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KUNST IST.

: Ludovic Nkoth, The Light in Me, 2020 Courtesy of the artist and Luce Gallery, Turin

Kunst Meran feiert seine ersten 25 Jahre mit einer vielstimmigen Reflexion über Vilém Flussers Aussage „Kunstwerke sind Vorschläge für zukünftiges Erleben.“

Am 16. August 1972 bezogen Vilém und Edith Flusser eine Dachwohnung im Meraner Stadtteil Obermais. Drei Jahre lang war dem Medienphilosoph und Kommunikationswissenschaftler diese Wohnung am Stadtrand mit Blick auf die Bergkette der Texelgruppe Wohnort, Ausgangspunkt für Reisen in Europa und Schreibstube für das Verfassen seiner Schriften. Meran stellte für Edith und Vilém Flusser einen Übergang zwischen dem Abschied aus Brasilien und der Rückkehr nach Europa dar, es war Ort des Rückzugs und Engagements zugleich.
In einem Brief an die befreundete Künstlerin Regina Klaber Thusek, die – wie Flusser jüdischer Abstammung – in den 1930er-Jahren vor den Nationalsozialisten nach London geflüchtet war und schließlich von den Faschisten nach Meran konfiniert worden ist, schrieb Flusser am 23. Januar 1976 Kunstwerke sind Vorschläge für zukünftiges Erleben. Der Satz war Teil eines Dialoges, den die beiden schon länger über das Verhältnis von Schönheit und Kitsch führten. Flusser plädierte dafür, Kitsch als angenehm und vertraut zu erklären, während Schönheit als ein neuer Vorschlag erst zu lernen sei und daher unangenehm ist.
Dieses Zitat, das in unmittelbarem Zusammenhang mit jüngeren Kulturgeschichte Merans steht, bildet nun – 45 Jahre nach dessen Formulierung – den Ausgangspunkt für die Ausstellung KUNST IST.

Der Aufenthalt Vilém Flussers in Meran war für seine Theorien der 1970er und 1980er Jahre wesentlich. Land und Stadt, Berg und Ebene sind Gegensätze, die in Flussers Begriffspaar Dialog und Diskurs von zunehmender Bedeutung sein werden. Auch hat Flusser die Vielfalt immer gegenüber der Einheit bevorzugt. Zahlreiche Ansätze seiner Theorien lassen sich mit den Fragestellungen von Themenausstellungen bei Kunst Meran, dem aktuellen Kunstdiskurs und dem Selbstverständnis des Kunstvereins verknüpfen. Dass sein umfangreiches Schriftenwerk teilweise auch in Meran formuliert wurde, darf mit Freude an den Ausgangspunkt dieser Jubiläumsausstellung gestellt werden. Meran, eine internationale Kurstadt mitten in einer Region, die just in diesen Jahren – gebeutelt von zwei Weltkriegen und zwei totalitären Regimen – zu einer modellhaften Autonomie gelangte, hat Flusser durch seine Mehrsprachigkeit, wechselvolle Geschichte, Internationalität und geografische Lage inspiriert. Auch für den Kunstverein Kunst Meran war dieses Erbe stets Auftrag für ein ambitioniertes, interdisziplinäres Programm.
Nicht zuletzt unternimmt Kunst Meran mit dieser Ausstellung den Versuch, die eigene Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu reflektieren. Viele Jahre intensiver Zusammenarbeit mit Fachpersonen aus Kunst, Architektur und anderen Bereichen haben die Ausstellungstätigkeit der 20jährigen Institution geprägt. Dieser Aspekt wurde nun zur Form und zur Methode des Jubiläumsprojektes gleichermaßen und findet seinen Ausdruck in einem vielstimmen Ergebnis.

Valerio Dehò, Luigi Fassi, Sabine Gamper, Günther Oberhollenzer, Andreas Kofler, Anne Schloen, Magdalene Schmidt und Susanne Waiz bringen vom 17. Juli bis 24. Oktober nun gemeinsam ihre Vorschläge für zukünftiges Erleben durch Kunst und Architektur ein.

