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Rittner Festivalhochburg

Foto: Elementalpress – Lars Hagen

Alles begann auf einer Rittner Wiese mit einer einfachen Bretterbühne, ohne Auflagen und mit viel Herz, bis die Kühe keine Milch mehr gaben. Mittlerweile ist das Festival gewachsen und ein Fixpunkt in der hiesigen Rockszene. 25 Jahre Rock im Ring – eine Erfolgsgeschichte sondergleichen. Eine Zeitreise mit viel origineller Verrücktheit.

von Roman Gasser

Nelson Mandela wurde zum ersten schwarzen Präsident Südafrikas gewählt, der erste UN-Hochkommissar für Menschenrechte wurde ernannt, die brasilianische Formel 1-Ikone Ayrton Senna erlag den Folgen eines schweren Unfalls beim Grand Prix in San Marino, das europäische Währungsinstitut wurde gegründet, Belgien wurde zum Bundesstaat, Julia & Jan waren die beliebtesten Vornamen und am Ritten fand erstmals Rock im Ring statt. Das alles geschah im fernen Jahr 1994. Wobei für die Rock-Verrückten Südtiroler die Gründung des Rittner Festivals das wichtigste Ereignis des Jahres war.

Meine Wenigkeit war damals 10 Jahre alt und noch lange kein Festivalbesucher. Während die verrückte Rock-Meute die Sau raus ließ, saß ich Zuhause mit einem Kamillentee und naschte Kinderschokolade, während Kommissar Rex in der Flimmerkiste lief. Als ich nach langer Diskussion mit meiner lieben Mutter ins Bett gehen musste, rockte der erste Headliner die Bühne auf dem Festplatz in Oberinn.

2001 besuchte ich als junger Fratz das erste Mal Rock im Ring. Ich war begeistert wie locker die Besucher drauf waren. Mein beste Erinnerung hatte 2005. Damals spielten die Sportfreunde Stiller auf und ich war hin und weg von der Begeisterung, welche die Band damals am Ritten entfachte. „Ich wollte dir nur mal eben sagen, dass du das Größte für mich bist und sichergeh’n, ob du denn dasselbe für mich fühlst – für mich fühlst – wenn man so will, bist du meine Chillout-Area, meine Feiertage in jedem Jahr, meine Süßwarenabteilung im Supermarkt, die Lösung, wenn mal was hakt, so wertvoll, dass man es sich gerne aufspart und so schön, dass man nie darauf verzichten mag“, so ein Auszug aus einem Song der Band. Wir alle brüllten trotz Sonnenbrand und ein paar Bierchen intus lautstark mit. Just in diesem Moment verknallte ich mich in Rock im Ring. Die Sonne strahlte mir in mein weißes Büro-Gesicht. Ich sah den wunderbaren, in Abendröte eingetauchten Schlern – fast zu romanisch für ein Rockfestival – und rückte meine 10-Euro-Sonnenbrille zurecht. Ich war barfuss mitten im Chaos und wie gelähmt vor Glück. Ich lief querfeldein und legte mal kurz das stinknormale Leben ad-acta. Ich streckte meine Hände gen Himmel und spürte diesen jährlich wiederkehrenden einzigartigen Kick. Rock-im-Ring wird nicht älter, sondern allmählich zu einem Lebensgefühl. Zu einem Esprit und jährlichen Gefühls-Spektakel, welches im alltäglichen Leben keinen Platz hat. 

Vor 25 Jahren begann alles mit einer provisorischen Bretterbühne, heute ist Rock im Ring aus Südtirol nicht mehr wegzudenken. Das allererste Rock im Ring fand bei Regen statt. Auf dem Oberinner Festplatz direkt neben einen Kuhstall. Der Bauer hat nachher die Organisatoren gebeten, sich eine andere Location zu suchen, da seine Kühe nach dem Festival vor lauter Aufregung zwei Wochen lang keine Milch mehr gaben. Die Organisatoren wollte das den Kühen nicht mehr antun und übersiedelten nach Klobenstein. Im einzigen Eisring Südtirols fand fortan das legendäre Festival statt. Deshalb auch die Namensänderung. Rock im Ring war geboren – nach der Geburt sozusagen stieg das Festival in den Ring. Und blieb auch dort.

