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„Ich würde mich schämen“

Hermann Brugger (Foto: PZ/R. Weger)

Der bekannte Allgemein- und Notfallmediziner Hermann Brugger stellt sich gegen seine Standesorganisation: Die Kritik an der Impfpflicht für das Sanitätspersonal sei unvernünftig, unethisch und unsozial.

TAGESZEITUNG Online: Herr Dr. Brugger, die Südtiroler Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SÜGAM) hat sich gegen die Impfpflicht für das Sanitätspersonal gegen Covid-19 ausgesprochen. Warum fallen die Allgemeinmediziner der Politik und ihren eigenen StandeskollegInnen, die die Impfpflicht für absolut notwendig und ethisch vertretbar halten, in den Rücken?

Hermann Brugger: Diese Frage kann man sich stellen. In dieser Stellungnahme der SÜGAM schwingt eine Protesthaltung mit. Ärzte, vor allen Dingen Allgemeinmediziner – ich habe ja selbst 35 Jahre lang als Allgemeinmediziner gearbeitet –, lassen sich ungern etwas vorschreiben. Was mich aber schon wundert ist der Umstand, dass die SÜGAM das so offen freigelegt hat, weil ganz besonders die Allgemeinmediziner bis jetzt routinemäßig andere Leute geimpft haben.

Sie sprechen die Pflichtimpfungen und die Tetanus-Impfung an?

Ja. Und die Botschaft dieser Stellungnahme lautet: Die Anderen impfen, dazu sagen wir Ja, uns selbst zu impfen, da sagen wir Nein. Mit dieser Haltung sorgt die SÜGAM für Verunsicherung und erschwert das Erreichen der Herdenimmunität.

Nun müssten aber gerade Ärzte wissen, dass jedes Medikament, jede Arznei mit Nebenwirkungen verbunden sind …

Richtig. Es gibt in der SÜGAM-Stellungnahme zwei Punkte, die objektiv nicht schlüssig sind: Man kann beispielsweise nicht sagen, dass die Impfstoffe gegen Covid-19 unsicherer wären als andere Impfstoffe. Man muss die Sache mit Hausverstand angehen. Laut EMA kommt es bei einer auf 100.000 Impfungen mit AstraZeneca zu schweren Nebenwirkungen, zu den allseits bekannten Thrombosen. Laut den britischen Gesundheitsbehörden liegt das Risiko bei 1 zu 250.000. Und auf 10 Millionen Impfungen kommt ein Todesfall. Nun muss man ganz klar sagen: Es gibt viele Arzneimittel, die wesentlich gefährlich sind als diese Impfung.

Dennoch: Die SÜGAM heißt Impfungen gut, bei der Covid-19-Impfung hat sie Bedenken …

Das ist ja der Punkt! Es gibt bereits die Pflichtimpfungen bei Kindern und die Tetanus-Impfung bei Erwachsenen, die die Allgemeinmediziner gutheißen. Wenn sie konsequent wäre, müsste die SÜGAM sagen: Wir sind auch gegen die Pflichtimpfungen für Kinder und gegen die Tetanus-Impfung. Es bleibt der Widerspruch im Raum: Bei den anderen Personen haben die Allgemeinmediziner ihr ganzes Leben lang bedenkenlos geimpft, bei sich selber machen sie eine Ausnahme, bei sich selber wollen sie keine Pflicht. Diese Haltung ist mit meinem altruistischen Weltbild nicht vereinbar.

Harte Worte …

Es ist so! Diese Haltung ist für mich nicht altruistisch und mit dem Berufsethos des Arztberufes, der de facto ein Sozialberuf ist, nicht vereinbar. Wir haben jeden Tag mit zig Patienten zu tun. Mit ihnen führen wir nicht Gespräche auf Distanz, sondern wir haben zu ihnen ein physisches und psychisches Naheverhältnis. Diesen Menschen müssen wir die Sicherheit geben, dass wir sie nicht infizieren. Also müssen wir uns impfen. Nur eine Impfung ist sinnvoll und vernünftig.

Sie sehen in der Impfung auch einen Akt der Solidarität?

Ja, sicher! Ich vermisse die Solidarität mit den fragilen Patienten, die durch eine Covid-19-Infektion gefährdet sind. Ich würde mich jedenfalls schämen, vor einem schwerkranken Patienten zu stehen, ohne diesem mit meiner Immunität die Sicherheit zu geben, dass ich ihn nicht infiziere.

Also halten Sie die Impfpflicht für Ärzte und für das Sanitätspersonal für richtig?

Ja, denn warum soll man sich etwas Vernünftiges nicht vorschreiben lassen? Wir alle halten uns an vernünftige Vorschriften. Während ich mit Ihnen telefoniere, sitze ich im Auto und bin angegurtet. Eine Verpflichtung zu etwas Vernünftigem finde ich nicht belastend. Wenn man die Stellungnahme der SÜGAM konsequent durchdenkt, dann halten die Allgemeinmediziner die Impfpflicht nicht für vernünftig.

