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„Ein positives Zeichen“

Bernd Gänsbacher

Im Gegensatz zu Österreich und Deutschland gibt es in Südtirol deutlich weniger Corona-Patienten in den Krankenhäusern. Wie der Immunologe Bernd Gänsbacher die aktuelle Situation erklärt.

Tageszeitung: Herr Professor, die Booster-Impfung ist besonders für ältere Patienten besonders wichtig, noch landen aber offensichtlich nicht viele Geimpfte im Krankenhaus. Besteht diese Gefahr grundsätzlich?

Bernd Gänsbacher: Eindeutige Daten gibt es, wenn man die ersten klinischen Studien von Pfizer und Moderna anschaut, bei der 20.000 Personen geimpft und 20.000 nicht geimpft wurden. Jene Personen, die am Anfang dieser Studie geimpft wurden, haben eine deutlich höhere Durchbruch-Quote, als Personen, die spät in der Studie geimpft wurden. Das ist ein eindeutiger Beweis dafür, dass der Antikörperspiegel in einen Bereich sinkt, wo man nicht mehr geschützt ist, wenn die Impfung sechs, sieben oder acht Monate zurückliegt.

Sind diese Personen überhaupt nicht mehr geschützt?

Bei mehreren Studien wurde gezeigt, dass bei älteren Personen über 70 Jahren, sechs Monate nach der Zweitimpfung keine Antikörper nachgewiesen wurden. Das heißt nicht, dass sie keine Antikörper gebildet haben oder dass diese gänzlich verschwunden sind, aber sie sind unter den messbaren Bereich gefallen. Einige Antikörper wird es nach wie vor geben. Außerdem muss man verstehen, dass es sich bei der Antikörperkonzentration im Blut nur um ein Einzelparamater handelt. Das Virus trifft nicht auf die Antikörper im Blut, sondern auf die Antikörper in der Nasen- und Mundschleimhaut. Es ist nicht entscheidend, wie hoch die Antikörperkonzentration im Blut ist, sondern wie hoch die Konzentration im Nasen-, Mund- und Rachenraum ist. Man weiß, dass zudem die T-Zellen und die Memory-B-Zellen eine große Rolle spielen. Bei den Menschen, die geimpft werden, werden hauptsächlich IgG-Antikörper, aber relativ wenig IgA-Antikörper gebildet werden. Auf der Schleimhaut spielen nicht die IgG, sondern die IgA-Antikörper die Polizisten. Wenn man weiß, dass die IgA-Antikörper deutlich schneller abfallen, kann man verstehen, dass ein doppelt Geimpfter, zwar infiziert werden kann, weil sich das Virus stark im Nasen-Rachen-Raum verbreitet, wenn das Virus sich aber in der Lunge ausbreiten will, verhindern die IgG-Antikörper, dass man krank wird. Das heißt, der doppelt Geimpfte kann sehr wohl viele Viren ausscheiden, er selbst ist aber dadurch geschützt, dass es dort, wo es gefährlich wird, eine hohe Konzentration von IgG-Antikörpern gibt.

In Südtirol ist die Inzidenz zwar sehr hoch, allerdings ist die Lage auf den Intensivstationen noch recht stabil. Wie bewerten Sie die aktuelle Corona-Situation?

Trotzdem hat man bereits 69 Coronapatienten in den Krankenhäusern, wenn man bedenkt, dass es vor zehn Tagen noch 25 oder 30 Patienten waren, sieht man die Tendenz, dass die Krankenhausbelegung steigt. Ansonsten ist es aber ein positives Zeichen. Die Wissenschaft hat seit Monaten angesprochen, dass es zu einer Entkoppelung gekommen ist. Aufgrund der Tatsache, dass man das Virus kennt und weiß, wie es sich verbreitet, die AHA-Regeln einhaltet und Leute impft ist es zu einer Entkoppelung von der Inzidenz und der Hospitalisierungsrate gekommen. Das ist grundsätzlich ein Unterschied zur Situation von vor einem Jahr.

