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„Frauen tragen die Hauptlast“

Michela Morandini

Gleichstellungsrätin Michela Morandini spricht darüber, wieso berufstätige Frauen die Krisen-Verliererinnen sind, warum Corona die Frauen zurück in das Private drängt und wie die Pandemie ein Bremsklotz auf dem Weg zur Gleichberechtigung ist.

TAGESZEITUNG Online: Frau Morandini, vor einem Jahr noch war die Frau auf dem – langen und mühsamen Weg – zur Gleichberechtigung. Wo stehen wir jetzt?

Michela Morandini: Es hat schon vor der Pandemie nicht gut ausgeschaut mit der Gleichberechtigung. Der Gender Gap Report des Weltwirtschaftsforums von 2020 hatte ergeben, dass es 99,5 Jahre dauern wird, bis es in Italien zu einer Gleichberechtigung kommen kann. Dabei spielen die Bereiche Arbeit, Gesundheit, politische Partizipation und Bildung mit hinein. Das zeigt: Bereits vor Corona wussten wir, dass es ein extrem langer Weg wird. Jetzt können wir gar nicht mehr sagen, wie viel Zeit vergehen wird. Fest steht: In wesentlichen Bereichen, die wichtig sind für die Emanzipation der Frau und die Gleichberechtigung, hat es durch die Pandemie einen Rückschlag gegeben.

Inwieweit, wenn wir jetzt den Fokus auf den Bereich Arbeit legen?

Es waren bereits vor der Pandemie vor allem die Frauen, die in prekären Arbeitsverhältnissen tätig waren, etwa mit befristeten Verträgen, in Teilzeit oder ähnliches. Erklären lässt sich das dadurch, dass Frauen meist zusätzlich die Familien- und Pflegearbeit übernehmen. Bei Frauen fällt die Bezahlung geringer aus, der Gender Pay Gap lag laut Astat 2019 in Südtirol bei 17,2 Prozent. In der Pandemie kam stark zum Tragen, dass Frauen in Tätigkeitsfeldern aktiv waren, die Einbrüche erlitten haben, etwa im Tourismus oder im Handel.

Warum hat die Pandemie die Rolle der Frauen verändert?

Bei Schließung der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen hat man gesehen, dass vor allem die Frauen zu Hause bleiben und die unbezahlte Familien- und Betreuungsarbeit machen. Das hat im abgelaufenen Jahr der Pandemie dazu geführt, dass einige Frauen die Arbeit aufgeben mussten oder gar keine gesucht haben. Sie werden zurück in das Private gedrängt. In diesem Jahr haben mir viele Frauen erzählt, dass sie plötzlich das Gefühl hatten, um Jahre zurückgeworfen zu werden und sie zu Hause bleiben müssen, um die Betreuung der Kinder zu übernehmen.

Können Sie sagen, wie viele weibliche Arbeitsstunden dadurch verloren gehen?

Nein, ich kann Ihnen aber sagen, dass Frauen in Krisenzeiten vermehrt vom Arbeitsplatzverlust betroffen waren. Das Statistikamt Astat hat die Erwerbstätigenquote für das zweite Quartal 2020 errechnet, die bei Frauen um 61,9 Prozent liegt, bei den Männern ist sie wesentlich höher, bei 78,7 Prozent. Dabei sinkt die Zahl der Erwerbstätigen im Vergleich zum Vorjahr um 9.700 Beschäftigte, davon sind 7.800 Frauen. Am stärksten vom Rückgang betroffen war der Dienstleistungssektor, in dem viele Frauen tätig sind. 

Wie schnell kann man die Situation der Frauen in der Arbeit wieder zumindest auf den Stand vor Corona zurückbringen?

Es ist noch nicht vorbei, einiges steht noch zu erwarten: Mit Ende März läuft der Kündigungsschutz aus, insofern er nicht verlängert wird. Es ist heute schwer zu sagen, in welche Richtung die Entwicklung gehen wird. Aber die Wirtschaftskrise wird vulnerable Gruppen am Arbeitsmarkt, darunter auch Frauen, härter treffen. Unerlässlich ist es langfristig die Öffnung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen zu gewährleisten. Vor allem Frauen brauchen diese Sicherheit, ansonsten werden viele Frauen ohnehin dem Arbeitsmarkt fernbleiben.