Rosmarie Lukasser, Annäherungen an „…bin im Netz 3.0/F1″, 2019 Courtesy the artist / Galerie Krinzinger, Wien

Nach den pandemiebedingten restriktiven Maßnahmen für den Besuch von Ausstellungen und Museen, ist die Kunst im letzten Jahr nur vordergründig ins Abseits geraten. So fehlt ihre Stimme der Gesellschaft in zunehmendem Maß – ihre visionäre Kraft wird weiter dringend benötigt. Flussers Feststellung Kunstwerke sind Vorschläge für zukünftiges Erleben wird im Ausstellungstitel KUNST IST. komprimiert und postuliert deren gesellschaftlichen Wert.

Sieben Sektionen werden zu einer großen Schau, zu einer Stimme. Aktuelle Fragestellungen, wie die Rolle der Frau in der Gesellschaft, Migration, Digitalisierung, soziale Gerechtigkeit oder Raumplanung werden von den Kurator*innen und 18 Künstler*innen thematisiert. Die Schau ist wie ein Brennglas, das helfen kann, Gegenwart und Zukunft durch die Linse von Kunst-und Baukunst facettenreich zu sehen.

In der Sektion Who cares?!, kuratiert von Sabine Gamper, stehen Themen, welche individuelle und kollektive Fürsorge und Solidarität für unsere Mitmenschen und unsere Umwelt einfordern, im Mittelpunkt. Die Kuratorin und die Künstlerinnen verhandeln die Konzepte von „caring“ und „sharing“ als dringend aufzuwertende Ordnung für eine post-pandemische Zukunft aus einer feministischen Perspektive. Der Zwiespalt zwischen der produktiven und unverzichtbaren Kraft des „füreinander Sorgens“ einerseits, und der mangelnden Anerkennung von „Care-Arbeit“ in unserer Gesellschaft andererseits werden dabei deutlich. Claudia Barcheri (* 1985) realisiert lamellenartige Objekte aus Gips, die in ihrer organischen Form wie Korallentiere oder Pilze anmuten und trotz ihrer Fragilität eine explosive Kraft beinhalten. Barbara Gamper (* 1981) beschäftigt sich anhand von Texten, Objekten und Performance mit dem Konzept von „Aneignung“ und stellt Fragen nach Bedingungen, Machtdynamiken und Privilegien in Kunst und Gesellschaft. Die Schriftstellerin und Künstlerin Maria CM Hilber (* 1984) zeigt in ihrem filmischen Porträt einer Tänzerin und Aktivistin der DisAbility-Bewegung, wo das Entwicklungspotential einer Gesellschaft darin liegen könnte, ihre eigene Normsetzung in Bezug auf den Umgang mit dem vermeintlich Schwächeren zu hinterfragen. Maria Walcher (* 1984) thematisiert anhand des Schuhputzer-Handwerks die gesellschaftliche Minderbewertung und Unsichtbarkeit von Pflege-Arbeit, und Letizia Werth (* 1974) macht in ihrer Wandmalerei die globalen Probleme unserer Konsumgesellschaft am Beispiel des Wäschewaschens sichtbar. Die Aktivistin und Fotografin Selene Magnolia (* 1989) dokumentiert mit ihrer Fotokamera die Rettung einer Gruppe nigerianischer Frauen im Mittelmeer und die Kraft der Solidarität auf dem Weg in ein neues Leben.

Hier knüpft Luigi Fassi mit einer Auswahl von Arbeiten des Malers Ludovic Nkoth (* 1994) an. Nkoths Malerei ist eine Aufzeichnung der Gegenwart und bedient sich dabei unterschiedlicher Elemente, wie die der Geografie, des aktuellen Zeitgeschehens sowie der persönlichen Erinnerungen. Ausgehend von seiner eigenen Biografie und dem Pendeln zwischen zwei Welten, Kamerun und den USA, setzt der Künstler diese Medien ein, um die Umwälzungen des aktuellen Weltgeschehens zu dokumentieren. In schwungvoll fließenden Pinselstrichen und kräftigen Farben entstehen alarmierende Werke, deren Dreh- und Angelpunkt aktuell die Gewässer des Mittelmeerraums sind. Die Körper junger Geflüchteter werden vom Meer mitgerissen. Der Kontrast zwischen der leuchtenden Farbbrillanz und dem aufwühlenden Thema des Kampfes um das Leben führen zu einem das Werk bestimmenden Tenor des Unbehagens und der Dissonanz. Dabei spielt Nkoth auf ein Versagen an: das Scheitern der zeitgenössischen Welt, die fest im Griff von Rassismen, Konflikten und globalen Ängsten ist, wo ganze soziale Kategorien durch systematische und andauernde Ungerechtigkeiten ausgezehrt werden.