Kann man davon ausgehen, dass die Krankenhausbelegung weiter steigt?

In jeder Zeitspanne kann man ausrechnen, wie viel Infizierte ins Krankenhaus kommen müssten. Wenn die Infektionsrate weiter steigt, wird auch die Hospitalisierungsrate entsprechend steigen.

In Deutschland und Österreich ist die Entkoppelung trotz einer ähnlichen Impfrate nicht so stark wie in Südtirol. Was ist der Grund dafür?

Es gibt einen fundamentalen Unterschied und das ist die Green-Pass-Pflicht am Arbeitsplatz, die am 15. Oktober eingeführt wurde. Seitdem gibt es einen entscheidenden Unterschied zwischen diesen drei Ländern. Draghi hat die 3G-Regel im öffentlichen Leben und der Arbeitswelt eingeführt, Österreich und Deutschland dagegen nicht. Italien testet also fast alle Ungeimpften zwei Mal pro Woche. Die Spitze des Eisberges, also die großen Virusausscheider, wurden so immer wieder identifiziert und isoliert. Die Deutschen und die Österreicher haben das nicht getan und zahlen nun einen hohen Preis. Italien hatte in den letzten Wochen zwischen 3.000 und 5.000 Fälle pro Tag, Deutschland zwischen 20.000 und 35.000 Fälle und Österreich zwischen 5.000 und 10.000. Man sieht also, dass gewisse politische Entscheidungen gewaltige Konsequenzen haben.

Der ganz große Anstieg an Krankenhauspatienten in Südtirol ist im Gegensatz zu Deutschland und Österreich ausgeblieben. Die Impfbeteiligung ist zwar leicht geringer, aber machen diese paar Prozent so viel aus?

Nein, die Impfbeteiligung alleine ist nicht entscheidend. In Italien liegt die Impfbeteiligung bei 74 Prozent, in Österreich sind es dagegen nur 64 Prozent, in Südtirol sind es 68 Prozent. Natürlich erlaubt eine geringere Impfbeteiligung dem Virus mehr vulnerable Infektionsträger zu finden, ein großer Unterschied ist es aber auch, dass man in einem Land die hohen Virusausscheider identifiziert, in den anderen beiden Ländern dagegen nicht. Wenn man sich die Erfahrungswerte aus dem letzten Jahr anschaut, weiß man, dass gewisse Infizierte 30, 50 oder sogar 100 Leute anstecken können.

Die Tests sind also sehr wichtig?

Ja, dazu reicht es, die Zahlen in Italien, Österreich und Deutschland anzuschauen. In Österreich gibt es 820 tägliche Neuninfektionen pro einer Million Einwohner, in Italien sind es dagegen 90 Neuinfektionen pro einer Million Einwohner. Auf den Intensivstationen sind es derzeit acht Intensivpatienten pro Tag pro einer Million Einwohner, in Österreich sind es 33. Im Krankenhaus gibt es in Österreich pro Million Personen doppelt so viele Krankenhausaufenthalte pro Tag wie in Italien. Auch bei den Todesfällen ist es ähnlich.

Muss sich Südtirol angesichts der aktuellen Lage Sorgen machen?

Nein, Sorgen machen muss man sich nicht, aber es ist ganz klar, dass die Infektionszahlen deutlich nach oben gehen und man entsprechende Maßnahmen einleiten muss. Vor zehn Tagen hatten wir 50 tägliche Infektionen, jetzt haben wir 100 bis 200 tägliche Fälle. Außerdem wird es jetzt kälter. Die Menschen gehen vom Außenraum in den Innenraum, respiratorische Viren breiten sich zudem im Herbst und im Winter optimal aus, weil sie die Wärme nicht mögen. Wenn die Infektionszahl, die nicht nur von den Nicht-Geimpften ausgeht, schließlich können auch Geimpfte das Virus weitergeben, steigt, muss man beiden Gruppen Informationen geben, damit sie sich richtig verhalten und sich selbst und andere schützen können.

Interview: Markus Rufin

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