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Not am Mann

Foto: Hannes Niederkofler

Die Bürgermeister suchen derzeit oft vergeblich nach einer Baufirma. Trotz Boom verspürt die Baubranche aber keine Zuversicht.

von Silke Hinterwaldner

„Keine Zeit.“ Das ist die Antwort, die man immer wieder erhält, sobald man einen Handwerker oder gar eine Baufirma braucht. Diese Antwort bekommen mittlerweile auch Bürgermeister, wenn sie öffentliche Arbeiten ausschreiben. Etwa Martin Außerdorfer. Der Bürgermeister von St. Lorenzen muss die Friedhofskapelle in Montal sanieren lassen, er hat sechs Angebote bei den Baufirmen angefragt und sechs Absagen erhalten.

„Es ist mir schon klar“, sagt er, „dass es sich dabei nicht um einen riesengroßen Auftrag handelt, aber in den Gemeinden haben wir oft Arbeiten dieser Größenordnung durchzuführen. Und dafür brauchen wir die Unternehmen. Aber die Kapazitäten scheinen erschöpft. Der Markt ist gesättigt.“

Mitten in der Pandemie hatte man immer wieder befürchten müssen, dass die Wirtschaft einbricht, auch die Bauwirtschaft. Aber derzeit schaut es ganz und gar nicht danach aus: Sowohl im privaten als auch im öffentlichen Sektor wird richtig viel gebaut. Hotel erweitern oder bauen um, Private bauen Wohnhäuser, weil sie Geld investieren wollen und die Verteuerung der Rohstoffe fürchten. Aber auch wenn die Zinsen niedrig sind, so ist und bleibt das Bauen in Südtirol teuer, das jedoch schreckt viele Bauherren derzeit nicht ab. Nicht im Pustertal, aber auch nicht andernorts.

Schwenk nach Franzensfeste: Der künftige Standort für das Bezirksaltenheim spaltete im Wipptal letzthin die Geister. Auch der lvh-Bezirksausschuss mischte sich in die Debatte ein, mit einem klaren Ziel: die Ausschreibung so zu gestalten, dass möglichst viele lokale Betriebe daran teilnehmen können. Dieser Forderung kann Thomas Klapfer, Bürgermeister von Franzensfeste, in Anbetracht der aktuellen Lage wenig abgewinnen. Der Hintergrund: Die Gemeinde Franzensfeste besitzt im Grundschulgebäude Mittewald zwei Wohnungen, die seit zwei Jahren leer stehen, weil sie saniert werden müssen. Die Verwaltung hat jüngst die Sanierung öffentlich ausgeschrieben. Die Auftragssumme: 270.000 Euro. Die einzige Auflage: Die Arbeiten müssen über die Sommermonate verrichtet werden, um den Schulunterricht nicht zu stören. Wie Klapfer in der Gemeinderatssitzungen mitteilte, sei die Gemeinde aber nicht imstande gewesen, die Arbeiten zu vergeben: „Der Maurer ist das Problem: Wir haben zuerst zehn Baufirmen eingeladen, keine bot an. Daraufhin haben wir weitere sieben kontaktiert, ebenfalls ohne Erfolg – weil sie nicht Zeit haben. Und das hat mich schon überrascht.“  Nun muss die Sanierung für ein Jahr aufgeschoben werden. „Obwohl wir eigentlich Mietinteressenten hätten.“  Ende des Jahres werden die Arbeiten abermals ausgeschrieben, „in der Hoffnung, dass die Sanierung nächstes Jahr durchgeführt wird“, so Klapfer.

Kommen die Baufirmen mit der Arbeit nicht mehr nach? Michael Auer, Präsident im Kollegium der Bauunternehmer, winkt sofort ab, wenn er diese Frage hört. In Wahrheit, sagt er, sei die Situation im Bausektor derzeit sehr angespannt, schwierig und alles andere als krisenfest.

