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Was macht „ZeitLous“ zeitlos?

: (v.l.) Michaela Schölzhorn, Amin Aarab und Markus Gasser: Die Klassikerin ist die unangefochtene Chefin. (Foto: Gabriele Griessenboeck)

Michaela Schölzhorn kommt aus dem Wipptal, Amin Aarab aus Marokko, Markus Gasser aus Meran. Zusammen bilden sie eine der eigenwilligsten Bands Südtirols, die Dialektlieder mit Didgeridoos und Perkussioninstrumenten aus aller Welt in eine Klangwelt bringen: „ZeitLous“.

Tageszeitung: Drehen wir zu Beginn eine Vorstellungsrunde. Wer sind Zeitlous ?

Michaela Schölzhorn: Ich bin in Ratschings aufgewachsen und habe in Innsbruck klassische Gitarre studiert. Mein Vater, der an der Musikschule Steirische Harmonika unterrichtete,  hat mir schon als Kind Gitarre beigebracht und so habe ich anfangs hauptsächlich Volksmusik gespielt. Später spielte ich in verschiedenen Gruppen auch andere Musikrichtungen. Seit 20 Jahren lebe ich in Morter im Vinschgau und unterrichte in der musikalischen Mittelschule in Schlanders. Das Arbeiten mit meinen Schülern macht mir große Freude.

Amin Aarab: Ich  bin in Marokko geboren, habe nach dem Schulabschluss meinen Rucksack gepackt und ein Flugticket nach Frankfurt gelöst. Eine Weile habe ich in Deutschland gelebt, danach in Österreich. In Perugia habe ich die Universität besucht und in Piemont gearbeitet. Seit acht Jahren lebe ich in Burgstall und arbeite als Maschinenschlosser. Musik hat es in meinem Leben schon früh gegeben. Mein Vater hat mir im Alter von sechs Jahren eine Violine gebaut, später bin ich über meinen Onkel zu Perkussionsinstrumenten gekommen. Musik und Reisen sind meine Leidenschaften. Das gibt mir ein Gefühl von Freiheit und Abenteuer. Sonst hat man im Alter ja nichts zu erzählen.

Haben Sie noch Verbindungen zu Marokko?

Amin Aarab: Ja, im Winter fahre ich mit meiner Freundin hin. Relaxen am Strand, surfen und viele Feste feiern.

Markus Gasser: Ich bin gebürtiger Meraner, wohne in Lana, habe lange Zeit als Bodenleger gearbeitet. Jetzt bin ich Mitarbeiter für Integration in Südtiroler Bildungseinrichtungen. Irgendwann habe ich angefangen Didgeridoos zu bauen und das Instrument auch zu spielen. Über das Instrument habe ich Michi kennengelernt und sie hat gleich gesagt, mit dem Instrument probieren wir was aus. So ist vor zehn Jahren die Gruppe Zeitlous entstanden.

Haben Sie vorher schon Musik gemacht?

Markus Gasser: Nein, ich habe mit Didgeridoo angefangen. Später habe ich auch Cajons,  Djemben und Flöten gebaut. Mit meiner Freundin biete ich Kurse zum Selberbauen an.

Didgeridoo ist ein schwierig zu spielendes Instrument.

Markus Gasser: Wenn man den Ansatz beherrscht, kann man einen Grundton spielen. Der dauert aber nur so lange, wie der Atem reicht. Wenn man länger spielen will, muss man die Zirkularatmung lernen, das ist für Erwachsene schwierig. Kinder können das, als Erwachsene verlernt man es, aber man kann es wieder lernen.

Michaela Schölzhorn: Ich probiere es seit 10 Jahren. Die Töne schaffe ich, aber die Zirkularatmung – keine Chance.

Amin Aarab: Das ist sehr schwierig.

Markus Gasser: Das Gehirn sagt, ein- und ausatmen zugleich geht nicht. Man muss sein eigenes Gehirn überlisten. Wenn es einmal Klick macht, verlernt man es nicht mehr. Mich fasziniert das Urige, Archaische des Instruments.

