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Bangen um den Arzt

Die Bilder der Warteschlange vor dem Brunecker Sanitätssprengel haben kontroverse Diskussionen ausgelöst. Es geht um frustrierte Patienten und um ein unwürdiges Wahlsystem.

von Silke Hinterwaldner

Es war vor allem die Wucht der Bilder!

Viele Menschen konnten nicht glauben, was sie da sahen! Eine endlose Warteschlange von Patienten. Und das alles im vermeintlichen Sanitätsparadies Südtirol!

Eine Rückblende.

Montagnacht, kurz nach 02.00 Uhr im Paternsteig vor dem Sitz des Sanitätssprengels in Bruneck.

Einzelne Bürger richten sich für eine lange Wartezeit ein. Denn: Wenn um 8.00 Uhr früh die Büros öffnen, wollen sie die ersten sein, die drankommen. Immer wieder gesellen sich weitere Menschen zu ihnen. Bis um 8.00 Uhr hat sich bereits eine Menschenkette von stattlicher Länge gebildet. Die Wartenden sind zum Großteil frustriert, verärgert oder besorgt.

Der Grund für den Auflauf in den frühen Morgenstunden: Hausarzt Sebastian Gutwenger hat seine Tätigkeit aufgelassen.

Das bedeutet für seine 1.700 Patienten, dass sie sich um einen neuen Allgemeinmediziner bemühen müssen. Mit dem gestrigen Datum hat die Wahl für eine neue Hausärztin in Bruneck begonnen. Berta Marcher öffnet eine neue Praxis und hat gleich alle Hände voll zu tun: Bis zum späten Montagvormittag war ihr Kontingent erschöpft.

Sie hatte sich bereit erklärt, mit 1.200 Patienten zu starten. Das bedeutet aber auch: Für 500 Personen gibt es in Bruneck derzeit keinen Hausarzt.

Erschwerend kommt hinzu: Hausarzt Albert Hopfgartner wird bald in den Ruhestand treten, sodass in rund eineinhalb Monaten erneut eine ganze Heerschar an Patienten einen neuen Hausarzt wählen muss. Entsprechend groß ist die Sorge heute schon, dass die Plätze begrenzt sind.

Dazu kommt aber auch noch etwas anderes. „Das ist wirklich erniedrigend“, sagt einer der Wartenden vor dem Sitz des Sanitätssprengels, „das ist entwürdigend und passt so gar nicht zum Sanitätssystem eines modernen Landes.“

Ein anderer erklärt: „Die Vorgehensweise seitens des Sanitätssprengels ist wohl sehr bedenklich. Viele Patienten wissen überhaupt nicht, dass die Arztwahl heute stattfindet.“

Er fragt sich: „Was passiert mit jenen Patienten, welche keinen Hausarzt wählen können und vielleicht aufgrund einer Krankheit auf eine regelmäßige Betreuung angewiesen sind? Es ist unzumutbar, dass eine solch wichtige Angelegenheit an einem Montagmorgen  stattfindet. Viele Personen müssen auch einer Arbeit nachgehen.“

Je länger der Vormittag dauert, desto verärgerter die Leute in der Warteschlange. Das weiß auch Walter Amhof. Der Direktor im Sanitätsbezirk Bruneck war Montagfrüh auch zum Sanitätssprengel in den Paternsteig gekommen, um sich ein Bild von der Lage zu machen. Er erklärt, wie es zu einem eigenartigen System der Hausarztwahl kommen konnte: Vor Jahren hatte man in Italien befürchtet, dass zu viele Basisärzte ihren Dienst aufnehmen könnten.

Damit jeder Arzt Zugang zu einem Teil der Patienten bekommt, wurde national ein System der Arztwahl entwickelt, das sich jetzt als völlig überholt erweist.

Mittlerweile gibt es nicht wie befürchtet zu viele, sondern im Gegenteil viel zu wenige Hausärzte. Nicht die Ärzte kämpfen um Patienten. Sondern die Patienten müssen für einen eigenen Hausarzt kämpfen. Dieser national vorgegebene Vertrag müsse überarbeitet werden, erklärt der Sanitätsdirektor, damit es nicht immer wieder zu derlei Situationen komme. Dabei ist die Lage in Bruneck vergleichbar mit anderen Gemeinden: Warteschlangen bei der Arztwahl hat es in Vergangenheit des Öfteren gegeben, etwa in Gsies. Besonders eng ist es auch für die Bürger im Wipptal geworden, dort sind in den vergangenen Monaten drei Hausärzte ausgeschieden.

