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Das Hotel-Dorf

Hotel Schneeberg

Ein riesiger Hotelkomplex, dem ein kleines Bergdorf samt seinen Bewohnern untergeordnet wird. Am Beispiel des Wellnesshotels Schneeberg in Ratschings kann man die Frage stellen: Wie viel Tourismus verträgt ein Tal? 

von Erna Egger 

In Maiern im Ridnauntal in der Gemeinde Ratschings leben keine 200 Einwohner. Ein idyllisches, ruhiges Bergdorf auf 1.400 Metern Meereshöhe, wäre da nicht der riesige Hotelkomplex, der (fast) alle anderen Häuser überragt – und unzählige Touristen anzieht: Das Wellnesshotel Schneeberg hat Ausmaße angenommen, das sich südtirolweit seinesgleichen suchen muss. Bezeichnend: Das 4-Sterne-Hotel, das aus mehreren seperaten Gebäudeinheiten besteht, die unterirdisch miteinander verbunden sind, beschäftigt mittlerweile ebenso viele Mitarbeiter, wie Einwohner im Dorf leben – wobei zahlreiche Mitarbeiter aus der Gegend stammen.

Der Wellnesstempel mit einer verbauten Kubatur von rund 60.000 Kubikmetern und einer maximal möglichen Bruttogeschossfläche von 24.500 Quadratmetern bietet 485 gemeldete Betten, Sport- und Freizeitanlagen sowie mit 8.000 Quadratmetern eine Spa- und Wellnesslandschaft, die eine der größten privaten Wasser- und Saunalandschaften in Südtirol ist.

Wie kann ein derart mächtiger Gebäudekomplex in einem so kleinen Dorf entstehen? Die tüchtigen Besitzer, die Familie Kruselburger, haben in den letzten Jahrzehnten sukzessive eine Erweiterung nach der anderen vorgenommen, insgesamt wurden drei Höfe – zuletzt der Ederhof – aufgekauft und alle im Gesetz nur möglichen quantitativen und qualitativen Erweiterungen samt Erhöhung der Sterne-Kategorie ausgereizt.

Wie eine riesige Wunde klafft nun ein neuerlicher Aushub für eine geplante Tiefgarage und dem Wiederaufbau des ehemaligen Beherbergungsbetriebes „Maiern“ in der Landschaft: Die Unternehmerfamilie hat den Gasthof erstanden, in dem die ehemalige Besitzerin bis zu ihrem Tod in Fruchtgenuss lebte. Eigentlich war es das Ziel, das Gasthaus abzureißen und die bisherige Kubatur sowie die gesetzlich mögliche Erweiterung als reinen Zubau für das bestehende Family-Resort und Spa zu konzipieren. „Da das bisherige Hotel aber über eine eigene Lizenz verfügte, wurde der Antrag baurechtlich überprüft und daraufhin von der Baukommission abgelehnt“, schildert Bürgermeister Helfer Sebastian. Die Familie Kruselburger legte ein abgeändertes Projekt vor, integrierte die vorgeschriebenen Infrastrukturen und plante jedoch gleich einen unterirdischen Tunnel zum großzügigen Wellnessbereich mit.

Letzteres Projekt wurde von der Baukommission nach dem alten Raumordnungsgesetz genehmigt. Laut dem Bauvorhaben wird die bisherige Kubatur des einstigen Beherbergungsbetriebes, der indes abgerissen wurde, verdreifacht: Das ehemalige Gasthaus umfasste 3.300 Kubikmeter, jetzt ist ein dreigeschossiges Gebäude und eine Verbauung von 9.600 Kubikmetern vorgesehen. Aus den bisher 18 Zimmern werden nun 43 Gästezimmer.

Anfang des Jahres 2020 wurde die riesengroße Baugrube für den Neubau der Tiefgarage und den geplanten neuen Beherbergungsbetrieb ausgehoben.

Seit März 2020 steht der Bau jedoch still und auch wenn Covid-19 dazu beigetragen hat, fragt man sich im Dorf nun, wann endlich das Erdloch geschlossen und der Bau fortgesetzt wird.

Doch das sind bei weitem nicht alle Fragen, die die Ortsansässigen beschäftigen. Schon lange blicken die Leute mit gespaltenen Gefühlen auf die permanente Bautätigkeit im Umfeld des Hotels Schneeberg: „Es ist traurig, wie mit unserem Dorf umgegangen wird. Wir sind umzingelt von Baustellen“, schildert ein Ortsansässiger.