Didgeridoos sind Instrumente der australischen Ureinwohner. Wie geht das mit dem Südtiroler Dialekt zusammen?

Michaela Schölzhorn: Das geht zeitlous zusammen.

Amin Aarab: Musik kennt keine Grenzen. Wir könnte Musik aus jedem Erdteil hernehmen und es würde problemlos zusammenklingen. Es braucht nur die Seele dazu. Wenn man fünf oder zehn Musiker aus verschiedenen Ländern zusammenbringt, die voneinander kein Wort verstehen, so können sie doch zusammen Musik machen. Musiker brauchen keine gesprochene Sprache, ihre Sprache ist Musik.

Michaela Schölzhorn: Man muss die Grenzen im Kopf überwinden. Ich zum Beispiel habe klassische Gitarre studiert, das heißt, Technik, Noten, perfektes Spiel. Zugleich wollte ich aber etwas Eigenes machen, habe es während meines Studiums aber nicht geschafft. Ich war komplett in dem klassischen Regelwerk gefangen. Zum Glück gab es eine Lehrerin, die mich sechs Sommer zu einem Projekt nach Peru mitgenommen hat, wo wir klassische und zeitgenössische Musik unterrichtet haben. Meine Professorin war für die zeitgenössische Musik Feuer und Flamme und hat sie mir nähergebracht. Da habe ich zum ersten Mal gespürt, dass ich die klassischen Grenzen sprengen kann.

Musik ist doch Freiheit.

Michaela Schölzhorn: Das war mir schon klar, aber eben nur im abstrakten Sinn. Die Angst, aus dem Gewohnten auszubrechen, war stärker. Als Markus mit dem Didgeridoo daherkam, dachte ich: perfekt. Das ist genau das, was ich gesucht habe. Eine Kombination, die es noch nicht gibt, die einen neuen Sound schafft.

Dazu noch der Südtiroler Dialekt.

Michaela Schölzhorn: Es fällt mir schwer in Englisch oder Hochdeutsch zu singen, das bin einfach nicht ich. Im Dialekt fühle ich mich wohl und bringe viel besser auf das Papier, was ich denke. Es gibt Sängerinnen und Sänger, die das super können. Wenn du hingegen dein eigenes Ding machst, kannst du mit niemandem verglichen werden.

Vor allem junge Bands singen fast alle und mehr oder weniger gelungen Englisch. Zum Dialekt braucht es Mut.

Michaela Schölzhorn: Ja, braucht es.

Dafür hat der Dialekt so schöne Worte wie „Himlitzen“.

Michaela Schölzhorn: Das Wort kennen viele nicht mehr. Es bezeichnet das Wetterleuchten, wenn sich die Blitze eines weit entfernten Gewitters bemerkbar machen.

Amin Aarab: Deine Gefühle kannst du nur in deiner Sprache ausdrücken. Und das Publikum spürt, ob es echt ist. Viele Gruppen versuchen mit ihrer Musik ein möglichst großes Publikum anzusprechen. Unsere Musik ist nicht für jeden, das ist uns völlig klar. Wir kombinieren Südtiroler Dialekt mit Gitarre, mit Instrumenten aus Marokko, aus Peru, aus Australien, aus der Schweiz und anderen Ländern. Das macht uns einzigartig.

Trifft das auf das Didgeridoo auch zu? Spricht Ihnen dieses Instrument aus der Seele?

Markus Gasser:  Ich baue zuerst die Instrumente und lerne sie dann zu spielen. Mein Opa hat Geige gespielt, das hat mir immer unheimlich gut gefallen. Leider hatte ich nie die Gelegenheit, ein Instrument zu lernen. Das hole ich jetzt auf meine Weise nach.

Indem Sie Instrumente erfinden.

