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Wer versorgt die Kinder?

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Knapp ein Jahr nach Beginn der Coronakrise gehen Kitas, Kindergärten und Schulen wieder zu – ohne dass es für Familien im Lockdown eine Lösung gibt.

von Silke Hinterwaldner

So richtig überrascht dürfte diese Hiobsbotschaft kaum jemanden haben: Am Dienstagnachmittag hat die Landesregierung beschlossen, Grundschulen, Kindergärten und Kitas für eine Woche zu schließen. Das heißt: In der Woche nach den Ferien dürfen die Kinder nicht zurück. Grundschüler im Fernunterricht wie Mittelschüler und Oberschüler. Die Kleineren einfach nur zu Hause.

Bei Mama? Beim Tata? Oder doch bei Oma und Opa? Denn weniger die Schließung der Bildungs- und Betreuungseinrichtungen für sich genommen – die bei der Entwicklung der Infektionszahlen wohl absehbar war – als vielmehr das vollkommene Fehlen an Lösungen für die Familien, ärgert die Expertinnen.

Wer soll sich um die Kinder kümmern, wenn die Eltern trotz Corona arbeiten dürfen oder müssen? Viele haben die Urlaubstage bereits aufgebraucht und beginnen jetzt die Unterbringung der Kinder bei anderen zu organisieren – obwohl den meisten klar ist, dass dies nicht im Sinne des Lockdowns ist. Aber anders als im Frühjahr gibt es jetzt nicht einmal mehr die Möglichkeit, um eine so genannte Covid-Elternzeit anzusuchen: Über das nationale Sozialfürsorgeinstitut Inps konnte man im ersten Lockdown Elternzeit beantragen, bei 50 Prozent der Entlohnung. Diese Möglichkeit gibt es nun nicht mehr. „Leider“, sagt die zuständige Familienlandesrätin Waltraud Deeg, Elternzeit falle in den Bereich Arbeitsrecht und dieser sei ausnahmslos staatliche Zuständigkeit, außerdem müssten Lohn und Rentenzeit abgeglichen werden. Das Land könne deshalb nicht mit einer Sonderregelung einspringen.

Dem widerspricht Heidrun Goller. Mehr noch: Die Vorsitzende des Landeselternbeirates fordert das Land auf, genau hier in die Bresche zu springen. Zitat: „Das Land sollte zumindest die Möglichkeit schaffen, damit die Eltern zu Hause bleiben können, bei 50 Prozent des Gehalts. Das ist die Mindestforderung. Ganz unkompliziert und ohne Zettelwerk könnte man das Geld vorstrecken und dann von Staat und Inps zurückholen. Die Rentenbeiträge sind dabei derzeit wohl das kleinste Problem.“

Um die schwierige Situation zu erklären, einen Blick zurück: Bis zum Ende des abgelaufenen Jahres konnten jene Eltern, deren Kinder sich in Quarantäne befanden, um einige Tage Covid-Elternzeit ansuchen. Diese Möglichkeit bleibt ihnen derzeit gänzlich verwehrt. Landesrätin Deeg allerdings zeigt sich optimistisch. Sie geht davon aus, dass mit dem ersten Ristoro-Gesetz des neuen Ministerpräsidenten Draghi auch diese Elternzeit wieder eingeführt werden wird, vielleicht bereits in der kommenden Woche. Ob dies tatsächlich so ist und wer wie lange diese Möglichkeit in Anspruch nehmen kann, bleibt aber noch völlig offen.

Dass sich Familien jetzt in einer noch schwierigeren Lage als im ersten Lockdown wiederfinden, scheint für Eltern inakzeptabel. Schließlich habe man sich in den vergangenen Monaten genau auf dieses Szenario vorbereiten können: Was machen Eltern und Kinder, sobald die Bildungseinrichtungen geschlossen werden müssen? Und warum bekommt die Wirtschaft milliardenschwere Hilfspakete, und die Familien nicht einmal ein paar Tage oder Wochen Elternzeit, um sich um die Kinder im Lockdown angemessen kümmern zu können? Denn eines sollte man in den vergangenen Monaten Corona tatsächlich gelernt haben: Kinder und Jugendliche sollte man nicht vergessen, sondern Zeit und Geld investieren, um sie so gut es geht durch diese Krise zu bringen.

Dass diese Botschaft bei den Entscheidungsträgern noch immer nicht angekommen zu sein scheint, ärgert Heidrun Goller ganz besonders. „Die Kinder und die Familien werden gern als Rückgrat der Gesellschaft bezeichnet“, sagt sie, „aber sobald es darauf ankommt, etwas in die Familienförderung zu investieren, wird nichts getan.“ Die Elternvertreterin erhebt zwei Forderungen, in denen es ihr vor allem um die Menschenwürde geht: Das Land müsse sofort in diesem Notstand die Möglichkeit eines unbezahlten Wartestandes für berufstätige Eltern vorsehen und zumindest 50 Prozent der Gehälter vorstrecken. Und gleichzeitig müsse man die Qualität des Fernunterrichts nicht nur für Grundschüler, sondern vor allem auch für Mittel- und Oberschüler verbessern. Ganz besonders die sehr strengen Bewertungsmethoden sorgen bei Schülern und Eltern immer wieder für Kopfschütteln.

„Das Hauptproblem ist das Geld“, sagt Landesrätin Deeg, „die Staatskassen sind ultraleer. Aber wir arbeiten an einem Gesamtpaket, das vor allem Familien und Arbeitnehmern zugutekommen wird.“ In der Landesregierung hat sie stets dafür gekämpft, Schulen und Kindergärten so lange wie möglich offenzuhalten. „Wir haben lange zugewartet“, sagt Waltraud Deeg, „aber leider haben die Entwicklungen durch das Auftreten der Mutationen uns zu diesem Schritt gezwungen. Wir hoffen, dass sich das Infektionsgeschehen wieder beruhigt.“ Und dass die Kinder am 1. März wieder in die Schule, die Kita und den Kindergarten zurückdürfen. Der andauernde Lockdown macht der Familienlandesrätin Sorgen. Waltraud Deeg sagt: „Was wir den Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit zumuten, kann man in Zahlen gar nicht ausdrücken.“

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