Inwiefern sind wir in alte Rollenbilder zurückgefallen, vielleicht sogar bis in die 50ger Jahre?

Die Folgen im Detail sind heute schwer einzuschätzen. Die unbezahlte Familienarbeit wird aber sicherlich vor allem von Frauen geleistet, und da sind wir bereits bei den Rollenbildern der 50ger Jahre: Der Mann geht zur Arbeit. Die Frau bleibt zu Hause. In diesem Zusammenhang muss man die wirtschaftliche Entwicklung jetzt genau beobachten.

Was machen die Frauen auf dem Weg zur Gleichberechtigung falsch?

Die Frage lautet für mich eher, was läuft in unserer Gesellschaft falsch, dass ein so ausgeprägtes Ungleichgewicht zuungunsten der Frauen besteht. Geschlechterstereotype wirken sehr stark: Frauen fühlen sich zuständig für Familie und Pflege. Bei mir haben in den vergangenen Monaten fast ausschließlich Frauen angerufen, um über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu sprechen. Nur sehr vereinzelt werde ich diesbezüglich von Männern angesprochen. Diese Stereotype gelten immer noch: Die Frau ist für das Private und die Organisation des Privaten zuständig.

Ist das falsch?

An und für sich nicht. Aber die Gesellschaft muss sich überlegen, welche Folgen das zeitigt und inwieweit dies zu einem Ungleichgewicht führt, das für eines der beiden Geschlechter Nachteile bringt. Es ist ein Teufelskreis: Unbezahlte Familienarbeit und Fürsorge werden wenig anerkannt, mit weitreichenden Folgen, etwa wenn wir an die Sozialbeiträge für Frauen denken, die fehlen. Damit sind Frauen einem höheren Risiko von Altersarmut ausgesetzt. Es fehlen jegliche Formen der finanziellen Absicherung und der ökonomischen Unabhängigkeit. Diese Last liegt auf einem Teil der Gesellschaft. Die Frauen bezahlen dafür einen hohen Preis. Das muss man anprangern.

Welche wirtschaftlichen Nachteile erwachsen daraus, dass die Frauen am Arbeitsmarkt nicht präsent sind?

Es gibt die direkten Folgen für die Frauen. Dann gibt es natürlich auch die Folgen für die Wirtschaft und die Betriebe. Es fehlen Fachkräfte. Die Zahlen sagen uns, dass wir viele sehr gut ausgebildete Frauen haben. Bereits nach dem ersten Kind kommt es zu einer Zäsur in der beruflichen Entwicklung vieler Frauen. Die Wirtschaft kann es sich aber nicht leisten, Fachkräfte zu verlieren. In Südtirol kündigen jedes Jahr rund 800 Mütter innerhalb der ersten drei Lebensjahre des Kindes ihren Arbeitsplatz. Diese Arbeitskräfte fehlen der Wirtschaft. Das können wir uns eigentlich nicht leisten. Dazu kommt noch ein zweiter Aspekt: In den Betrieben geht es auch um Diversität. Es bringt Vorteile, sobald es gemischte Teams gibt.

Was kann die Politik machen, um die Last von den Schultern der Frauen zu nehmen?

In Europa hat man stets versucht als Motor für die Gleichstellung die Frauen in Arbeit zu bekommen. Man hat aber darauf vergessen, auf die Qualität der Arbeit zu achten. Südtirol schneidet eigentlich gut ab und hatte vor Corona eine weibliche Erwerbsquote von rund 67 Prozent. Das ist viel, wenn man bedenkt, dass in einigen Regionen im Süden nur 22 Prozent der Frauen arbeiten. Trotzdem hat man Gleichstellung nicht als interdisziplinäre Aufgabe gesehen: Man hat zwar recht viel in die Betreuungsangebote oder Arbeit investiert. Die Gleichstellung der Geschlechter muss aber in alle Bereiche Eingang finden. Das heißt: Jede Maßnahme der Politik muss darauf geprüft werden, welchen Effekt dies auf die Gleichstellung der Geschlechter und folglich auch auf die weibliche Erwerbstätigkeit hat.

