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Gefährliche Rückstände?

Wie gefährlich sind die Pestizid-Rückstände auf Südtirols Spielplätzen? Die Meinungen zwischen Umweltschützern und den Experten von Sanitätsbetrieb und Land gehen weit auseinander.

von Heinrich Schwarz

Wieder einmal sorgt eine Pestizid-Studie in Südtirol für Aufsehen. Wie die TAGESZEITUNG berichtete, hat ein Forscherteam aus Italien, Österreich und Deutschland um Koen Hertoge von der Umweltschutzorganisation „PAN Europe“ Grasproben des Südtiroler Sanitätsbetriebes aus dem Jahr 2018 ausgewertet. Dabei wurde festgestellt, dass 19 ausgewählte Kinderspielplätze, vier Schulhöfe und ein Marktplatz ganzjährig durch Pestizid-Abdrift belastet seien. Laut der Studie wurden 32 verschiedene Pestizide nachgewiesen.

Einige zentrale Aussagen der Forscher, die vor gesundheitlichen Folgen warnen: „Die untersuchten Grasproben lassen den Rückschluss zu, dass Pestizidrückstände auch in Obst und Gemüse aus Hausgärten auftreten können, wobei dann die von der EU zugelassenen Grenzwerte deutlich überschritten würden.“ „Die untersuchten Flächen stehen auch stellvertretend für andere Nicht-Zielflächen, die durch Abdrift mit Pestiziden belastet werden.“ „Die gefundenen Konzentrationen sind durchaus niedrig, allerdings zählt die überwiegende Anzahl (76 Prozent) der nachgewiesenen Stoffe zu den hormonell aktiven Substanzen, die bereits in sehr niedrigen Konzentrationen wirken.“

Nun hat der Dachverband für Natur- und Umweltschutz Stellung zur Studie bezogen. Er kommt zum Schluss: „Die Abdrift von Pestiziden bleibt weiterhin ein großes Problem. Gerade sensible Zonen wie Kinderspielplätze sollten eigentlich komplett pestizidfrei sein. Südtirol muss rigorose Maßnahmen setzen, wenn es sensible Zonen schützen, die EU-Vorgaben erreichen und nicht nur auf dem Papier ein Land der Artenvielfalt sein will.“

Der Dachverband meint, dass die Systemfrage zu einem Landwirtschaftsmodell im intensiven Obstbau, das auf Pestiziden aufbaue, gestellt werden müsse. Denn nicht nur die Abdrift sei schnellstmöglich zu lösen. „Die Ankündigungen, Schritte hin zu einer Modellregion zu machen, dürfen nicht zu Rohrkrepierern werden“, so der Dachverband.

Landwirtschaftslandesrat Arnold Schuler verweist nach der neuen wissenschaftlichen Studie indes auf das letzte Pflanzenschutzmittel-Monitoring des Sanitätsbetriebes, dessen Ergebnisse im Herbst vorgestellt wurden. Demnach wurden im Vorjahr auf Spielplätzen zwei Drittel weniger Wirkstoffe von Pflanzenschutzmitteln nachgewiesen als bei den Messungen im Zeitraum 2018/2019. Statt 33 wurden nur noch zehn verschiedene Wirkstoffe nachgewiesen, so die Sektion Umweltmedizin des Sanitätsbetriebes und die Landesagentur für Umwelt.

Weitere Ergebnisse des aktuellsten lokalen Monitorings: 56 Prozent der Proben waren frei von Wirkstoff-Rückständen und nur in zehn Prozent der Fälle wurde mehr als ein Wirkstoff vorgefunden.

Zudem seien einige nachgewiesene Stoffe nicht durch die Abdrift aus der Landwirtschaft auf die Spielplätze gelangt, sondern über Mittel, die für private Haushalte zugelassen sind. Arnold Schuler nennt etwa Mittel gegen Flöhe und Tigermücken. „Diese Rückstände haben mengenmäßig gleich viel ausgemacht wie alle gefundenen Rückstände von Pflanzenschutzmitteln auf allen Spielplätzen zusammen. Das wird in der von PAN Europe finanzierten Studie verschwiegen“, betont der Landesrat.

Der Sanitätsbetrieb kam im Monitoring-Bericht 2020 jedenfalls zum Schluss, „dass aufgrund der festgestellten Rückstände davon ausgegangen werden kann, dass ein Überschreiten der wissenschaftlichen toxikologischen Grenzwerte, wie etwa die erlaubte Tagesdosis, sehr unwahrscheinlich ist – sogar durch eine orale Aufnahme des Grases. Deshalb stellen die nachgewiesenen Werte in dieser Größenordnung keine Gefahr für die Gesundheit der Kinder dar.“

Arnold Schuler kritisiert, dass beim Thema Pflanzenschutzmittel teilweise null Toleranz herrsche und es immer gleich zu großen Diskussionen komme. Das gebe es bei keinem anderen Schadstoff. „Dabei werden auf den Spielplätzen auch andere Schadstoffe wie Schwermetalle gefunden. Und bei den Luftschadstoffen werden die Grenzwerte teilweise überschritten, was toleriert wird“, macht der Landesrat zwei Beispiele.

Aber Schuler unterstreicht auch: „Ich möchte nichts beschönigen, sondern wir wollen die Situation laufend verbessern. Ziel muss es sein, dass es außerhalb der Zielflächen für Pflanzenschutzmittel gar keine Rückstände mehr gibt. Daran arbeiten wir – und es gibt schon deutliche Erfolge, wie die Daten zeigen.“

Eine Maßnahme zur Abdrift-Verminderung sei die verpflichtende Umstellung auf sogenannte Injektordüsen an den Sprühgeräten. Dadurch würden die Mittel viel gezielter auf den vorgesehenen Flächen landen.

„Zudem haben wir – zumindest wo es möglich ist – auf bestimmte Wirkstoffe verzichtet, die leichter verfrachtet werden“, erklärt Arnold Schuler.

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