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„Sind auf einem guten Weg “

Der Biostatistiker Markus Falk erklärt, wie viele Personen geimpft werden müssen, damit Südtirol sicher in den Herbst kommt. 

Herr Falk, in Südtirol sind über 200.000 Personen erstgeimpft. Wie weit sind wir von der Herdenimmunität entfernt?

Markus Falk: Der Begriff Herdenimmunität wird von der Allgemeinheit leider falsch gedeutet. Er besagt mathematisch, dass die Reproduktionsrate in einer Bevölkerung zu jeder Zeit unter 1 bleibt, sodass die Krankheit aus dieser verschwindet und dies wird bei Covid so schnell nicht der Fall sein. Dass die zunehmende Anzahl Immuner aber die Ausbreitung von Covid erschwert, sollte deshalb besser mit dem Begriff Gemeinschaftsschutz bezeichnet werden und dieser manifestiert sich bei Covid bereits ab Immunisierungsraten von 40 Prozent. Diese Rate wurde in Südtirol bereits erreicht und der Gemeinschaftsschutz wird sich mit der zunehmenden Anzahl Geimpfter noch weiter verbessern lassen.

Man befindet sich also auf einen guten Weg. Wie viele Personen werden bis Ende des Sommers geimpft sein?

Das hängt zum einen von der Impfstoffmenge und zum anderen von der Impfbereitschaft ab. Lieferengpässe sollten nun nur mehr vereinzelt eintreten, wenn überhaupt, sodass es eigentlich nur mehr darum geht, wie viele sich impfen lassen wollen. Eine genaue Prognose kann man allerdings nur schwer erstellen, da Umfragen hierzu fehlen. Ich vermute, dass die Impfbereitschaft bei den Jüngeren niedriger ausfallen wird und Impfraten über 60 Prozent wären bereits ein gutes Ergebnis. Bei den vulnerablen Gruppen hat man mit über 80 Prozent Durchimpfung bereits sehr gute Raten erreicht und dies sieht man nun auch an den gesunkenen Krankenhausaufnahmen und der Sterblichkeit.

Reicht eine Impfrate von 60 Prozent aus, um wieder vollständige Normalität zu erreichen?

Der jetzige Status würde uns bereits sehr viel erlauben, da die vulnerablen Gruppen bereits geschützt sind. Die Krankhausaufnahmen und der Zugang auf Intensiv ist bereits eingebrochen und es besteht nur mehr ein geringes Risiko der Überlastung. Es geht jetzt vor allem darum, dass die Leute verstehen, was auf sie zukommt und dass der Einzelne sich davor mittels Impfung schützen kann. Es gibt nur die Option zu erkranken oder sich zuvor zu impfen. Nur einige wenige werden sich davor drücken können. Kein Neurologe würde derzeit das Krankwerden empfehlen, da das Spektrum von Covid, was neurologische Folgeschäden anbelangt, noch lange nicht erschöpfend geklärt ist.

Südtirol könnte also bereits jetzt alle Maßnahmen aufheben?

Man wird nun viele Schutzmaßnahmen zurücknehmen können, da Genesene und Geimpfte wenig zu befürchten haben. Unter den nicht Immunen kann es aber nach wie vor zu größeren Ausbrüchen kommen und deshalb ist auch weiterhin ein gewisses Maß an Disziplin angeraten. Der Corona-Pass leistet hier gute Dienste und ermöglicht es vor allem den nicht Immunen am normalen Tagesgeschehen teilzunehmen. Es gilt jedenfalls, dass je mehr Personen in der Bevölkerung immun sind, desto mehr Maßnahmen wird man zurücknehmen können.

Reicht eine Impfrate von 60 Prozent auch aus, um geschützt durch den Herbst und den Winter zu kommen?

Der Herbst wird mit Sicherheit wieder ein Kapitel für sich. Die Impfungen verändern auch hier das Spiel komplett, sodass man sich nicht einsperren und auch keinen Lockdown befürchten muss. Aufgrund der Erfahrungen vom letzten Jahr ist man aber angehalten, alles mit Vorsicht anzugehen. Bereits im Oktober wird man sehen können, in welche Richtung es geht. Je höher die Grundimmunisierung in der Bevölkerung ist, desto unproblematischer wird der Herbst, sodass man sich mit geringen Impfraten nur selbst ein Ei legen würde. Sollten sich nur 60 Prozent der Jüngeren impfen lassen, dann wird es in diesen Altersgruppen auch vermehrt zu Ausbrüchen kommen.

Ihrer Prognose zu Folge wird sich in Südtirol bis zu 60 Prozent der Gesamtbevölkerung gegen das Coronavirus impfen. Heißt das, dass der Rest gegen die Impfung ist?

Nur ein geringer Teil der Bevölkerung ist gänzlich gegen die Impfung. Da viele noch am Überlegen sind, werden sich auf Anhieb eben nicht mehr als 60 Prozent sofort dafür entscheiden. Je jünger die Leute sind, desto eher wird die Impfung aufgeschoben, wobei es auch dort bereits sehr viele gibt, die sich dafür entschieden haben oder nur darauf warten, geimpft zu werden.

Was wäre Ihr Rat an den Sanitätsbetrieb, damit sich so viele wie möglich impfen lassen?

Zunächst wäre es wichtig, die Impfung für alle Altersklassen und somit auch für Kinder ab 12, sobald zugelassen, zu öffnen, denn es gibt sehr viele, die nur auf die Impfung warten. Zudem gibt es weiterhin Bedarf klar über die Impfung und deren mögliche Folgeerscheinungen zu informieren, da die Impfstoffe sehr reaktogen sind. Hier sollte man an Ansprechpartner denken, an die man sich zur Abklärung von Symptomen wenden kann. Je transparenter das „Impfgeschäft“ betrieben wird und je mehr man auf plakative Propaganda oder Pflichten verzichtet, desto eher sollte eine hohe Beteiligung erzielbar sein, denn schlussendlich profitiert der Einzelne am meisten.

Interview: Markus Rufin

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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