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Das Spenden-Experiment

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Die Covid-19-Pandemie und deren Lösung hat andere soziale und politische Anliegen nur zum Teil verdrängt – und auch nicht anhaltend, trotz hoher und beständiger medialer Präsenz der Pandemie. Das zeigt ein internationales Forscher*innen-Team unter Leitung der Finanzwissenschaftlerin Esther Blanco von der Uni Innsbruck.

Die Ergebnisse wurden kürzlich im Fachmagazin „Frontiers in Psychology“ publiziert.

Seit dem Frühjahr 2020 ist die Covid-19-Pandemie allgegenwärtig:

Inzidenzwerte, die Krankenhausbelegung, zuletzt Impfquoten verdrängen andere Themen aus dem medialen Diskurs.

Ob sich diese Verdrängung auch in der Spendenbereitschaft für andere soziale und politische Anliegen niederschlägt, haben sich Forscher*innen der Uni Innsbruck gemeinsam mit einem Kollegen von der Universität Paris-Nanterre angesehen.

„Zu Beginn der Pandemie herrschte eine große Unsicherheit: Wir sahen, dass noch nie dagewesene Geldbeträge für Corona bereitgestellt wurden, und es gab ernsthafte Bedenken, dass dies international und national weniger Geld für den Umweltschutz oder Maßnahmen zur Armutsbekämpfung bedeuten würde“, sagt Esther Blanco vom Institut für Finanzwissenschaft der Universität Innsbruck.

„Andere soziale Probleme und Anliegen, seien es Ungleichheit, Armut oder die Klimakrise, haben sich in der Pandemie natürlich nicht in Luft aufgelöst, im öffentlichen Bewusstsein waren diese Anliegen aber nicht so präsent wie die Corona-Krise. Wir wollten nachvollziehen, inwieweit die Covid-19-Pandemie andere Anliegen ersetzt hat“, erklärt ihre Kollegin Natalie Struwe.

In einem vom Wissenschaftfonds FWF geförderten Spendenexperiment mit über 1.700 Teilnehmer*innen konnten die Forscher*innen zeigen, dass andere gesellschaftliche Belange nicht vollständig verdrängt wurden – und dass es zumindest in der Stichprobe über einen Zeitraum von zehn Monaten einen Zusammenhang zwischen der Covid-Inzidenz und der Spendenbereitschaft für soziale Anliegen gibt:

Je höher die Inzidenz, desto höher die Spendenbereitschaft.

Esther Blanco (Foto: Uni Innsbruck)

Spendenexperiment

Die Teilnehmer*innen, Studierende der Universität Innsbruck, bekamen im Experiment 3 Euro, die sie an diverse Sozialorganisationen bzw. NGOs spenden oder aber auch für sich selbst behalten konnten. „Die Spenden haben wir um jeweils ein Viertel der Spendensumme erhöht, die Versuchsteilnehmer*innen hatten also einen zusätzlichen Anreiz, zu spenden“, sagt Felix Holzmeister vom Institut für Wirtschaftstheorie, -politik und -geschichte der Uni Innsbruck.

Insgesamt haben 1.762 Personen am Experiment teilgenommen. Sie hatten zufällig eines von drei Szenarien vor sich:

Sie konnten entweder an acht Wohltätigkeitsorganisationen spenden – an das Rote Kreuz, den WWF, Ärzte ohne Grenzen, SOS Kinderdorf, Amnesty International, Licht ins Dunkel, Oxfam oder die Caritas –, an diese acht und zusätzlich an den Covid-19-Fonds der WHO, oder nur an den Covid-19-Fonds der WHO. Zusätzlich haben die Proband*innen umfangreiche Fragebögen zu ihrer allgemeinen Spendenbereitschaft, ihrer Einstellung zu unterschiedlichen sozialen Problemen und zu Covid-19 beantwortet. In den ersten beiden Versuchsmonaten haben die Forscher*innen wöchentlich Daten erhoben, danach monatlich, insgesamt lief das Experiment von April 2020 bis Januar 2021.

Die Spendendaten und die Fragebogenerhebung haben die Forscher*innen noch mit den Covid-19-Inzidenzdaten für Tirol, wo die Proband*innen studieren und größtenteils wohnen, verbunden.

Ergebnisse

Insgesamt spendeten die Proband*innen im Schnitt 2,50 Euro, wenn sie mehrere NGOs zur Auswahl hatten – unabhängig davon, ob der Covid-19-Fonds Teil der Auswahl war oder nicht.

Gleichzeitig haben die Proband*innen durchwegs signifikante Beiträge an den Covid-19-Fonds gespendet, sowohl, wenn nur dieser Fonds, als auch, wenn er als Teil der Liste aus neun Organisationen zur Verfügung stand. „Das zeigt, dass Spenden für andere soziale Belange teilweise durch Spenden für den Covid-19-Fonds ersetzt werden, wenn er auf der Liste der möglichen Empfänger steht; allerdings ersetzt er keines der anderen sozialen Belange vollständig“, sagt Alexandra Baier vom Institut für Finanzwissenschaft.

Zudem spendeten Frauen tendenziell mehr als Männer, ebenso wie Menschen, die sich insbesondere für die Eindämmung von Covid-19 und für die Bekämpfung von Armut engagieren. Diejenigen, die sich selbst als armutsgefährdet wahrnehmen, spendeten hingegen weniger, und bei steigender Covid-19-Inzidenz steigt auch die Spendenbereitschaft – für alle Anliegen, nicht nur für den Covid-19-Fonds.

Und noch ein Ergebnis zeigt sich im Vergleich mit den Fragebogendaten deutlich: Das Vertrauen, das die Proband*innen einer Wohltätigkeitsorganisation entgegenbringen, ist ein gewichtiger Erklärungsfaktor für Spenden an die jeweilige Organisation.

Anders als befürchtet sind soziale und politische Anliegen wie Umweltschutz, Armut und Ungleichheit also keineswegs gänzlich aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwunden – die Covid-19-Krise hat diese Themen vielleicht medial, aber nicht aus den Köpfen verdrängt. „Wir interpretieren das unter anderem als Wunsch der Gesellschaft, die Mittel für den Wiederaufbau im Rahmen von Covid-19 so zu verwenden, dass sie diese anderen sozialen Anliegen ebenfalls unterstützen,“ sagt Natalie Struwe.

 

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