Du befindest dich hier: Home » News » „Impfe mich mit Augustiner“

„Impfe mich mit Augustiner“

Jürgen Wirth Anderlan

War sein Rap ein Fehler? Was hat er gegen Schwule? Was macht er auf Impfgegner-Demos? Was würde er mit Ulrike Oberhammer auf einer einsamen Insel unternehmen? Und: Kandidiert er für den Landtag? Fragen an den singenden (Jürgen) Wirth (Anderlan).

TAGESZEITUNG Online: Herr Wirth Anderlan, blicken wir zurück auf den 8. Jänner 2021: Warum sind Sie an jenem Abend in der Sitzung der Bundesleitung plötzlich aufgestanden und als Landeskommandant zurückgetreten?

Jürgen Wirth Anderlan: Die Stimmung in der Sitzung war schlecht. Die Bundesleitung war der Meinung war, dass ich einen sehr, sehr großen Fehler begangen hätte. Daraufhin habe ich beschlossen, die Verantwortung zu übernehmen und diese nicht auf andere abzuwälzen. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass es besser ist, einen Schlussstrich zu ziehen, um den Schützenbund möglichst schadlos zu halten.

Sie selbst waren nicht der Meinung, einen Fehler begangen zu haben?

Das Video war angekündigt, die Bundesleitung war informiert, dass etwas Musikalisches kommen würde. Aber inhaltlich habe ich die Bundesleitung nicht informiert. Das war ein Fehler. Aber zum Inhalt des Videos stehe ich nach wie vor.

Sie haben mit Verbitterung den Hut genommen?

Nein, ich war nicht verbittert, aber traurig. Ich wäre gerne noch weiterhin Landeskommandant gewesen, mir hat dieses Amt sehr viel Spaß gemacht. Aber da muss man drüberstehen: Im Schützenbund geht es nicht um Namen oder um Personen, sondern es geht um unsere Heimat, um unsere Werte und Traditionen.

Sie bleiben Schütze?

Ja, ich bin Mitglied der Kompanie Kaltern. Das ist eine sehr fleißige Kompanie, in der ich mich wohlfühle. Ich bin also dorthin zurückgekehrt, wo ich herkomme.

Wie sind Sie überhaupt auf die unsägliche Idee gekommen, einen Rap zu singen. Für einen Landeskommandanten ziemt sich das ja nicht …

Das habe ich unterschätzt. Ich bin Rap-Fan, kann nicht singen und habe keine besonders schöne Stimme. Ich bin aber ein geselliger Typ. Ich habe einmal als Skilehrer zu später Stunde auf der Theke stehend mein Bestes gegeben. Die Leute waren begeistert. Und in Kössen in Tirol war ich auf einem Konzert der Jungen Zillertaler. In einer Pause bin ich auf die Bühne gegangen, die 3.000 Zuschauer waren begeistert.

Jürgen Wirth Anderlan (Foto: SSB)

Sie sind ein verkanntes Talent?

Ich bin ein lustiger Typ. Und mein Hintergedanke mit dem Rap war, unsere Botschaften auf eine moderne Art und Weise zu verpacken. Ich wollte mit dem Rap die Jugend ansprechen, die ja das Fundament für jeden Verein ist.

Welche war denn Ihre tiefere Botschaft?

Der Werteverfall in unserer Heimat! Wir müssen darum kämpfen, dass unsere Jugend nicht glaubt, dass ihre Heimat dort ist, wo das Kabel für das iPhone  hängt oder wo die Bancomat-Karte liegt. Die Inhalte in dem Rap sind dieselben, die ich – in anderer Form – bei meiner Rede auf der Andreas-Hofer-Feier in St. Leonhard dargelegt habe.

Sie haben mit Ihrem ersten Rap einen wahren Shitstorm ausgelöst. Hätten Sie sich mehr Rückendeckung aus dem eigenen Lager erwartet? Oder, um es mit Ihren Worten zu sagen: Hätten Sie erwartet, dass Ihre Schützenkollegen mehr Eier in der Hous haben?

Nein, auch ich hatte mir die Reaktionen in dieser Härte und Vehemenz nicht erwartet. Ich will jetzt nicht den anderen Leuten die Schuld geben, der Fehler war, die Sache nicht inhaltlich mit der Bundesleitung abgestimmt zu haben.

Würden Sie den ersten Rap, der Ihnen das Amt gekostet hat, heute noch einmal in derselben Version ins Netz stellen?

Ja. Genau gleich! Ich stehe zu jedem einzelnen Wort. Ich staune heute noch darüber, was alles in diesen Rap hineininterpretiert wurde. Wenn man sich aber meinen WhatsApp-Verlauf und die Dynamik in den sozialen Medien anschaut, dann erkennt man, dass die Sache klar gesteuert wurde. Ich bin eine systemkritische Person, die sagt, was sie denkt. Im Endeffekt war mein Abschuss organisiert …

Von wem? Von der SVP?

Ja.

Warum?

Das Ganze geht zurück auf die Aktion des Schützenbundes vom 11. November …

… als Sie und Ihre Kollegen den Landtagsabgeordneten Eier überreicht haben?

