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Gefahr aus dem Wald

Sportler im freien Gelände und der Jahrhundertwinter treiben die Wildtiere ins Tal. Die Folge: 137 Wildunfälle im Dezember und Jänner auf Südtirols Straßen.

von Erna Egger

Dämmerlicht in den Abendstunden. Plötzlich steht ein Hirsch mitten auf der Straße. Die Vollbremsung kann den Aufprall nicht verhindern, es kracht. Solche Verkehrsunfälle sind in Südtirol keine Seltenheit.

Der Jahrhundertwinter und außergewöhnlich viele Sportler im freien Gelände: Diese beiden Faktoren machen den Wildtieren heuer schwer zu schaffen. Der viele Schnee erschwert die Nahrungssuche, vermehrt steigen die Tiere in die Tallagen ab und suchen in unmittelbarer Umgebung von Wohnhäusern und Straßen nach Essbarem.

In den sozialen Netzwerken häufen sich die Bilder und Videos von Rehen und Hirschen, die an ungewohnten Stellen auf der Suche nach Futter sind.

Der Standortwechsel der Tiere ist mit vielen Gefahren verbunden, besonders wenn das Wild eine Fahrbahn überquert.

Dies zeigen die Unfalldaten: In den Jahren zwischen 2017 und 2019 wurden jährlich im Schnitt 982 Wildunfälle verzeichnet. „Im Jahr 2020 wurde mit 778 Unfällen ein deutlicher Rückgang festgestellt. Der Grund liegt auf der Hand: Durch die Corona-Pandemie, den zeitweisen Lockdowns, die Umstellung auf Homeoffice usw. hat sich das Verkehrsaufkommen reduziert und folglich die Unfälle. Vor allem während des Lockdowns im Frühjahr hat es viel seltener gekracht“, schildert Benedikt Terzer, Geschäftsführer des Südtiroler Jagdverbandes.

Aufgrund des Schneefalles und der Abwanderung ins Tal häufen sich die Unfallzahlen zumeist im Winter – auch weil in dieser Jahreszeit die Tage kürzer sind: Im Dezember 2018 und Jänner 2019 wurden in Südtirol 169 Wildunfälle verzeichnet, im Dezember 2019 und Jänner 2020 stieg die Anzahl auf 248.

Entgegen den Vermutungen gab es heuer wieder einen Rückgang: Im Dezember 2020 und Jänner 2021 wurden bislang 137 Unfälle gezählt, doch noch nicht alle Zusammenstöße scheinen in der Statistik auf. „Die Tiere profitieren von der Ausgangssperre in der Nacht, es sind nur wenige Fahrzeuge unterwegs“, schildert Terzer.

In den letzten Wochen gab es jedoch wieder mehr Konfrontationen auf den Straßen, „die sich in den Akten aber noch nicht niedergeschlagen haben, weil sie erst dokumentiert werden müssen“, so Terzer.

Auf einigen Fahrbahnen ist das Wild besonders gefährdet (siehe Kasten).

Allein auf einem Straßenabschnitt in der Gemeinde Rasen-Antholz gab es Anfang Januar an sieben Tagen sechs Wildunfälle. „Die Jäger haben sofort eine Ablenkfütterung in die Wege geleitet und Heuballen entlang der Straße ausgelegt, damit das Wild nicht an der Straßenböschung nach Nahrung sucht. Das hat gut funktioniert, die Unfallzahlen sind deutlich gesunken“, so Terzer.

Jüngst hat ein Autofahrer in Villnöß ein Rudel gefilmt: Acht Stück Rotwild wechselten von einer auf die andere Straßenseite. „Das Rotwild hält sich oft entlang der Straßen auf, weil dort die Böschungen schneller ausapern und es etwas Nahrung gibt“, so Terzer.

Die Jägerschaft im Tal hat deswegen ebenfalls einen Antrag an das Forstinspektorat zur Fütterung des Rotwildes gestellt. „Die Fütterung ist nämlich genehmigungspflichtig. Solche Not- und Ablenkfütterungen sind aber im öffentlichen Interesse“, berichtet Terzer. Denn: „Der Blechschaden lässt sich beheben, schlimmer ist jedoch, wenn sich der Autolenker schwere Verletzungen zuzieht.“

In Südtirol sind jährlich rund 1.000 Wildunfälle zu verzeichnen. „Der Schutzengel war in den letzten Jahren sehr fleißig: Es grenzt für mich schon an ein Wunder, dass trotz dieser hohen Anzahl an Unfällen keine Schwerverletzten zu verzeichnen waren“, so Terzer.