Warten Sie: Alles, was theoretisch nötig wäre, scheint man jetzt in der Pandemie als Argument absolut vernachlässigt zu haben…

Das ist der Grund, warum sich die Ungleichbehandlung in der Pandemie noch einmal stark akzentuiert hat. Man hat Notmaßnahmen ergriffen und hat weiterführende Überlegungen ausgespart. So wusste man im Sommer vergangenen Jahres lange nicht, was mit der Kinderbetreuung ist: Dies wirkt sich voll auf das Leben der Frauen aus. Klar ist, dass Eltern zuallererst das Kind gut versorgt sehen wollen. Alles andere kommt danach. Diese Unplanbarkeit macht vor allem den Frauen zu schaffen. Das geht an die Substanz. Noch ein anderes Beispiel: Derzeit gibt es keine Covid-Sonderelternzeit. Sobald ein Kind in Quarantäne muss und Krankenstand nicht möglich ist, muss der Urlaub aufgebraucht werden. Häufig bleiben dann die Frauen zu Hause. Das geht auch an die Substanz.

Foto: 123RF.com

Wie kann mehr Balance wiederhergestellt werden?

Ein wichtiger Schritt ist die langfristige Öffnung von Bildungs- und Betreuungseinrichtungen. Außerdem müssen die Sommer-Angebote für die Kinder garantiert und ausgebaut werden. Wir sollten zudem immer ein besonderes Augenmerk auf die weibliche Erwerbstätigkeit legen: Es braucht hier gezielt Förderungen.

Einige Jobs sind ins Homeoffice übersiedelt: eine Erleichterung oder eine Qual aus weiblicher Perspektive?

Homeoffice kann ein Segen, aber auch ein Fluch sein. Ich höre in diesem Zusammenhang oft: Die Mama ist ohnehin zu Hause. Nein! Diese Mutter arbeitet. Sie kann nicht gleichzeitig oder zeitversetzt Kinder betreuen. Dazu kommt: Sobald man vom Arbeitsplatz weg ist, besteht das Risiko, „vergessen“ zu werden, man wird quasi unsichtbar.  Bei mir haben sich Frauen gemeldet, die sich ausgeklammert fühlen, weil ihnen wichtige Informationen entgehen oder sie Aufgaben übertragen bekommen, die nicht ihrem sonstigen Profil entsprechen. Wir müssen Smartworking reglementieren und langfristig die Frauen wieder an den Arbeitsplatz zurückholen. Homeoffice mag gute Chancen für eine flexible Gestaltung der Arbeit bieten, aber die Dinge müssen klar geregelt sein.

Mit welchen Problemen wurden Sie als Gleichstellungsrätin im Corona-Jahr am häufigsten konfrontiert?

Wenig überraschend: Es geht oft um Möglichkeiten und Pflichten des Smartworking und die Vereinbarkeit von Familie und Arbeit. Einerseits glaubte man abends arbeiten zu können, sobald die Kinder im Bett sind. Andererseits aber forderte der Arbeitgeber berechtigterweise Disponibilität. Das wichtigste Thema der vergangenen Monate war aber die Vereinbarkeit von Familie und Beruf bei Schließung der Betreuungs- und Bildungseinrichtungen.

Mit diesem Thema sind wir noch nicht durch, wie sich in der vergangenen Woche gezeigt hat, wo auch die Diskussion um die Zugangskriterien zur Notbetreuung für böses Blut gesorgt hat…

Es kam zu Unsicherheiten vonseiten der Eltern. Viele meldeten zurück, dass angeblich die Kriterien sehr unterschiedlich ausgelegt wurden. So kam es dazu, dass Kinder in der einen Gemeinde zugelassen wurden, in der Nachbargemeinde aber nicht. Wir wurden diesbezüglich überschüttet von Meldungen. Die angekündigten Kontrollen haben die Eltern dann noch einmal sehr verunsichert. Zudem war das gesamte Jahr für Kinder mit Behinderung schwierig. Fernunterricht ist für diese Menschen undenkbar oder die wirkliche Inklusion schwierig. Das alles hat viele Menschen an den Rand der Verzweiflung getrieben.

Interview: Silke Hinterwaldner

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