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Die „silberne“ Hochzeit

Seit 25 Jahren sind sie ein Paar, seit fünf Jahren verheiratet: Waldemar Kerschbaumer und Gian Luca Bartellone haben gemeinsam Höhen und Tiefen miterlebt.

Tageszeitung: Herr Kerschbaumer, fünf Jahre ist es nun her, dass ihr in Oslo geheiratet habt. Denken Sie oft noch an diesen Tag zurück?

Waldemar Kerschbaumer: Es war ein sehr besonderer Tag. Das hat zwei Gründe: Zum einen ist die Hochzeit für mich etwas, das man nur einmal in seinem Leben erlebt. Ich weiß, dass ich mit meinem Mann alt werden werde. Und zum anderen war es in unserem Fall eine besondere Mission. Ich habe mich damals fast so wie ein Rechtsflüchtling gefühlt… Wie ein Flüchtling? Ja, der in ein entwickeltes Land flüchten muss, um zu seinen Grundrechten zu kommen. Damals, vor fünf Jahren, hat es ja in Italien absolut nichts in diese Richtung gegeben. Unser Wunsch war es aber, nach 20 Jahren Beziehung zu heiraten und unsere Verbundenheit zu stärken, wir wollten mehr füreinander da sein. Eigentlich egal wo, Norwegen war unkompliziert, vor allem konnten wir alle Details in Englisch regeln.

Was war der emotionalste Moment bei der Hochzeit?

Als uns der Mann, der uns vermählt hat, die ganzen Rechte und Pflichten vorgelesen hat. Er hat das nicht einfach nur runtergelesen, sondern das sehr liebevoll gestaltet. In diesem ganzen Trubel ist es uns beiden für ein paar Minuten gelungen, sich auf das Wesentliche vom Heiraten zu fokussieren. In diesem Moment wird einem nochmal bewusst, es geht nicht nur um die Show, sondern dass man in allen Lebenssituationen für die andere Person da ist. Das war wie ein „Wärmerausch“.

Wie waren eigentlich die Reaktionen, als ihr wieder in Südtirol wart?

Kaum verheiratet, haben mehrere Medien über unsere Hochzeit im Ausland berichtet. Wir sind dann von den Flitterwochen zurückgekommen, und als wir mit unseren Koffern durch Bozen gegangen sind, haben uns Personen, die ich kaum gekannt habe, begrüßt und beglückwünscht. Wir haben schon für Aufsehen gesorgt (lacht). Auf der anderen Seite denke ich mir, es ist nichts Besonderes. Es heiraten jeden Tag Leute, warum macht man so ein großes Thema daraus? Mir wäre einfach wichtig, dass es etwas total Normales wird. Nach wie vor wird ein Trubel gemacht, wenn ein homosexuelles Paar heiratet.

Seit eurer Hochzeit hat sich aber auch einiges verändert. Homosexuelle dürfen sich nun in Italien trauen. Die Lebenspartnerschaft für gleichgeschlechtliche Paare wurde 2016 eingeführt. Hätten Sie sich gedacht, dass es jemals soweit kommen wird?

Ich habe es gehofft und mich dafür eingesetzt, aber nicht mehr damit gerechnet. Ich habe mir immer gedacht, das werde ich erst in 30 Jahren erleben. Es war also total unterwartet für uns. Es ist aber schon ein schönes Gefühl, wenn man sieht, dass sich etwas ändert. Durch das Gesetz werden wir vor Gericht, vom Finanzamt, im Krankenhaus und im Todesfall wie Eheleute behandelt. Es gibt aber nach wie vor Menschen, die mit dem Gesetz unzufrieden sind. Viele Homosexuelle kritisieren, dass die Parlamentarier sorgsam darauf geachtet haben, dass im Gesetz die Wörter „Ehe“ und „Trauung“ fehlen. Anstatt eines neuen Gesetzes wäre es logischer gewesen, die „Ehe für alle“ zu öffnen, so wie in 28 Ländern weltweit.

Sehen Sie das auch kritisch?

Nach wie vor ist es verheirateten homosexuellen Paaren nicht möglich Kinder zu adoptieren… Ja, das Einzige was wir nicht dürfen, ist Kinder adoptieren. Für uns stellt sich diese Frage aber nicht, weil wir keinen Kinderwunsch haben. Ansonsten haben wir aber die gleichen Rechte, wie auch andere Ehepaare. Das ist schon ein sehr großer Erfolg, wenn man bedenkt, dass Italien das einzige westeuropäische Land war, indem weder ein Rechtsrahmen für homosexuelle Partnerschaften noch Regelungen für die hunderttausenden Ehen ohne Trauschein existierten. Diese Lücke ist durch das italienische Gesetz geschlossen. Vielleicht könnte man darüber streiten, dass nicht „verheiratet“ steht, sondern „haben eine eingetragene Partnerschaft gegründet – ein Unwort! Aber es ist mehr eine Begriffskramerei.

Sie haben also keinen Kinderwunsch?

Nein, mittlerweile sind wir zu alt, um Kinder groß zu ziehen. Ich bin 48 und mein Mann 57. Aber auch schon vor fünf Jahren wären wir schon zu alt gewesen. Einen wirklichen Kinderwunsch hatten wir auch nie wirklich. Wir sind glücklich, dass unsere Schwestern so produktiv waren. Zusammen haben wir zehn Nichten und Neffen, mit denen wir auf Trab gehalten werden. Für das Fortbestehen der Gesellschaft haben sie also gesorgt (lacht). Generell haben die Mehrzahl der homosexuellen Paare keinen ausgeprägten Kinderwunsch, trotzdem kenne ich nicht wenige, die sich Kinder wünschen oder andere, die seit Jahren Kinder großziehen.