Bilder aus vergangenen Tagen: Alles hat einen Anfang (Foto: Kulturverein Tonart)

In den Anfangsjahren war es ein kleines feines Fest, mit gerade mal ein paar Duzend Besuchern, mittlerweile ist das Festival auf bis zu 3.000 Besuchern täglich angewachsen. Über 40 Bands rocken jedes Jahr die Bühne.

Das Organisationsteam angeführt von Gründervater Elmar Vigl und Raimund Seebacher harmoniert wie eine eingespielte Band, genau das ist eines der Erfolgsgeheimnisse des Festivals. Jeder weiß genau, wo sein Platz ist und übernimmt einen Arbeitsbereich. Genau dieses Band-System funktioniert ausgezeichnet. Jedes Jahr wird ein neues spezielles Album herausgebracht, in der Form des Festivals. Harmonie spielt dabei eine große Rolle, niemand will sich in den Mittelpunkt stellen. Es geht um die Sache, die da lautet: einen Festival-Leckerbissen sondergleichen zu organisieren, was bis dato jedes Jahr eindrucksvoll gelungen ist. Jeder im Team ist zugleich großer Fan und Festival-Liebhaber, private Gelüste werden mit organisatorischen Fähigkeiten zusammengeführt. Das OK-Team samt Festival übernimmt somit eine Vorbildfunktion für ganz Südtirol ein. Es gibt auch eine gewisse Konstante, was die Jugendkultur und die Rockkultur betreffen. 

Dass man mit 25 Jahren erwachsen und prüde geworden ist will man so nicht stehen lassen. Die Devise lautet noch immer: das Festival ist eine emotionale Sache und ein Baby – bei jeder Ausgabe bleibt das Baby ein Baby. Das Team dachte sich oft, wieso sie sich das immer noch antun, aber sobald jährlich das Murmeltier grüßt, bekommt jeder im Team Lust wieder ein perfektes Festival zu organisieren. 

Das erste Plakat 1994: Inklusive provisorische Ausbesserungen

Der Aufbau des Festivalgelände findet zwei Wochen vorher statt. Das Team hat dabei seine Hetz, denn es gibt viele Unterfeten, also ein Vorglühen des OK-Teams vor der große Show. Man sieht, dass bei den Organisatoren das Feuer von früher auch heute noch lichterloh brennt. Sage und schreibe drei Kilometer Elektrokabel werden verlegt, ein Aggregat mit welchen man ganz Klobenstein mit Strom versorgen könnte wird platziert. Ohne freiwillige Helfer – satte 250 Menschen – würde es Rock im Ring nicht mehr geben. Das Festival steht und fällt mit den vielen Helfern, so die Devise der Organisatoren. Auch die bürokratischen Auflagen sind oft schwer zu bewältigen. Während man in den Anfangsjahren kaum gefordert war, ist es heutzutage eine große Herausforderung alles genau hinzubekommen. Natürlich hilft es dabei, dass die Kompetenzen bei der Gemeinde liegen – somit wird eine bessere Kommunikation garantiert.

Ein Rockfestival wie dieses ist Kultur und nicht nur Jugendkultur. Man will eine perfekte Kombination zwischen Jung und Alt. Je gemischter es zugeht, desto lustiger.

Das Erfolgsrezept von Rock im Ring auf dem Punkt gebracht: ein super OK-Team, Motivation en masse, Live-Musik und ein begeistertes Publikum.

Rock im Ring legt immer großen Wert auf Live-Musik, ohne dieses entscheidende Element wäre es kein Festival. Viele Besucher sind nach einem Liveact emotional so abgegangen, dass sie nachher eine Zeit brauchten, um sich wieder zu fangen. Genau solche Situationen braucht es – Rock funktioniert nur Live zu hundert Prozent.

Auf dem Festival spielten in den letzten 25 Jahren über 300 Bands – immer ein gesunder Mix zwischen Südtiroler Bands und großen Namen. Diese Vielfalt ist für das OK-Team immens wichtig. Das Team hat dabei auch nie vergessen, den vielen Südtiroler Newcomer eine Chance zu geben.