Natürlich sei der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, keine Frage, er bringe auch Vorteile. „Aber braucht ein Dorf wie Maiern ein solches Ausmaß an Gästen? Soll das noch attraktiv sein? Und wie viele Touristen verträgt ein kleines Bergdorf überhaupt?“

Diese Fragen werden im Dorf – gerade in Zeiten des Overtourismus – immer häufiger gestellt – unter anderem auch bei einer Bürgerversammlung, bei der noch vor Baubeginn die zukünftigen Bauvorhaben in Anwesenheit der Familie Kruselburger von der Gemeindeverwaltung der Bevölkerung vorgestellt und auch diskutiert wurden. „Mehrheitlich sind den Leuten die geplanten Bauvorhaben zu groß, besonders jenen, die im Dorf Maiern wohnen“, bestätigt der Bürgermeister.

Und hierzu werden auch der Gemeindeverwaltung Vorwürfe gemacht: Derartige Bauprojekte zu genehmigen, sei verantwortungslos und respektlos der Ortsbevölkerung gegenüber.

„Das Hotel ist in den letzten Jahrzehnten ständig gewachsen, es hat große Dimensionen angenommen, gefühlt zu große, und die einzelnen Gebäudekomplexe wurden nicht zum Nachteil zudem unterirdisch verbunden“, räumt der Bürgermeister ein.

Helfer macht kein Geheimnis daraus: Auch innerhalb der Baukommission gab es Bedenken. „Aber baurechtlich bzw. urbanistisch ist der Betrieb in Ordnung. Der Gemeinde sind die Hände gebunden. Wir können nicht einfach – sofern die Voraussetzungen stimmen – ein Projekt ablehnen, nur weil es uns zu überdimensioniert erscheint. So einfach ist es leider nicht. Die Gesetze und die dazugehörigen Durchführungsverordnungen haben schlussendlich nicht wir gemacht.“

Will heißen: „Die Problematik für die Gemeinde war immer jene, dass schon der leider allzu früh verstorbene Vater mit einer vorausschauenden Vision bei einer einvernehmlich durchgeführten Flurbereinigung unter den Höfen des Weilers Maiern alle ringsum liegenden Gründe zugesprochen bekommen hat und zudem auch zwei angrenzende geschlossene Höfe und eben den Beherbergungsbetrieb Maiern dazugekauft hat. Dasselbe führt der Sohn fort, der Ederhof wurde letzthin dazugekauft. Die gesetzlichen Bestimmungen im alten Raumordnungsgesetz haben nun mal diese qualitativen und quantitativen Erweiterungen ständig erlaubt. Alle gesetzlichen Möglichkeiten wurden genutzt. Mit dem neuen Gesetz für Raum und Landschaft und dem zu erwartenden Landestourismusentwicklungskonzept soll sich das nun ja ändern“, so der Bürgermeister.

Mit dem neuen Bauprojekt kommen zudem ein paar praktische Probleme für einige Ortsansässige dazu: Mit Baubeginn für den neuen Komplex wurde eine von zwei bestehenden Zufahrtsstraßen zu drei Gebäuden weggebaggert.

Die Betroffenen der drei Wohnhäuser befahren nun wie viele andere Bewohner im Weiler Maiern und Bergl auch eine Straße, die auf dem ersten Teilstück zwischen zwei Hotelgebäuden verläuft. Obwohl für die Frächter eine eigene Zufahrt besteht, wird die Dorfstraße zwischenzeitlich unerlaubt blockiert, weil einzelne Frächter ihre Lieferungen der Einfachheit halber von der Straße aus abladen. Als sehr fraglich bezeichnen einige Ortsansässige zudem das Vorgehen der Unternehmerfamilie, die eine gewohnt genutzte, bestehende Straße, auch wenn der Grund ihnen gehört, einfach weggebaggert hat.

„Das Problem wurde an mich von einem angrenzenden Zweitwohnungsbesitzer herangetragen. Dieser hat sich beschwert – berechtigterweise“, räumt der Bürgermeister ein. „Aber meines Wissens wurde die Angelegenheit inzwischen unter den Betroffenen einvernehmlich geklärt“, wundert sich Helfer.

Im Frühjahr 2022 wird die Baugrube geschlossen und das geplante Hotel mit 43 Gästezimmern errichtet. Die Baukonzession gilt drei Jahre ab Baubeginn und ist demnach auch noch für das Jahr 2022 gültig.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (13)

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  • yannis

    laut Bewertungsportal von Holidaycheck kommt der Laden gerade Mal auf 88% …….
    ziemlich mager für so einen Tempel und dessen aufgerufenen Preisen in der Gegend von 200 € / Nacht……
    Was Wunder dass die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste unter einer Woche beträgt, macht aber nichts, die Straßen sind ja so gut wie leer……..