Michaela Schölzhorn: Bei Markus ist man nie sicher. Er kommt auf einmal mit einem neuen Instrument daher. Eine Flöte etwa. Dann brauchen wir halt ein Lied für diese Flöte.

Auch ein Hang baut Ihr ein.

Amin Aarab: Das ist ein neues Instrument und kommt aus der Schweiz. Leider ist es noch ziemlich teuer.

Die Texte schreiben Sie allein?

Michaela Schölzhorn: Die meisten, einige stammen von einer Freundin, die auch Dialekttexte schreibt.  Ich verpacke ganz alltägliche Lebenssituationen in meine Texte.

Zum Beispiel die Warnung „Net zi gach“.

Michaela Schölzhorn: Da geht es um die Schnelllebigkeit unserer Zeit. Manches klingt vielleicht melancholisch, aber kein Lied von mir ist nur dunkel. Es braucht immer auch das Helle. Eigentlich schreibe ich, weil ich immer Hoffnung habe.

Die Kompositionen entwickelt Ihr gemeinsam?

Markus Gasser: Wir experimentieren mit verschiedenen Instrumenten herum, bis es passt. Die Harmonie ergibt sich meistens aus der Disharmonie.

Michaela ist die unangefochtene Chefin in der Gruppe.

Amin Aarab: Eindeutig, die Klassikerin ist die Chefin.

Markus Gasser: Kein Zweifel, das ist sie.

Und folgen Ihnen die Männer?

Michaela Schölzhorn: Jein. Sie sprengen immer wieder meine Welt, indem sie mit Vorschlägen kommen, von denen ich mir denke, die klappen nie. Dann probieren wir und es klappt doch. Wie gesagt, ich habe Musik studiert und habe meine Muster im Kopf und dann kommen zwei, die nie Musik studieren haben, sie aber total in sich drinnen haben. Sie spüren, um was es geht.

Diese Mischung ist das Geheimnis von „Zeitlous“.

Amin Aarab: Michaela kommt mit einem Lied und einer Melodie und wir probieren dann mit verschiedenen Instrumenten so lange herum, bis wir alle einverstanden sind.

Markus Gasser: Proben sind bei uns nie langweilig. Da wird experimentiert, improvisiert, verworfen und wieder ausgegraben.

Es kommt auf das Zusammenhören an. Eure CD heißt nicht umsonst „Lous a moll“.

Michaela Schölzhorn: Das ist eines von den Wortspielen, die mir und uns gefallen. „Lous a moll“ hat mehrere Bedeutungen, es bedeutet die Aufforderung, zu hören, aber es steckt auch die Tonart Moll darin. Bei „Zeitlous“ steckt die Zeitlosigkeit drinnen, aber auch die Zeit zum Lousen.

Verstehen Sie, was Michaela da singt?

Amin Aarab: Ja, logisch. Mit Hochdeutsch tue ich mich zwar leichter, aber ich verstehe alles. Wenn es ein Wort gibt, das ich nicht verstehe, erklärt es mir meine Freundin. Bei meiner Arbeit wird nur Dialekt gesprochen, ist aber kein Problem.

Wenn man euch zuhört, hat  das Gefühl, da machen drei Freunde Musik. Über Freundschaft habt  ihr auch ein Lied im Programm.

Michaela Schölzhorn: Ja, es heißt Federleicht. Freundschaft und zusammen Zeit verbringen ist wichtig für jeden von uns. Bands sind ja eine schwierige Geschichte. Man kann wunderbar zusammenspielen, aber wenn die Charaktere nicht zusammenpassen, ist es schwieriger.

Amin Aarab: Wir sind nicht nur Kollegen, die zusammen Musik machen, wir sind Freunde, haben viele Interessen gemeinsam und teilen die gleiche Einstellung zum Leben.

Ihr feiert heuer das Zehnjährige.

Michaela Schölzhorn: Das ganze Jahr. Zeitlous eben.

Interview: Heinrich Schwazer

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