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„Höllisch gefährlich“

ortler-messnerAchttausender-König Reinhold Messner rät vor winterlichen Klettertouren an der Ortler-Nordwand dringend ab: Die Wand sei wegen des Eisbruchs unberechenbar.

TAGESZEITUNG Online: Herr Messner, die Bergrettung Sulden hat in der Nacht auf Dienstag zwei Seilschaften aus der Ortler-Nordwand geborgen. Die Ansicht des Experten?

Reinhold Messner: Nein, ich sage seit zehn Jahren, dass die Ortler-Nordwand unberechenbar gefährlich ist, und zwar im Sommer wie im Winter.

Warum im Winter?

Im Winter gibt es zwar keinen Steinschlag, weil die Wand festgefroren ist. Aber es gibt auf der orografisch linken Seite, also beim Hinaufgehen rechts, einen 200 Meter hohen, senkrechten Eisbruch, der ständig in Bewegung ist.

Wie kann sich der Laie dies vorstellen?

Das ist eine Druckfrage, sprich: dieser Eisbruch ist in Bewegung, das Eis wird unten herausgedrückt und fällt dann auf die Rinne, unter der man vorbei muss. Da fallen Eisstücke und -blöcke heraus, die so groß wie ein Zimmer, teilweise auch so groß wie ein Haus sind. Diese Warnung steht auch in meinem Museum.

Glauben Sie, die Bergsteiger waren sich des Risikos nicht bewusst?

Es ist eine Dummheit, die Ortler-Nordwand zu machen. Kein vernünftiger Bergsteiger schlägt diese Wand als Tour vor …

... offenbar doch!

Die Wand hat, das stimmt, großen Flair, deswegen wird die Ortler-Nordwand auch von vielen jungen Bergsteigern ausgesucht. Nur: Im Laufe der Jahrzehnte sind an dieser Wand 30, vielleicht auch 40 Bergsteiger gestorben, das wäre nicht notwendig.

Wird die Wand unterschätzt?

Sicher, wobei die Medien und vor allen Dingen Alpenverein und CAI viel lauter sagen sollten: „Bitte, vergesst diese Wand.“ Man sagt mir, dass derzeit im Internet regelrecht damit geworben wird, dass die Bedingungen an der Ortler-Nordwand derzeit „so gut wie nie“ seien. Von dem höllischen Sérac steht kein Wort.

Beschreiben Sie uns nochmals die Gefahren, die von dem Eisbruch an der Ortler-Nordwand ausgehen?

Dieser Eisbruch, dieser Sérac schiebt das Eis im untersten Bereich heraus, man nennt das Abbrechen der Eisbrocken und –stück „kalben“. Diese teils hausgroßen Eisblöcke lassen den Bergsteigern keine Chance. Ich habe überall solche Eisbrüche gesehen. Bei Sérac an der Ortler-Nordwand sage ich: „Vergessen wir diese Wand, weil sie ist unberechenbar, das Eis ist teuflisch gefährlich.“

Interview: Artur Oberhofer

 

 

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