Richtig. Am Tag nach der Veröffentlichung des Rap hat mir der Kultur-Landesrat eine WhatsApp geschrieben …

Was hat Philipp Achammer geschrieben?

Er hat geschrieben: „Tschuldige Jürgen, in aller Offenheit, aber ein paar Botschaften sind schon ziemlich daneben.“ Dann zu Mittag ist der Staller aufgesprungen …

Welcher Staller?

So nenne ich den SVP-Parteisekretär, weil der nennt mich auch nur Anderlan. Nach dem Staller sind die Alt-Mandatare auf den Plan getreten, dann die Frauen in der SVP und schließlich noch die SVP-nahen Schützen. Damit war klar, dass man mich abgeschossen hatte.

Landeskommandant Jürgen Wirth Anderlan und Landesrat Philipp Achammer

Für viele Federhutträger waren Sie eine Figur, die dem Schützenbund einen Hauch an Modernität und Coolness hätte einflößen können. Waren Sie dem Schützenbund am Ende zu keck und zu modern? Oder ist der Bund noch zu reaktionär und einfach noch nicht reif für einen Verrückten wie Sie?

Ich wurde auf der Bundesversammlung 2019 mit überwältigender Mehrheit gewählt. Man hat gewusst, dass jetzt mit mir nicht ein ganz Normaler oben steht. Natürlich werden sich einige gefragt haben, ob einer, der zerrissene Jeans trägt, auf und auf tätowiert ist, Vollbart trägt und dazu noch ein geselliger Typ ist, der Richtige ist.

Was haben Sie eigentlich gegen Schwule?

Schön, dass Sie mich das fragen. Ich bin seit 25 Jahren Skilehrer in Obereggen, seit 14 Jahren trage ich eine rosarote Mütze, die mittlerweile mein Markenzeichen ist. Diese Mütze hat eine Geschichte: Ein Gast, der als Kind bei mir Skifahren gelernt hat, hat sich – als er volljährig war – als schwul geoutet. Dieser Gast hat mir dann im Jahr 2006 vor der Abreise eine rosa Mütze geschenkt. Als cooler Skilehrer, der so sehr auf seine Männlichkeit bedacht ist, habe ich die Mütze in eine Ecke geschmissen. Vier Monate später habe ich erfahren, dass der junge Mann an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben ist. Als Hommage an ihn trage ich seither stolz die rosa Mütze.

Also haben Sie nix gegen Schwule?

Überhaupt nichts! Mit der Textpassage, in der es um den Dieter und um den Peter geht, wollte ich sagen, dass wir zuerst unser traditionelles Familienbild verteidigen sollten, bevor wir an andere Formen des Zusammenlebens denken. Gleichwohl sage ich: Ich habe nichts gehen Homo-Ehen, ich habe damit kein Problem.

Wenn Sie mit Ulrike Oberhammer allein auf einer Insel wären …

Dann würde ich hoffen, dass die Insel so groß ist, dass wir uns nicht zu oft über den Weg laufen. Ich würde fischen und jagen und schauen, dass sie mir etwas kocht …

Ulrike Oberhammer

Liebe klingt anders …

Mit dieser Frau allein auf einer Insel zu sein, wünsche ich mir wirklich nicht. Diese Frau hat mich mit einem Frauenmord in Welschtirol in Verbindung gebracht. Das war zu viel des Guten.

Brigitte Foppa und die Grünen sind, wie man weiß, auch nicht so Ihr Fall. Als Landwirt müssten Sie aber zumindest hellgrün sein …

Ich bin viel grüner als die Grünen, die ja nur im Büro herumsitzen. Ich habe die ganze letzte Nacht durchgewassert …

Frostberegnung?

Ja. Nebenbei bin ich – im Unterschied zu vielen Grünen – Selbstversorger. Ich habe Hennen, Mais, Erdäpfel und bin Pate einer Kuh in Aldein. Ich schütze meine Umwelt, die Umwelt ist mein Kapital, und es wäre ja töricht und dumm, wenn ich als Bauer das zunichte mache, von dem ich in der Zukunft lebe.

Also gibt es bei Ihnen oft Frutti di mare mit Erdäpfel?

Frutti di mare habe ich leider noch keine hier am Hof (lacht).

Sie singen in Ihrem zweiten Rap von der grünen SVP und deren blinden Kapitän. Mit Kapitän meinen Sie Achammer oder Kompatscher?

Der SVP wird es gleich ergehen wie dem großen Frachtschiff im Suez-Kanal …

Die SVP in ihrer heutigen Konstellation ist bestimmt kein politisches Dream Team, geschweige denn eine homogene Gemeinschaft. Aber wenn man sich die rechte Opposition in Südtirol ansieht, dann muss man den Herrgott anrufen und bitten, dass der Kelch bald vorübergeht …

Jürgen Wirth Anderlan

Glauben Sie mir, ich habe das Vertrauen in die gesamte Politik verloren! Und ich denke, ich bin mit dieser Einstellung nicht allein. Im Gegenteil! Als Landeskommandant war ich für die Politik ein Problem, weil man mich politisch nicht hat zuordnen können, weil ich immer überparteilich war. Mein Vertrauen in die Politik ist auf Null gesunken, erst recht wenn ich mir das große Versagen beim Management der Corona-Pandemie ansehe. Gerade wir, die geglaubt haben, wir wären immer und überall die Besten, sind die letzigschten der Welt! Wir sind das Schlusslicht in allen Bereichen. Einfach nur peinlich!