: Zora Kreuzer, The Sun Is Shining Tonight, 2020 B-Part Exhibition Berlin, Foto Andreas Schimanski

Auch im Beitrag von Susanne Waiz und Ludwig Thalheimer (* 1961) richtet sich der Blick auf die Gesellschaft und den Raum, den sie gestaltet. Die gebaute Stadt ist ein solcher Raum, sie kennt Arbeiterviertel und Stadtvillen, eine bessere und eine schlechte Gegend. Sozialwohnbauten und Stadtsanierungsprojekte zeugen vom ständigen Streben nach Lebensqualität und gesundem Wohnraum für die Bevölkerung. Heute sind die gesellschaftlichen Umstände, unter denen Architektur entsteht, mehr denn je von Kapital und Politik geprägt. Institutionelle Investoren bestimmen den Markt, die Rolle der öffentlichen Verwaltung beschränkt sich häufig auf die Definition von Rahmenbedingungen. Baukultur degeneriert zu Fassadenkosmetik. Parallel zu dieser Entwicklung steigt die Obdachlosigkeit weltweit rapide an. Auch in europäischen Städten mit hoher Lebensqualität sind tausende Menschen gezwungen „unter der Brücke“ zu schlafen. Die Spekulation mit Immobilien fördert die Ungleichheit zwischen den Menschen und bringt hart erarbeitete gesellschaftliche Konventionen aus dem Lot.
Die Aufnahmen von Ludwig Thalheimer erfassen das, was dem flüchtigen Blick entgeht, improvisierte Unterkünfte, gut getarnt im Gestrüpp, und von Menschen bewohnt, die auf der Flucht auch ihren Stellenwert in der Gesellschaft verloren haben. Den Bildern stehen Interviews gegenüber, die den Zusammenhang zwischen Investorenarchitektur und Obdachlosigkeit am Beispiel von Wien – als pars pro toto für eine europäische Stadt – aus Sicht von Stadtplanung, Kultur und Gesellschaft spiegeln.

Mit Baukunst in unserer Region und Architekturvermittlung beschäftigen sich Andreas Kofler und Magdalene Schmidt als Kuratorenteam. In ihrem Beitrag untersuchen sie die Rolle von Kunst Meran als eine der wichtigsten Institutionen bei der Vermittlung zeitgenössischer Architektur in Südtirol. Seit 25 Jahre sind Dialog und Diskurs über Architektur im alpinen Raum ein Kernthema in der Arbeit des Kulturvereins und haben in Südtirol unbestritten zu einer lebendigen Architekturdebatte und einem Architekturtourismus beigetragen. Ausgehend von Gesprächen mit der Gründungsdirektorin Herta Wolf Torggler wird der Blick in die Vergangenheit mit Elementen aus dem Archiv zu einer Wunderkammer verdichtet, welche die Themen und Diskussionen rund um die Begegnungen zwischen Architektur und der breiteren Öffentlichkeit veranschaulicht.
Auf der Suche nach der Haltung der jüngsten Generation von Architekt*innen konfrontiert ein weiterer Beitrag das breite Spektrum der Positionen aus den vergangenen Jahren mit einer Auswahl von Diplomarbeiten, die sich im Laufe des letzten Jahrzehnts Südtirol gewidmet haben. Zu den in Zusammenarbeit mit Turris Babel, der Zeitschrift der Architekturstiftung Südtirol, ausgewählten Arbeiten zählen auch mehrere “architektonische Fragmente”, die im Rahmen der Abschlussarbeit Anche i monumenti muoiono von Simone Salvatore Melis (* 1996) an der Freien Universität Bozen (Bachelor in Design und Künste) entstanden sind.

