Und wir sind die Ersten, die echte genetische Krankheitsursachen für einen schweren Covid-19-Verlauf identifiziert haben. Das ist so wie wenn man als Erstes auf dem Mond landen würde (lacht).

Wir haben etwa gezeigt, dass es Gene gibt, die zu einem schweren Covid-19-Verlauf beitragen können. Der Genabschnitt auf dem Chromosom 3 kam etwa auffällig häufig bei schwer erkrankten Patienten vor. Träger der Variante auf Chromosom 3 hatten im Vergleich zu anderen Personen ein doppelt so hohes Risiko für eine schwere Covid-19-Erkrankung, als Menschen, die diese Variante nicht tragen. Auch hier handelte es sich um besonders viele Menschen mit Blutgruppe A. Gerade die Region auf Chromosom 3 war davor noch nicht in Zusammenhang mit Covid-19 gebracht worden.

Menschen mit Blutgruppe A haben also ein erhöhtes Risiko, während die Blutgruppe 0 vor dem Coronavirus schützt…

Ja, Menschen mit der Blutgruppe 0 sind besser vor einer ernsten Covid-19-Erkrankung geschützt.

Und warum ist das so? Warum kann die Blutgruppe die Schwere einer Covid-19-Erkrankung beeinflussen?

Dazu gibt es verschiedene Gründe. Es ist schon lange bekannt, dass das Blut von Personen mit Blutgruppe 0 nicht so stark und schnell gerinnt. Das könnte ein Grund dafür sein, warum Menschen mit anderen Blutgruppen ein erhöhtes Risiko für schwere Krankheitsverläufe haben. Denn viele der Covid-19-Patienten sterben an Gerinnseln. Wenn das Blut schnell verklumpt, ist die Gefahr einer Thrombose erhöht. Menschen mit Blutgruppe 0 neigen hingegen weniger zu Blutgerinnseln, weil eben das Blut langsamer gerinnt. Sie bekommen nicht diese Verklumpungen in den Blutgefäßen. Hinzu kommt, dass Menschen mit Blutgruppe 0 Viren besser erkennen können. Das liegt daran, dass sie Antikörper gegen diese Blutgruppen im Körper tragen. Deswegen sind Menschen mit Blutgruppe 0 auch besser geschützt. Allerdings gelten sie als sogenannte „Superspreader“. Das heißt, sie können besser das Virus verbreiten, weil sie die Oberflächenproteine A und B nicht haben.

Im Internet wird nun behauptet, dass Menschen mit Blutgruppe 0 quasi immun gegen das Coronavirus sind. Es wird gesagt, sie können kein Covid-19 mehr bekommen…

Um Himmels willen, Nein! Es wäre jetzt total falsch zu behaupten, dass Menschen mit Blutgruppe 0 nun immun sind. Auch Menschen mit Blutgruppe 0 können Covid-19 bekommen. Sie sollten sich daher genauso durch Hygiene- und Abstandsregeln davor schützen wie alle anderen auch. Wir dürfen nicht vergessen: Es gibt auch noch andere Faktoren, die da noch hineinspielen. Es ist ja nicht nur die Blutgruppe und die Genetik, die den Verlauf von Covid-19 beeinflussen: Männer sind öfter betroffen sowie ältere Menschen und auch Menschen mit Übergewicht. Es gibt eine Studie, die zum Beispiel besagt, dass adipöse Menschen sogar ein fünffach-erhöhtes Risiko haben, einen schweren Verlauf zu bekommen. Man kann jetzt also nicht sagen, dass Menschen mit Blutgruppe 0 komplett geschützt sind. Diese Menschen sollten auf keinen Fall fahrlässig werden…

Und Menschen mit Blutgruppe A? Müssen sie sich nun noch größere Sorgen vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus machen?

Nein, Menschen mit Blutgruppe A brauchen jetzt auch nicht in Panik geraten. Man muss sich jetzt auch nicht in seine vier Wände einschließen und besonders vorsichtig sein. Wenn aber etwa ein Arzt mit einem Patienten konfrontiert ist, der männlich ist, über 60 Jahre alt und dann noch Blutgruppe A hat, sollten bei ihm die Alarmglocken klingeln. Vielleicht sind das dann auch die Personen, die man dann noch aggressiver und noch früher therapieren muss. Letztlich muss aber gesagt werden, es ist nur ein weiterer Risikofaktor von vielen. Man hat keinen absoluten Schutz, wenn man Blutgruppe 0 hat.

Neben A und 0 gibt es noch weitere Blutgruppen, wie zum Beispiel B und AB. Was haben Sie hier herausfinden können?

Unsere Studie stimmt mit den vorangegangen Studien überein. Blutgruppe A und 0 sind wirklich relevant. Das „Problem“ bei B und AB ist, sie sind selten. Sprich man hat hier weniger Patienten und weniger Kontrollpersonen, die man miteinander vergleichen kann. Da wird es dann aus statistischer Sicht schwer, zuverlässige Aussagen zu tätigen. Ich kann aber sagen, dass wir in unserem Probenkollektiv keine Zusammenhänge gesehen haben- also weder Schutz noch erhöhtes Risiko für B und AB. Genauso war es auch in den anderen Studien. Um das aber abschließend zu klären, müsste man jetzt noch größere Stichproben analysieren. Hier ist also noch nicht das letzte Wort gesprochen. Im Moment sieht es aber so aus, dass sie sich neutral verhalten.

Was bedeuten diese Ergebnisse nun für das weitere Vorgehen im Kampf gegen das Coronavirus? Inwieweit können diese Erkenntnisse weiterhelfen?

Unsere Ergebnisse haben jetzt alle Wissenschaftler auf dem Radar. Es gibt jetzt damit auch konkrete Anhaltspunkte für weiterführende Forschung. Die Ergebnisse sind natürlich eine gute Grundlage für die Entwicklung von Medikamenten oder Impfstoffen. Die können jetzt an den gefundenen Genen ansetzen. Gleichzeitig können die Ergebnisse die Risikoabschätzung für einen Covid-19 Verlauf verbessern.

 

Die Studie

Forscher des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein und der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel haben in Zusammenarbeit mit einer Arbeitsgruppe aus Norwegen herausgefunden, dass die Blutgruppe einen entscheidenden Einfluss auf den Verlauf einer Covid-19-Erkrankung hat.

Für die Studie haben die Forscher Blutproben von knapp 2.000 Patienten, die in Norditalien und Spanien auf Intensivstationen lagen, analysiert. Alle Patienten wurden mit Sauerstoff behandelt oder waren an ein Beatmungsgerät angeschlossen. Für die Kontrollgruppe wurden aus der Bevölkerung dieser Länder 2.205 zufällig ausgewählte Frauen und Männer gewonnen. Insgesamt dauerte die Studie weniger als zwei Monate. Laut Franke war das nur möglich, weil alle im Team an jedem Tag der Woche hart an dem Projekt gearbeitet haben. Eigentlich dauere eine solche Studie mindestens ein Jahr.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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