Auch die Professionalität hat sich in den letzten 25 Jahren stark entwickelt. Von der 5 x 7 Meter Bühne zu einer gigantischen Hauptbühne.

Foto: Kulturverein Tonart

Bei den Headlines ist das Team auf mehrere Faktoren angewiesen. Man kann sich heute die Bands nicht mehr aussuchen. Man muss schauen, was finanziell möglich ist und welche Bands sich gerade auf Tour befinden. Dann fängt das Pokern an. Man muss geschickt verhandeln können und viel Geduld mitbringen, denn laut den Organisatoren gibt es sehr viele Eiertreter im Management-Bereich.

Inzwischen kann Rock im Ring auf eine ganze Liste bekannter Bands zurückblicken, die dem Event schon die Ehre erweisen haben. So traten in der Vergangenheit Walls Of Jericho, Agnostic Front, Soulfly, Danko Jones, Juliette Lewis, Beatsteaks, Lordi, Volbeat, Airbourne, InFlames, The Hives oder Nashville Pussy auf, um hier nur einige Größen zu nennen.

Es gibt einige Bands, wo sich die harten Rocker auch mal über die Südtiroler Geschichte informieren – hartgesotten aber trotzdem neugierig. Bei der wunderschönen Klobensteiner Kulisse mit dem herrlichen Ausblick auf den Schlern geraten viele hochrangige Bands ins Schwärmen. Vor allem die Gemütlichkeit und die daraus resultierenden Vorzüge eines „kleineren“ Festivals genießt jede Band für sich. Es geht sehr viel familiärer zu – wenn sich eine Band wohlfühlt, liefert sie auch dementsprechend auf der Bühne ab. Auch Backstage, wo kurzerhand die Hockeykabinen umgebaut werden, geht sehr oft die Post ab. Die Hockeykabinen werden zwei Wochen vorher richtig durchgelüftet und eine gewisse Wohnzimmer-Atmosphäre erzeugt, das gefällt den Bands. Vor einigen Jahren organisierte Juliette Lewis im Backstage-Bereich kurzerhand ein Einkaufswagen-Rennen. Laut dem OK-Team gab es Backstage richtig harte Feten. Mehr wollen sie aber an dieser Stelle nicht verraten.

Auch der Landeshauptmann Arno Kompatscher gab sich mal die Ehre und feierte inmitten der Partymeute locker mit. Eben ein Festival für jedermann.

Eine tolle Anekdote des OK-Teams: die Band Megaherz hat auf der Bühne drei Stunden lang durchgespielt und wollte nicht mehr aufhören. Die Gaudi war so groß, dass sich die Band kurzerhand entschlossen hat einfach so lange weiterzuspielen, bis ihnen die Kraft ausging.

Der Campingplatz gehört zum Festival, wie das Bier oder die E-Gitarre. Er trägt westlich zum Festivalfeeling bei. Dort geht 24 Stunden am Tag die Post ab. Man trifft hier alles und jeden: von den vielen bunten Vögeln, bis zu den Bierbong-Festspielen hin zum morgendlichen Bierschlauch-Trinkwettbewerb. Der Campingplatz ist die harte Seele des Festivals. Hier treffen sich Menschen, die ähnlich ticken und nur ein Ziel haben – und zwar gemeinsam abzufeiern und einfach mal locker drauf sein. Take it easy.

Rock im Ring gehört zum Ritten wie die Kirche im Dorf. Jeder Einwohner, der jammert sollte mal sein Gesäß vom Sofa bewegen und einfach akzeptieren, dass vor der Haustür das Leben abläuft. Ein friedliches und herzhaftes Zusammentreffen gibt es an diesen Tagen nur im Ring. Würde Rock im Ring nicht mehr stattfinden, dann würde etwas ganz Wichtiges in Südtirol fehlen … in diesem Sinne: mit Vollgas in den Ring steigen und ab in die nächste Runde – und zwei Tage lang Hippie im Gelände sein dürfen.

Südtirols traditionsreichstes Festival geht in die 25. Runde und deshalb: lasset uns feiern als gäbe es keinen Morgen. Happy Birthday.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)
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