Eine gefährliche Botschaft?

Foto: lpa/123rf

Ja, denn bei unseren Patienten handelt es sich ja nicht um gesunde Personen, sondern meist um den fragilsten Teil der Gesellschaft. Es kommen ja hauptsächlich alte und kranke Menschen zu uns, die wir auf einer Maximaldistanz von einem Meter behandeln. Ich wiederhole: Wir müssen diesen Personen die Sicherheit geben, dass wir sie nicht infizieren, weil eine Infektion für sie hochgefährlich sein kann. Ich finde es also total richtig, dass die Impfpflicht für diesen Berufszweig angewandt wird.

Finden Sie auch die Impfpflicht für das Betreuungspersonal in den Seniorenheimen richtig?

In den Seniorenheimen gilt dasselbe, was für die Patienten der Allgemeinmediziner gilt. Auch das Personal in den Heimen steht mit dem fragilsten Teil der Gesellschaft in enger Verbindung. Es gibt einen kleinen Unterschied: Während wir Ärzte eigentlich wissen müssten, wie gering die Gefahr einer tödlichen Thrombose bei AstraZeneca ist, kann es beim Sanitätspersonal durchaus sein, dass zu wenig Informationen geliefert wurden.

Es wird in den Seniorenheimen auch die geben, die sagen: Wenn die alten Menschen alle geimpft sind, brauche ich mich nicht mehr impfen zu lassen …

Diese Argumentation stimmt nicht und ist nebenbei noch gefährlich: Der Impferfolg beträgt nie 100 Prozent, sondern der Impferfolg liegt beim besten Impfstoff bei knapp über 90 Prozent und bei den weniger guten Impfstoffen bei etwa 70 Prozent. Also gibt es noch immer einen relevanten Anteil von Personen, die trotz Impfung keine Immunität aufweisen. Also kann man selbst bei einer hohen Durchimpfungsrate in einem Seniorenheim nicht sicher sein, dass 100 Prozent der Bewohner geschützt sind. Auch weiß man, dass die Immunisierung im Alter nicht so gut funktioniert wie bei jungen Menschen.

Die EMA, die römische Regierung und die lokale Politik sagen: Mit AstraZeneca solle und könne weitergeimpft werden, der Immunologe Bernd Gänsbacher, sagt, Achtung, er würde sich nicht impfen lassen. Warum verunsichert man die Menschen so?

Herr Gänsbacher sieht die Sache sehr differenziert. Von den schweren Thrombosen sind in erster Linie Frauen zwischen 18 und 59 und Männer unter 30 betroffen. In der gesamten EU gibt es 86 Fälle. Daher denke ich auch, dass man diesem Personenkreis einen alternativen Impfstoff anbieten sollte, so wie das beispielsweise in Großbritannien gemacht wird. Das wäre meines Erachtens sinnvoll, um auch dieses minimale Risiko auszuschalten.

Bernd Gänsbacher

In Südtirol bekommen viele LehrerInnen in den nächsten Wochen die Zweitimpfung von AstraZeneca. Der Sanitätsbetrieb sagt: Impfen! Gänsbacher sagt: Nicht impfen. Wem sollen die Menschen glauben: Zerzer oder Gänsbacher?

Ich muss vorausschicken, dass wir alle von den Nebenwirkungen überrascht wurden. In Großbritannien, wo vor allem mit AstraZeneca geimpft wurde, sind diese Thrombosen nicht so häufig beobachtet worden wie in anderen europäischen Ländern. Bei der Impfstudie von AstraZeneca, an der circa 20.000 Personen teilgenommen haben, wurden keine Thrombosen beobachtet, was an der niedrigeren Zahl der Studienteilnehmer gelegen haben mag. Beim BioNTech-mRNA-Impfstoff wurden 40.000 Personen getestet. Aber erst in den letzten Wochen hat sich herauskristallisiert, welche Personengruppe am gefährdetsten ist: eben Frauen zwischen 18 und 50. Dennoch: Die Wahrscheinlichkeit, eine Thrombose zu erleiden, bleibt nimmer noch sehr gering. Gerade wir Ärzte wissen: Jede Arznei ist mit Nebenwirkungen verbunden, Heilung kann nur erreicht werden, wenn wir auch das Risiko in Kauf nehmen.

Was würden Sie den unschlüssigen Personen in Sachen Zweitimpfung mit AstraZeneca empfehlen?

Ich würde empfehlen, den Ratschlägen der EMA und des ISS zu folgen. Bei Frauen unter 50 würde ich eher vorsichtig sein und ihnen einen alternativen Impfstoff anbieten.

Interview: Artur Oberhofer

 

 

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