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Einsperren oder einschläfern?

Der Moraltheologe Martin M. Lintner plädiert dafür, dass man M49 in einem angemessenen Gehege unterbringt. Problemtiere müsse man in Ausnahmefällen aber auch erlegen können – zum Schutz des Gesamtprojekts.

Tageszeitung: Herr Lintner, der Problembär M49 sorgt in Südtirol derzeit für Aufregung. Was sollte man mit Papillon tun, sobald er eingefangen wird?

Martin M. Lintner: Wenn die Verantwortlichen diese Gefangennahme für unausweichlich erachten, um Schutz und Sicherheit von Menschen zu gewährleisten, sollte man den Bären in ein Gehege bringen, aus dem er nicht ausbrechen kann.

Der Direktor im Amt für Jagd und Fischerei, Luigi Spagnolli, ist der Auffassung, dass es besser sei, ein Wildtier wie einen Bären in so einem Fall einzuschläfern, als ihn für den Rest seines Lebens einzusperren. Können Sie dieser Aussagen etwas abgewinnen?

Das klingt zunächst plausibel, ist aber dennoch eine problematische Position, weil hier menschliche Vorstellungen von Freiheit oder davon, was lebenswert ist, auf den Bären übertragen werden. Ich würde es davon abhängig machen, wie das Gehege ausschaut: Es muss groß genug und dem natürlichen Lebensraum eines wild lebenden Bären angepasst sein. Wenn wir aber von einem Mini-Gehege sprechen, dann würde ich sagen, dass diese Unterbringung nicht artgerecht ist.

Also dann doch besser einschläfern?

Natürlich stellt sich in diesem Moment die Frage, ob es nicht einfacher, besser oder kostengünstiger sei, den Bären gleich zu töten. Ich glaube aber nicht, dass bei M49 die Voraussetzungen gegeben sind, im Besonderen was seine Gefährlichkeit für Menschen betrifft, die seine Tötung rechtfertigen und rechtlich erlauben. Deshalb würde ich dafür plädieren, dass die richtige Alternative die Unterbringung in einem angemessenen Gehege ist.

Was sagen Sie generell zum Abschuss von Problemtieren?

Das hängt davon ab, was wir unter einem Problemtier verstehen. Ich glaube, dass folgende Bedingungen gegeben sein müssen, um von einem Problemtier zu reden: wenn es wiederholt schwere Schäden anrichtet und sich beispielsweise auf die Jagd von Nutztieren spezialisiert, Vergrämungs- oder Schutzmaßnahmen nicht effektiv sind oder wenn es begründete Hinweise gibt, dass ein Tier für Menschen eine potentielle Gefahr darstellt. Dann muss die Möglichkeit gegeben sein, dass ein solches Tier erlegt wird, und zwar ohne dass sich die politischen Verantwortungsträger dann mit Anzeigen herumschlagen müssen oder als Mörder beschimpft werden – auch um das Gesamtprojekt der Wiederansiedlung des Bären im Trentino nicht zu gefährden.

Über die Anwesenheit von Bären und Wölfen in Südtirol wird immer wieder hitzig und vor allem emotional diskutiert. Ist die Angst wirklich berechtigt oder geht es um Panikmache?

Die Diskussion in Südtirol wird meines Erachtens zu hysterisch und zu einseitig geführt und beruft sich vielfach – vor allem was den Wolf betrifft – zu wenig auf Fakten, die in einem entsprechenden Gesamtzusammenhang gesehen werden müssen. Man muss aber unterscheiden: Beim Bär handelt es sich im Unterschied zur Rückkehr des Wolfes tatsächlich um ein Wiederansiedelungsprojekt und ich glaube, man hätte schon viel früher klären müssen, wie man vorgeht, wenn die Population eine bestimmte Größe erreicht hat und die Bären beginnen abzuwandern.

Was antworten Sie den Bauern, die ihre Schafe oder Nutztiere an diese Raubtiere verloren haben und die sagen, dass ihre Tiere nicht weniger wert sind und daher eine Entnahme der Raubtiere notwendig ist?

Ich verstehe jeden einzelnen Bauern, der ein Schaf, Kalb oder eine Ziege verliert – das ist ein finanzieller und emotionaler Schaden für den Betroffenen, keine Frage. Trotzdem müssen wir uns mit der aktuellen Gesetzeslage auseinandersetzen, die aus einem bestimmten Grund so ausgelegt ist. Im Übrigen plädiere ich für Sachlichkeit. Die Schäden, die zulasten des Wolfes gehen, sind nicht so groß wie Schäden durch andere Ursache, beispielsweise durch Blitzschlag, Abstürze oder auch Hetze und Risse durch Hunde. Das Amt für Jagd und Fischerei hat zum Beispiel vorgerechnet, dass die Schadensersatzzahlungen, die wegen Siebenschläfern ausgezahlt werden, weit höher sind als jene für Schäden durch den Wolf.

Der Lebensraum in Südtirol für Raubtiere ist beschränkt. Was kann man tun, um Konflikte zu vermeiden?

Es braucht ein Konfliktmanagement, welches jenen, die geschädigt sind, unbürokratisch eine Entschädigung zuerkennt. Was immer für den Herdenschutz möglich ist, muss umgesetzt werden, ebenso im Bereich der Beobachtung des Verhaltens von Wölfen, inklusive Maßnahmen der Vergrämung usw.

Was ich aber für falsch und nicht zielführend halte, ist wenn nach jedem Vorfall eine derart unsachliche und emotionale Generaldebatte geführt wird, weil diese keine sachorientierte Lösung bringt. Damit meine ich sowohl die Position, die ohne Wenn und Aber ein wolfs- oder bärenfreies Südtirol fordert, als auch jene, die unter keinen Umständen eine Gefangennahme oder den Abschuss eines dezidierten Problemtieres akzeptiert.

Grundsätzlich müssen wir uns auch damit auseinandersetzen, dass wir in einem Lebensraum leben, wo wir nicht sagen können, dass wir diesen exklusiv besitzen und jedem anderen Lebewesen, welches uns und unseren Interessen in die Quere kommt, sein Lebensrecht absprechen.

Interview: Lisi Lang

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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