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Alarmierende Daten

Der Langenferner (Foto: Luca Messina)

Die Gletscherbilanz rutscht immer früher ins Minus: Dies belegen die neuesten Messungen am Langenferner, am Übeltalferner und am Westlichen Rieserferner.

„Im Hochgebirge führten die geringen Schneerücklagen aus dem Winterhalbjahr, in Kombination mit den überdurchschnittlichen Temperaturen des Frühsommers sowie einer ausgeprägten Saharastaubschicht aus dem Spätwinter, zu einem besonders frühen Abschmelzen der Schneedecke“, berichtet Roberto Dinale, Direktor des Landesamtes für Hydrologie und Stauanlagen in der Agentur für Bevölkerungsschutz.

So früh wie in diesem Jahr haben die Südtiroler Gletscher noch nie den Glacier Loss Day erreicht, jenen Tag im Jahr, an dem ein Gletscher bis zum Beginn der kälteren Jahreszeit nur noch an Masse verliert:

„Etwa ab dem 20. Juni steuerten die Gletscher heuer auf eine von Tag zu Tag negativere Jahresbilanz zu, Anfang Juli waren zwei Drittel der Gletscherfläche bereits frei von Winterschnee.“

Größte Massenverluste aller Zeiten auf den Ostalpengletschern

Aufgrund der andauernd hohen Temperaturen, der teils hohen Luftfeuchtigkeit und des völligen Ausbleibens von Sommerschneefällen in der Hauptablationsperiode setzte sich die Eisschmelze im Sommer massiv fort.

Der Übelferner (Foto: Roberto Dinale)

Unter dem Begriff Ablation sind jene Vorgänge zusammengefasst, die dem Gletscher Masse entziehen, wie etwa Schmelzen, Verdunsten und Sublimieren. (Das Gegenteil ist die Akkumulation, das Zuführen von Masse, etwa durch Niederschlag, Winddrift oder Lawinen.)

„Der Juli 2022 war wahrscheinlich der Monat mit den größten Massenverlusten auf den Ostalpengletschern seit Menschengedenken“, fasst Amtsdirektor Dinale zusammen.

Beitrag der Gletscher zum Wasserkreislauf im Vinschgau von grundlegender Bedeutung

Bevölkerungsschutzlandesrat Arnold Schuler verweist auf die wichtige Rolle der Gletscher, die gleichsam ein Spiegel des Klimasystems sind und Rückschlüsse auf die Zukunft der Erde zulassen:

„Im Alpenraum ist der Beitrag der Gletscher zum Wasserkreislauf nur mehr in wenigen Gebieten von grundlegender Bedeutung: Einer davon ist jedoch der Vinschgau, da sich dort im Verhältnis mehr Gletscher als anderswo in Südtirol befinden und es weniger regnet. Deshalb gilt es, Anpassungsmaßnahmen zu ergreifen, um auch in den Trockenperioden die Wasserversorgung zu sichern.“

Der Rieserferner (Foto: Herbert Thaler)

Mit Abstand negativste in Südtirol gemessene Jahresbilanzen

Nun stehen die endgültigen Massenbilanzauswertungen für 2022 fest.

Am Langenferner in Martell, am Übeltalferner in Ridnaun und am Westlichen Rieserferner in Rein in Taufers wurden die seit Beginn der Datenreihen mit Abstand negativsten in Südtirol gemessenen Jahresbilanzen verzeichnet: minus 3408 Kilogramm Wasser pro Quadratmeter, minus 3174 Kilogramm Wasser pro Quadratmeter und minus 2487 Kilogramm Wasser pro Quadratmeter.

„Diese Werte“, unterstreicht Amtsdirektor Dinale, „übertreffen auch die Verluste des damals als Jahrhundertsommer bezeichneten Sommers 2003“:

Die Werte seien auch deshalb besonders bemerkenswert, da die hohen Massenverluste des Jahres 2022 in Relation zur vor allem in niederen Höhenstufen bereits deutlich reduzierten Gletscherfläche gesehen werden müssen, betont der Glaziologe.