    • hallihallo

      die durchschnittliche aufenthaltsdauer ist in südtirol 4,5 tage. ist international sogar ein guter wert.
      wenn ein gast eine woche verbringt und der andere 1 nacht bleibt sind das im durchschnitt 5 tage aufenthaltsdauer.

      • yannis

        @hallihallo

        also laut der stolz veröffentlichen Zahlen von Ankünften und Übernachtungen aus dem Jahr 2019 errechnete sich eine durchschnittlicher Aufenthalt von 3,8 Tagen und selbst wenn das noch international ein guter Wert sein sollte, löst es das Problem der überlasteten Verkehrswege trotzdem nicht.

        • hallihallo

          Yannis der ausländer und vor allem der skigast urlauben meist eine woche und nutzen unter der woche kaum das auto.
          Der suedtiroler der für eine nacht in den wllnesstempel fährt , inkl schneeberg, drückt die durchschnittliche aufenthaltsdauer stark nach unten

      • baludergrosse

        RECHNEN!
        7+1 = 8 / 2 = 4

  • ginger

    Zu diesem Thema sollte man dem unwissenden Leser folgendes mitgeben: 1. Man muss dazu sagen dass viele der in Maiern wohnhaften Personen teils Mitschuld tragen an der Entstehung dieses Protzbaus: wenn man nicht verkauft hätte, wäre es nicht so weit gekommen!
    2. Die löchrige Gesetzeslage und schwache Kontrollen tragen dazu bei dass man neue Projekte teils ohne Genehmigung beginnt und nachträglich im Eilverfahren gegen einen mikrigen Penale schnell noch legalisiert. Auch wie es möglich ist, dass die Privatvilla des Hotelbetreibers als „qualitative Erweiterung – Errichtung eines Personalhauses“ durch die Baukommisssion kommt ist schon sehr fraglich.
    3. Noch vor etwa 5 Jahren hörte man aus der Bevölkerung der Gemeinde Ratschings fast nur positives zu diesem Hotel, man war stolz darauf dort zu arbeiten, verglich die 700! Bettenbude mit internationalen Größen. Dass sich dass nun um 180Grad gedreht hat setzt wohl ein deutliches Zeichen.
    4. „von einem angrenzenden Zweitwohnungsbesitzer…“ das ist doch dieselbe Perversion, eigentlich schadet der Verkauf von Wohnung an Touristen dem Land noch viel mehr, diese Kubatur wird wohl niemehr in einheimische Hände gelangen!
    Fazit: Südtirol ist ein Selbstbedienungsladen für Touristiker, Hoteliers und Politiker! Dass Land wird sprichwörtlich Verscherbelt, wie es hier in weiteren 5 Jahren aussehen wird kann man nur erahnen.

  • cosifantutte

    „Fazit: Südtirol ist ein Selbstbedienungsladen für Touristiker, Hoteliers und Politiker! Dass Land wird sprichwörtlich Verscherbelt, wie es hier in weiteren 5 Jahren aussehen wird kann man nur erahnen.“

    Du hast die Bauern vergessen. Einer der 1.5ha Himbeerstauden anbaut, gilt als Landwirtschaftlicher Betrieb und kann sich eine Hofstelle zu 1500 Kubik und UAB subventioniert errichten. Das ist keine Raumordnung.

    Mit dieser von der Landesregierung tolerierten und gewollten Verbauung der Flaechen steigt die Versiegelung der Boeden. Es ist eine Frage der Zeit bis der Bach, der im Foto am Weiler entlang fliesst, ueber die Ufer tritt. Treffen wird es alle.

    Bin auch gespannt wie lange sich diese Bettenburgen noch rechnen, wenn die Energiepreise weiter explodieren. Wer soll den da noch Urlaub machen koennen und wollen? Kommt ales unter die Planierraupe.

  • pingoballino1955

    Die Verantwortlichen die diesen „Protzbau“ genehmigt haben,sollte man aus dem Land jagen!!

    • markp.

      Wie im Artikel geschrieben: jene, die die Genehmigung unterschrieben haben, waren die Hände gebunden, weil die Gesetzeslage kaum einen Widerspruch zuliess. Wenn, müßte man jene aus dem Land jagen, die erst solche Gesetze möglich machten. Die wird man irgendwo in Bozen finden…

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