Anne Schloen setzt sich mit Beiträgen von Zora Kreuzer (* 1986.) und Erika Hock (* 1981) mit dem Wert der sinnlichen Erfahrung eines Kunstwerkes auseinander. Kunstwerke sind neben „Vorschlägen für zukünftiges Erleben“ für sie auch die Möglichkeit für einmalige Erlebnisse. Besucher*innen von Ausstellungen werden dabei vielleicht auf eine bisher unbekannte Weise berührt und angeregt sowie in ihrem physischen ästhetischen Empfinden bestärkt. Die Arbeiten der beiden Künstlerinnen rücken in der aktuellen post-digitalen und (post-)pandemischen Ära den Wunsch – mit der Welt wieder physisch in Kontakt zu treten und reale Erfahrungen zu machen – in den Vordergrund. Mit Hilfe von gattungsübergreifenden Ansätzen werden zwei Ausstellungsräume von Kunst Meran in komplexe „Erfahrungs- und Denkräume“ transformiert.
Zora Kreuzer entwickelt für den zentralen Lichthof des Hauses eine ortsspezifische Licht- und Wandmalarbeit. Dabei wird die Architektur des Gebäudes neu sichtbar gemacht. Erika Hock erarbeitet eine Installation aus Wand- und Raumobjekten, die die Grenzen zwischen Architektur, Kunst und Design verschwimmen lässt und dabei Bild- und Objekterfahrung auf sehr sinnliche Weise miteinander verknüpft.

Die Ausstellungssektion von Günther Oberhollenzer kreist um die Frage, welche neuen und zukunftweisenden Ausdrucksformen sich am Beginn des 21. Jahrhunderts in der Kunst herauskristallisieren. Von Interesse ist der Dialog von analoger und digitaler Welt, die Erweiterung der künstlerischen Medien durch neue technologische Möglichkeiten, aber auch Fragen der Wahrnehmung und der künstlerischen Autorenschaft. Rosmarie Lukasser (* 1981) interessiert sich für die Auswirkungen der digitalen Vernetzung auf die Selbst- und Fremdwahrnehmung des Menschen, ihr fragiles Mensch-Maschine-Wesen aus Terracotta hat sich ganz in seine Welt zurückgezogen. Christian Bazant-Hegemark (* 1978) verschränkt digitale und analoge Zeichnung miteinander und zeigt Menschen, die in einem unbestimmten Wartezustand verharren. Oliver Laric (* 1981) reproduziert eine bekannte Skulptur aus der Kunstgeschichte mittels aufwendigen 3D-Druckerfahren und hinterfragt die Begriffe Original und Kopie. Bernd Oppl (* 1980) erschafft architektonische Raummodelle und Videoarbeiten, die unsere Wahrnehmung herausfordern und täuschen. Roberta Lima(*1974) nähert sich in einer performativen Installation dem „Wood Wide Web“, den Vernetzungssystemen der Natur. Hannes Egger (* 1981) schließlich erstellt Handlungsaufforderungen für das Publikum, damit dieses mit den Kunstwerken in Interaktion treten kann.

Maria Walcher, Gerardo, Performance, 2021 Courtesy the artist

Auch in der Kunstpraxis von Davide Quayola (* 1982), den Valerio Dehò für die Ausstellung eingeladen hat, steht die Auseinandersetzung mit neuen Technologien und ihren Möglichkeiten im Mittelpunkt. In der Sektion Infinite Zukunft sind Mensch und Maschine keine Konkurrenten mehr. Kunst macht man, womit man will, was die Industrie anbietet. Quayola befreit seine Kunst somit aus einer vermeintlich tödlichen Umarmung von Technologie und Vergänglichkeit. Er bewundert die Kunst der Vergangenheit und aus dieser Bewunderung heraus, schafft er eine neue Kunst, da diese unweigerlich in einem neuen Zeit-Raum entsteht. Quayola, der Biologe ist, benutzt die Digitaltechnologie wie ein Elektronenrastermikroskop. Er taucht in die Landschaft ein und formt Dinge, als ob wir sie zum ersten Mal sähen. Winzige Fragmente sind ihre geheime Geometrie aus molekularen Strukturen.
In dieses neue Gleichwicht aus Vergangenheit und Gegenwart, fügt er die Zukunft ein. Paradoxerweise antizipiert dabei die Zukunft die Gegenwart. Die Zukunft ist der einzige Pfeiler auf dem die Gegenwart provisorisch errichtet werden kann. Denn der Technik liegt ein dynamisches Konzept zugrunde, das kein Umdenken erlaubt.

Mit diesem versöhnlichen Ansatz Quayolas schließt sich der Bogen zu Flussers Zitat. Die Ausstellung entlässt die Besucher*innen mit der beruhigenden Gewissheit, dass es der Kunst gelingt, Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu sein.

Termin: Eröffnung am 17. Juli von 10 – 18 Uhr bei freiem Eintritt, Um 11.00 Uhr Performance GERARDO von Maria Walcher. www.kunstmeranoarte.org

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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