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Wann ist die Pandemie zu Ende?

Bernd Gänsbacher

Der Immunologe Bernd Gänsbacher erklärt, wie Südtirol im internationalen Vergleich dasteht. Ob die Drittimpfung für alle kommen muss. Und: Wie gut Südtirol für den Winter gerüstet ist.

Tageszeitung: Herr Professor, wie bewerten Sie die aktuelle Corona-Situation in Südtirol?

Bernd Gänsbacher: Um die Corona Pandemie richtig einzuschätzen, dürfen wir nicht nur auf Südtirol schauen, sondern sollten auch andere Länder als Vergleich hernehmen: z.B. Israel, England, Dänemark und die USA. Israel war Vorreiter bei der Impfbeteiligung. In den letzten Monaten ist die Zahl der Neuinfektionen trotzdem stark gestiegen, sodass es täglich durchschnittlich 10.000 Neuinfektionen gab. Sie haben sich daher zur Drittimpfung entschieden, mit den 80-jährigen angefangen und sind bereits bei den Unter-40-jährigen angelangt. Mittlerweile sind rund zwei Millionen Menschen drittgeimpft. Die Konsequenzen sind sichtbar und gestern (vorgestern, Anm. d. Red.) gab es dort rund 4.500 Neuinfektionen. Dänemark und England hingegen haben fast alle Restriktionen aufgrund der hohen Impfbeteiligung aufgehoben. Diese Entscheidung wurde in Dänemark vor rund einer Woche getroffen, trotzdem gibt es dort nach wie vor konstant nur rund 300 Neuinfektionen pro Tag. Ähnlich ist es in England, wo es seit mehreren Wochen 30.000 Neuinfektionen pro Tag gibt. Die USA, die eine wirtschaftliche und militärische Weltmacht ist und über die besten Universitäten verfügt, steht dagegen erstaunlicherweise schlechter da. Dort gibt es im Durchschnitt 160.000 Neuinfektionen pro Tag und im Durchschnitt zwischen 2.000 und 3.000 Tote – ähnlich wie vor einem Jahr. Dort sind aber auch nur ca. 50 Prozent geimpft. Südtirol steht im Vergleich dazu gut da, die Schulen haben aber gerade erst begonnen und die kältere Jahreszeit beginnt. Über 90 Prozent der Infektionen finden in den Innenräumen statt, daher müssen wir aufpassen und abwarten. Es ist aber doch erfreulich, dass relativ viele geimpft sind.

Haben sich in Südtirol bereits genügend Personen impfen lassen? Wie viele müssen sich in Südtirol impfen, damit man sicher durch den Winter kommt?

Es kann immer besser sein. Trotzdem haben sich viele impfen lassen. Die Impfung hilft sehr viel, aber sie ist kein Allheilmittel. Das ist vergleichbar mit der Helm-Pflicht beim Motorrad- oder dem Sicherheitsgurt beim Auto-fahren. Trotz dieser Pflicht verunglücken Menschen tödlich, die Maßnahme selbst hilft aber viel. Ähnlich ist es bei der Impfung. Wenn man doppelt geimpft ist, kann man relativ ruhig und gelassen sein, denn die Wahrscheinlichkeit auf die Intensivstation zu kommen, ist gering, es ist aber nicht ausgeschlossen. Hier gilt der Grundsatz: do not let perfection be the enemy of the good. Weil die Impfung nicht zu 100% funktioniert, soll man sie nicht als Ganzes verdammen.

Die Drittimpfungen in Südtirol sind bereits gestartet. Werden das auch jüngere Personen machen müssen?

Das ist eine Entscheidung, die die Wissenschaft vorgibt und betrifft vor allem die Organtransplantierten, die Krebspatienten und ganz allgemein die Immungeschwächten. Zu den Immungeschwächten zählen sehr viele Personen. Diese entwickeln suboptimale Antikörperkonzentrationen, weshalb vor allem diese drittgeimpft werden müssen. Das zeigen die Daten in Israel, wo die Antikörperkonzentration nach der Drittimpfung auf jenen Wert angestiegen ist, den die Patienten zehn Tage nach der Zweitimpfung haben. Ich war selbst vor 4 Tagen bei der FDA-Präsentation der Daten zur Drittimpfung der Israelis per Videoschaltung dabei. Das Problem ist, dass nur 300 Probanden in der klinischen Studie zur Drittimpfung beteiligt waren – das ist eine geringe Anzahl. Wenn z.B. eine Nebenwirkung bei einem von 500 Geimpften auftreten würde, wäre sie nicht sichtbar. Außerdem wurden Personen in Israel erst vor wenigen Wochen geimpft, eine Risiko-Nutzen-Analyse ist daher noch nicht möglich.

Pfizer arbeitet an einer Impfstoffzulassung für Kinder ab fünf Jahren. Wann wird es so weit sein und kann man Kinder bedenkenlos impfen?

Bedenkenlos impfen darf man niemanden und schon gar nicht Kinder. Das wird erst geschehen, nachdem klinische Studien eindeutig positive Daten mit unbedenklichen Nebenwirkungen gezeigt haben. Pfizer führt derzeit eine Vergleichsstudie durch, um die Wirkung und die Nebenwirkungen zu untersuchen. Ob der Impfstoff für Kinder zugelassen wird, kann ich nicht sagen, da diese Studie das entscheiden wird. Die Ergebnisse werden wir in den nächsten zwei oder drei Monaten sehen.

Wie sieht es mit der Zulassung von neuen Impfstoffen aus? Novavax soll ja kurz vor der Zulassung stehen?

Impfstoffe werden in vielen Variationen weltweit eingesetzt. Novavax ist ein Proteinimpfstoff und hat mit einem Impfschutz von ca 90 Prozent hervorragende Resultate erreicht, hat aber Probleme mit der Herstellung des Impfverstärkers, der gemeinsam mit der Impfung verabreicht wird. Scheinbar gibt es in der Lieferkette Probleme. Werden diese Probleme gelöst, könnte es schon bald zu einer Zulassung kommen.

Der deutsche Gesundheitsminister Jens Spahn hat ein Ende der Pandemie im Frühjahr in Aussicht gestellt. Handelt es sich dabei um eine übliche Vor-Wahl-Ankündigung oder ist das tatsächlich möglich?

Diesbezüglich möchte ich Nobelpreisträger Daniel Kahnemann zitieren: Experten sind nur dann Experten, wenn sie auf viele Erfahrungswerte zurückgreifen können. Dieses Coronavirus hat noch nie eine Pandemie ausgelöst. Das Virus schreibt gerade seine Geschichte, also gibt es auch keine Erfahrungswerte. Jeder Experte muss also aufpassen, wenn er die Zukunft voraussagen will. Ich weiß nicht, was passieren wird. Es kann sein, dass die Pandemie durch die Impfung und die Maßnahmen relativ schnell beendet wird, genauso gut kann es aber länger dauern, weil neue Escape-Varianten auftreten. Ich weiß es nicht und wundere mich, wenn es andere tun.

Kann man abschätzen, ob die Krankenhäuser nochmals in Bedrängnis geraten?

In den USA gab es vor allem in den Südstaaten noch nie so viele Todesfälle wie in den letzten Monaten. Einige Krankenhäuser sind total überfüllt und überfordert. Das sage ich unter dem Vorbehalt, dass dort deutlich unter 50 Prozent geimpft sind. Das ist der Hauptgrund dafür. Wenn sich in Südtirol weiter Leute impfen lassen werden, sehe ich dieses Problem nicht, voraussagen kann ich aber auch das nicht.

Interview: Markus Rufin

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