Auf staatlicher Ebene wurden diese Unfalldaten erhoben: Im Jahr 2019 gab es 164 schwere Wildunfälle, 15 Menschen starben, 221 Personen wurden erheblich bis schwer verletzt. „Ein Reh hat ein Gewicht zwischen 18 und 25 Kilogramm, ein Hirsch wiegt schon mal 140 bis 150 Kilogramm“, so Terzer.

Der Geschäftsführer im Jagdverband mahnt die Autofahrer zur Vorsicht, besonders in den Nachtstunden. „Zu beachten ist: Ein Reh kommt selten allein. Im Winter schließen sich die Rehe zu Gruppen zusammen, das Rotwild ist ebenfalls in Rudeln unterwegs. Gerade in den Morgen- und Abendstunden ist Vorsicht geboten. Es wurden zwar in Absprache mit dem Straßendienst 30.000 Wildwarnreflektoren im Land aufgestellt, diese nützen jedoch nichts, wenn die Geschwindigkeit zu hoch ist.“

Weil die Skipisten heuer geschlossen sind, sind sehr viele Menschen querfeldein mit Tourenskiern und Schneeschuhen unterwegs. „Das Hauptproblem der Wildtiere. Sie brauchen im Winter vor allem Ruhe, die Körpertemperatur wird abgesenkt und der Puls schlägt langsam. Eine kurze Flucht kostet dem Tier sehr viel Energie.“

Die Jäger versuchen, die Bevölkerung für ein respektvolles Verhalten zu sensibilisieren. Der Jagdverband hat zusammen mit dem AVS den Flyer „Freiheit mit Rücksicht“ in großer Stückzahl drucken lassen, der an vielen Ausgangspunkten von Skitouren ausgelegt und auch anderweitig verteilt wurde.

Zudem wurden 800 Hinweisschilder aus Aluminium angefertigt, die in diesen Tagen an den Ausgangsorten der Wanderrouten installiert werden, mit der Aufforderung, auf den markierten Wegen zu bleiben.

„Außerdem versucht die Jägerschaft, wo es möglich ist, mit einer Fütterung unter die Arme zu greifen“, so Terzer. „Diese Fütterungen haben auch den Zweck, Wildschäden zu vermeiden.“

Im Vinschgau, wo die Tiere vermehrt in die tieferen Lagen abgewandert sind, sind jetzt schon, trotz der installierten Gebietswildzäune, einzelne Wildtiere auf Nahrungssuche in die Obstanlagen eingedrungen.

Im Schlandrauntal in Schlanders und in anderen Gebieten im Vinschgau werden deswegen Wildfütterungen durchgeführt. In anderen Revieren, beispielsweise in Prettau im Ahrntal, werden Notfütterungen gemacht, da das Wild aufgrund der hohen Schneelage kaum Nahrung findet. „In dieser Gemeinde fallen mitunter die meisten Schneemengen. Das Jagdrevier Prettau betreibt elf Futterstellen, acht davon werden von der Jägerschaft, zwei vom Jagdaufseher und eine von einem passionierten Landwirt betreut. Luftgetrockneter Grumet – also der zweite Heuschnitt – werden verfüttert. Ein hoher Aufwand, wenn man alle paar Tage mit dem Heu auf dem Rücken durch den hohen Schnee hinauf stapfen und die Futterstellen freischaufeln muss“, so Terzer.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (4)

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  • thefirestarter

    Wo sind eigentlich die Wölfe geblieben?

  • sougeatsnet

    Ich bezweifle, dass die Unfallzahlen richtig sind. Ich selbst hatte zwei derartige Unfälle, wovon aber keiner gemeldet wurde, der Schaden war aber trotzdem groß.
    Die Unfälle nehmen stark ab, wenn der Wildbestand geringer ist. Die betroffenen Unfalllenker haben hier keine Lobby. Ich selbst habe jetzt eine spezielle Versicherung (sollte von den Jägern bezahlt werden) und gut ist!

  • paul1

    @sougeatsnet… warum sollte deine Versicherung von den Jägern bezahlt werden?? Das Wild gehört nicht den Jägern, sondern ist Eigentum es Staates.

    • sougeatsnet

      Weil die Jäger das Rotwild wie ein Bauer auf einem maximalen Stand halten. Würde etwas mehr abgeschossen, würden sich die Unfälle erheblich verringern, so geschehen nach dem vielen Schnee 2008, da viele Rehe nicht über den Winter kamen.

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