Kein Winterschnee am Gletscher hat diesen Sommer überdauert

Im Sommer 2022 konnte absolut kein Winterschnee am Gletscher überdauern. Dementsprechend beträgt das Akkumulationsflächenverhältnis (Accumulation Area Ratio AAR) 0,0 und folglich war am Gletscher keine Gleichgewichtshöhe (Equilibrium Line Altitude ELA) zu bestimmen. Die Gleichgewichtslinie ist die Linie auf dem Gletscher, an der sich am Ende des Sommerhalbjahres Akkumulation und Ablation die Waage halten.

Rekordverlust von fünf bis zehn Prozent des Gesamtvolumens

Der Langenferner, der Übeltalferner und der Westliche Rieserferner verzeichnen dieses Jahr einen Rekordverlust von fünf bis zehn Prozent ihres Gesamtvolumens: „Um die Dimension zu veranschaulichen: Allein am Übeltalferner, dem größten Gletscher Südtirols, gingen 18,8 Millionen Kubikmeter Wasser verloren, etwa so viel, wie die Stadt Bozen in eineinhalb Jahren an Trinkwasser verbraucht“, erläutert Dinale.

Kleinere Gletscher werden in 10 bis 20 Jahren ganz verschwinden

Die Modellierung der Gletscherveränderungen mit Daten von Klimamodellen für die nähere Zukunft zeigen weiterhin, dass solche jährliche Volumenverluste immer häufiger werden. In 10 bis 20 Jahren ist somit sehr wahrscheinlich, dass die größeren Gletscher Südtirols nur halb so groß wie heute sein werden. „Die kleineren Gletscher werden noch mehr in Mitleidenschaft gezogen werden, einzelne davon sogar verschwinden“, schließt Roberto Dinale.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (8)

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  • silberfuxx

    einmal ehrlich: wen interessiert das?

  • iceman

    na ja, wenn ich mir so den aktuellen Stand im „flight radar“ ansehe, dann werden es wohl nicht die drei Sittirouler Hansln auf ihren E-Bikes sein , die die Welt retten werden.
    Ich bin seit Jahrzehnten auf diesen genannten Gletschern unterwegs und habe den Rückgang des Eises beobachtet, aber so rapide wie es in den letzten Jahren geschehen ist, war beeindruckend.

    • devils_son

      da wird Dir jeder zustimmen, so blöd ist eher niemand.
      wahr ist aber auch, dass mal die ganze Erdoberfläche mit Eis bedeckt war. und? komisch gelle.
      jetzt Zeter und Mordio schreien wird mit letzter Sicherheit nix ändern. in paar Tausend Jahren wirds wohl wieder so sein wie früher.

      • iceman

        Wer Klimatabellen richtig interpretieren kann, weiß dass es eine so unnatürliche Entwicklung noch nie gegeben hat.
        Freilich ist es jetzt zu spät, die Auswirkungen der Industrialisierung und unbegrenzten Mobilität umzukehren, wir können sie bestenfalls etwas einbremsen.
        In der Evolutionsgeschichte der Erde ist der Mensch als Letzter aufgetaucht, er wird aber sicher nicht der Letzte sein, der von diesem Planeten wieder verschwindet. Seine Anpassungsfähigkeit ist zu stark degeneriert und trotz seiner vermeintlichen Intelligenz nicht imstande, auf diese Erde Acht zu geben. Er sucht lieber nach neuen Planeten wo er sich ansiedeln könnte.
        Das einzige, was wir tun können, ist für die nachfolgenden Generationen den Schaden zu begrenzen.

  • hallihallo

    ich frage mich nur, was die ganzen glaziologen in einigen jahren machen werden.
    und jetzt schaffen sie auch noch den reddito di cittadinanza ab.

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