„Die Auftragslage ist derzeit noch gut“, sagt er, „aber es ist nicht wahr, dass man keine Baufirma mehr findet.“ Problematischer seien die Preissteigerung und der Engpass bei den Baumaterialien. „Wir sprechen hier von Preissteigerungen von über 50 Prozent“, sagt Auer, „auch deshalb können Unternehmen manche Angebote gar nicht mehr machen. Man riskiert draufzuzahlen.“ Ganz besonders teuer sind derzeit Holz, Baustahl, Dämmstoffe, Glas sowie sämtliche Produkte aus Metall. „Das ist unsere echte Coronakrise“, erklärt Michael Auer, weltweit wurden die Kapazitäten zurückgefahren, die Konjunkturerwartungen haben sich als falsch herausgestellt und jetzt fürchtet die Baubrache, dass die Preisentwicklung weiter nach oben zeigt. Man hofft zwar, dass sich die Preise und das Angebot in den kommenden Monaten einpendeln. Aber vielmehr fürchtet man, dass die Situation weiter enormen Schwankungen unterworfen ist. Das bedeutet aber auch, sobald die Unternehmen an Fixpreise gebunden sind, dass sie die Differenz selbst stemmen müssen.

Gar manche Bauherren lassen sich derzeit von den guten Angeboten zum Bauen verlocken: Zu den guten Zinsen und der Angst vor der Geldentwertung kommt der 110-Prozent-Bonus. Aber: Hier werden die Lieferzeiten manchen zum Verhängnis. Wer heute Fenster bestellt, muss unter Umständen bis März nächsten Jahres warten. Dann gibt es jedoch vielleicht den 110-Prozent-Bonus nicht mehr, den man steuerlich verrechnen kann. Ein Teufelskreis für die Bauherren, aber eben auch für die Unternehmen.

Übrigens: Die Geschichte in St. Lorenzen wird ein gutes Ende nehmen: Mittlerweile haben sich zwei Firmen nach persönlicher Kontaktaufnahme bereit erklärt, den Auftrag in der Friedhofskapelle anzunehmen.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (8)

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  • tirolersepp

    Also doch weit weg von einer Krise !!!

  • besserwisser

    das mag alles stimmen. aber der andere teil der wahrheit ist: welcher kleine handwerker will sich mit öffentlichen einrichtungen herumplagen um dann irgendwann kassieren zu können.
    nachdem es ja sonst auch genügend arbeit gibt haben wenige das beürfnis für die gemeinden zu arbeiten, vor allem wenn sie nicht ein eigenes büro haben. die bürokratie macht dich kaputt…..

    • baludergrosse

      Die öffentlichen Verwaltungen zahlen inzwischen pünktlicher als die Privaten!
      Das größte Problem für Kleinst- und Kleinunternehmen ist der bürokratische Aufwand… einerseits bei der Angebotserstellung und Auftragsvergabe und dann später nochmal bei der Abrechnung…
      Hier müssen unbedingt neue Kriterien geschaffen werden, ansonsten tut sich diesen Aufwand für kleinere Aufträge bald keiner mehr an – zudem bedeutet dieser immense bürokratische Aufwand nicht nur Zeitverschwendung sondern auch eine nicht unwesentliche Kostensteigerung!

  • andreas77

    I tat sogen a wia unbürokratischer mochen die gonze vergobe und obrechnung. Nor sein a klianere firmen interessiert

  • perikles

    Die aktuellen Preissteigerungen im Rohstoffbereich sind gut, das kann vor einer weiteren Überhitzung der Baubranche schützen. Der ein oder andere Bauauftrag wird somit nach hinten verschoben.

  • nochasupergscheiter

    Im Moment kann man als Firma nichts mehr planen…
    Es wir zwar versprochen aber geliefert wird das Material dann nicht… Corona heisst es…
    Gewinnt man eine Ausschreibung heisst es zettl liefern…
    Dann gibt’s beim Beschluss einen zahlendreher weil die durch corona überlasteten Beamten Plätzen, und die Gemeinde verlangt ALLE Zettl nochmals, jedes standard Formular…
    Überall zertifikate Bestätigungen eigenerklärungen, spids, cies und was weiss ich noch was alles…
    Ein Haus bauen wär nicht schwierig, aber da ein bisschen dämmung, hier ein dichtband, eine Folie, ein Nagelband, eine Dichtung usw
    Alles ist kompliziert… Kein Wunder dass nichts mehr funktioniert

  • batman

    Die zukünftigen Generationen können sich freuen, wenn diese ganzen Häuser einmal alt sind. Wohin mit diesem ganzen Dreck?

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