Niemand hatte eine Blaupause für diese Ausnahmesituation …

Das mag schon sein, aber dass bei uns mitten in der Pandemie auch noch die Debatte um die Gehaltserhöhung für die Politiker aufkommt, das war der Hammer. So eine Debatte darf gar nicht aufkommen, eine Gehaltserhöhung wird in einer Sekunde abgelehnt. Fertig. Aus. Amen!

Es ging um eine Nachzahlung …

Das interessiert mich nicht. Dann hätten sie das Geld spenden sollen. So eine Debatte um die Politikergehälter in dieser Phase ist ein Hohn und ein Spott für alle, die daheim den Kühlschrank leer haben. Und dann kommt noch heraus, dass die Politiker Kilometergeld für die Online-Videokonferenzen bekommen. Ich sage dazu nur: Wir dürfen uns nicht wundern, wenn früher oder später jemand durchdreht.

Glauben Sie nicht, dass Sie in Ihrer politischen Analyse etwas übertreiben?

Im vergangenen Mai hat es die Landesregierung gut gemacht. Bis zum Massentest im November war ich auch auf Linie. Ich habe beim Massentest mitgemacht, weil es geheißen hat: Wenn alle mitmachen, dann können wir wieder aufsperren. Es blieb fast alles zu. Dann hat es für uns Skilehrer am 14. Jänner geheißen, dass alles aufgeht. Am 15. Jänner haben wir alles hergerichtet. Am 18. Jänner hat es plötzlich geheißen, nein, wir öffnen im Februar. Im Februar hat es geheißen, wir öffnen um Ostern. Was soll man da noch sagen?

Sie haben an Demos der Impfgegner und Corona-Verharmloser teilgenommen. In Schützen-Kreisen hörte man Aussagen wie: „Jetzt verträgt’s den Wirth Anderlan total …“

Foto: FB/Anderlan

Ich bin hundertprozentig kein Corona-Leugner. Schauen Sie sich an, was wir als Schützen gemacht haben: Wir haben im März 2020 Mannschaften zusammengestellt, die in Altersheimen Zimmer desinfiziert und Gartenarbeiten verrichtet haben. Wir haben Desinfektionsmittel verteilt, Altersheime mit Geschenken beliefert. Wir waren an vorderster Front tätig …

Aber Sie waren auf der Kundgebung der Impfgegner …

Impfgegner ist ein blöder Ausdruck. Bei der Zwangsimpfung spiele ich nicht mehr mit. Das mit dem Impfen muss jede/r für sich allein entscheiden. Aber es geht nicht, dass dem Gesundheitspersonal die Pistole vorgehalten und gesagt wird: Entweder impfen oder Job wechseln! Dazu sage ich nur: Willkommen in der neuen Diktatur! Ich bin auch nicht als Impfgegner zu der Kundgebung hingegangen, sondern als Skilehrer, der keine Beiträge erhalten hat, als enttäuschter Bürger.

Welchen Impfstoff wünschen Sie sich: AstraZeneca oder Pfizer?

Ich werde bei Augustiner bleiben!

Im Ernst, bitte: Sie lassen sich nicht impfen?

Das werde ich nicht öffentlich kundtun. Meine Eltern sind geimpft, meine Schwester, die in einem Pflegeheim arbeitet, ebenso. Ich habe mir darüber noch keine Gedanken gemacht.

Der zweite Rap ist – das sagen sogar Ihre politischen Gegner – musikalisch besser als der erste. Wollen Sie mit der Musik irgendwann Geld verdienen?

Jürgen Wirth Anderlan

Nein, das liegt nicht in meinem Interesse. Ich habe momentan viel Zeit, ich schaue wenig Nachrichten, weil mich die tägliche Ziehung der Corona-Zahlen nicht interessiert. Ich habe mit sehr guten Leuten zusammengearbeitet und bin zufrieden mit dem Werk. Ich würde sagen: Auf dem Erfolg lässt sich aufbauen. Mal schauen, was noch kommt.

Kandidieren Sie bei den nächsten Landtagswahlen?

Im Moment kann ich mir das nicht vorstellen, wenngleich ich die Politik im Blut habe. Mein Opa war Vizebürgermeister, mein Vater war über 20 Jahre lang im Gemeinderat. Aber ich habe früh genug erkannt, dass die Politik nicht mein Milieu ist. Auf Kosten des Volkes zu leben und das zu sagen, was andere Leute gerne hören, entspricht nicht meinem Charakter.

Interview: Artur Oberhofer

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (74)

Lesen Sie die Nutzerbedingungen

Kommentar abgeben

Du musst dich EINLOGGEN um einen Kommentar abzugeben.

2020 ® © Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH/Srl Impressum | Datenschutz & AGB | Cookie Hinweis | Privacy-Einstellungen

Nach oben scrollen