„Aber“, fügt Walter Amhof hinzu, „die Patienten sollten nicht so große Angst haben. Eine so große Empörung ist nicht notwendig. Wer nicht sofort einen Hausarzt wählen kann, bekommt übergangsweise einen zugewiesen.“ Und wer schnell ärztlichen Beistand brauche, könne in die Erste Hilfe des Krankenhauses kommen.

Einer der Wartenden erklärt: „Ein Skandal ist nicht nur der Mangel an Hausärzten, sondern auch, dass den Bürgern keine zeitgemäßen telematischen Dienste angeboten werden und sie sich stattdessen unwürdig und unzumutbar in Warteschlangen einreihen müssen. „Vor allem ältere Leute sind besorgt, wenn sie keinen Hausarzt haben“, sagt Walter Amhof, für jüngere sei dies weniger problematisch. Wohl auch deshalb habe die Führung im Sanitätsbetrieb auf eine Online-Anmeldung verzichtet.

Die lange Schlange im Paternsteig löste sich am Montagvormittag langsam auf. Die Beamten im Sanitätssprengel hatten ab 8.00 Uhr Früh alle Hände voll zu tun, die Wahl so schnell es möglich war, abzuwickeln. Für jene 500 Bürger, die keinen Platz auf der Liste der neuen Hausärztin bekommen, heißt es abwarten und hoffen, dass sich bald wieder neue Basisärzte melden.

Denn sobald Albert Hopfgartner wegfällt, kommen wieder neue Patienten, die Montagfrüh in einer Warteschlange ausharren müssen.

LESEN SIE AM MITTWOCH IN DER PRINT-AUSGABE:

  • Wie LH Arno Kompatscher verhindern will, dass sich solche Vorkommnisse wie in Brauneck wiederholen.

 

 

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (21)

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  • criticus

    DDR-Verhältnisse im Jahre 2018 in Südtirol. Warum geht das nicht digital?
    Volkswirtschaftlich nicht gerade ideal! Bravo Frau Stocker, ihr Südtiroler Sanitätswesen ist eine Südtiroler Misere von A bis Z.

  • andreas

    Wäre es digital möglich, wären ältere Menschen benachteiligt bzw. wäre, wenn sie um 8.00 Uhr beginnen, um 8.10 Uhr voll.
    Wenn man sich persönlich melden muss warten Leute, wie beim Erscheinen eines neuen I-Phone, schon um 3.00 Uhr morgens, dies ist aber eine freie Entscheidung.
    Warum jemand beklagt, dass es am Montag Morgen ist, verstehe ich nicht wirklich, wäre es Dienstag Morgen besser oder sollte es um 18.30 Uhr nach der Arbeit sein?

    Außer das übliche „alles Mist“, wer hat eigentlich einen brauchbaren Vorschlag?

    Unabhängig davon, dass sich die Gemeinde und der Sanitätssprengel Bruneck aktiv um mehr Hausärzte kümmern könnten. Die Situation ist nicht Gott gegeben, Möglichkeiten gibt es eigentlich immer.
    Eine Möglichkeit wäre die Anzahl der Patienten um 10-20% zu erhöhen, sofern die Ärzte das wollen und dies ev. durch ein Dekret möglich wäre.

  • meinemeinung

    Fr. Dr. Berta Macher sollte im ersten Moment alle Patienten von Dr. Gutweniger übernehmen und langsam reduzieren wenn andere Möglichkeiten da sind . Patienten sollten gar nichts mitbekommen ,wegen Umschreibungen und derlei Bürokratie .
    Wir haben leider nur gut bezahlte Herren /Damen im System ohne gute Ideen und Handlungsbereitschaft .Einfach schlechtes Management von diesen Leuten .
    Aber was solls die kriegen immer gleich viel bezahlt ,ob´s passt oder nicht ,die Bürger haben das Nachsehen

  • morgenstern

    Die Produktivität einer Volkswirtschaft steht in direktem Zusammenhang mit den Warteschlangen im täglichen Leben.

    (unbekannter DDR Philosoph)

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