Ihr seid mittlerweile seit 25 Jahren ein Paar, habt Höhen und Tiefen miterlebt. Gehen die Menschen mittlerweile offener mit gleichgeschlechtlicher Liebe um?

Mir war immer schon wichtig, dass homosexuelle Paare im Allgemeinen mehr Sichtbarkeit erhalten. Denn umso mehr wir wahrgenommen werden, desto stärker sind wir Teil der Gesellschaft. Es gibt aber nach wie vor Personen, die ein Problem mit uns haben. Vor allem in den letzten Jahren habe ich gemerkt, dass das Klima in Italien, aber auch in Bozen rauer geworden ist. Das liegt auch an den politischen Gegebenheiten. Es geht viel stärker in Richtung Rechtsradikalismus – auch europaweit gesehen. Zum Glück ist die Lega mittlerweile nicht mehr so aktiv, aber man spürt schon, dass sich etwas verändert hat.

Inwieweit?

Politiker und Persönlichkeiten sprechen offen darüber, dass die eingetragenen Partnerschaften wieder abgeschafft werden sollten. Oder dass Kinder homosexueller Paare automatisch behindert sind und ähnlichen Schwachsinn. Das Schlimme ist, dass diese Sprüche oder Hetze gegen Homosexuelle kaum rechtliche Folgen in Italien haben.

Vor kurzem fand euer Jubiläum statt: 25 Jahre Beziehung, für euch ist es wie die „silberne Hochzeit“. Habt Ihr ausgiebig gefeiert?

Eigentlich war geplant, dass wir das Jubiläum in Peking feiern. Eine Schmuckhochschule hat uns beide eingeladen dort einen Workshop zu halten. Dieser Termin ist verschoben und so mussten wir uns letzte Woche mit der Südtiroler Kulisse zufriedengeben (lacht).

War es bei euch eigentlich Liebe auf den ersten Blick?

(lacht) So absurd und kitschig es klingt, bei uns war es genauso.

Wo war das?

In einem Lokal in Bergamo, also mehr oder weniger auf Halbweg zwischen unseren Heimaten.

Wann hatten Sie eigentlich erstmals das Gefühl, dass Sie sich von Männern stärker angezogen fühlen als von Frauen?

Das erste Mal hatte ich das Gefühl mit etwa 20 Jahren. Stärker damit auseinandergesetzt habe ich mich dann aber erst später, als ich ein Praktikum in Freiburg gemacht habe. Da war ich 22. Durch dieses neue und unkomplizierte Ambiente war es für mich einfacher, andere homosexuelle Menschen kennenzulernen und meine Homosexualität auch zu leben. Das war total etwas anderes, als dieses versteckte Ambiente, das in Südtirol vor 30 Jahren vorherrschte.

Wann haben Sie sich dann geoutet?

Bei meiner Rückreise aus Deutschland.

Wie ist Ihre Familie damit umgegangen?

Sie haben sich daran gewöhnen müssen. Ich war von Beginn an nicht nur mit mir selbst beschäftigt, sondern wollte parallel dazu auch andere Personen in derselben Situation helfen. Das brachte mich bereits 1993 zum Verein Centaurus, wo ich viele Jahre mitwirken konnte. Damals konnten und wollten sich nur wenige öffentlich zeigen. Durch meine Offenheit hatte ich kaum Problem. Mein Vater war nicht so glücklich damit, hat es dann aber schließlich verstanden.

Was empfehlen Sie jungen Menschen, die Zweifel an Ihrer sexuellen Ausrichtung haben?

Was ich jeden mitgeben kann, ist: Man soll nie sein Leben so gestalten oder sich so verhalten, nur um anderen zu gefallen. Manchmal ist es auch hilfreich, ins Ausland zu gehen, wo man wirklich ein anderes Umfeld hat und auch Zeit hat, sich mit seiner sexuellen Ausrichtung wirklich intensiv zu befassen. Der Vorteil am Schwulsein ist, dass man sich überlegen muss, wer bin ich und was will ich eigentlich? Das würde ich auch vielen heterosexuellen Personen raten. Das hat auch bei mir eine gewisse Zeit gedauert, aber danach ist man sich sicher in seiner Entscheidung.

Wie geht ihr im Alltag mit Eurer Partnerschaft um? Küsst Ihr euch öffentlich, hält Ihr Händchen?

Ab einem gewissen Alter nicht mehr. Wenn man jünger ist, dann hat man stärker das Bedürfnis sich in der Öffentlichkeit zu zeigen oder auch zu provozieren. Wir gehen aber eingehängt durch die Stadt, mir ist da eigentlich egal, was die Leute sagen. Ich sage prinzipiell immer: Wir leben unser Leben und wenn das jemanden stört, dann ist das sein Problem und nicht unseres. Wir sind immer schon sehr offen mit unserer Partnerschaft umgegangen, auch schon als wir jünger waren. Wir haben unser Ding gemacht.

Wo sehen Sie sich in 20 Jahren? Da sind Sie 68 Jahre alt, Ihr Mann 77.

Da werden wir schon fast Pensionisten sein (lacht). Ob wir zwei dann immer noch in Südtirol sind, wird sich zeigen. Wir werden aber mit Sicherheit unseren Lebensabend gemeinsam verbringen – irgendwo in der Welt.

Interview: Eva Maria Gapp

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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