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„Kann nicht gestoppt werden“

Gernot Walder

In Österreich versucht man die südafrikanische Mutation des Coronavirus durch eine Isolation Tirols einzuschränken. Was der Osttiroler Virologe Gernot Walder davon hält.

Tageszeitung: Herr Walder, Tirol wurde von Österreich wegen der Ausbreitung der südafrikanischen Mutante isoliert. Eine richtige Entscheidung?

Gernot Walder: Man muss festhalten, dass es bei den Mutationen eine medizinische und eine psychologische Komponente gibt. Dass Viren einem Mutationsdruck unterliegen sich ihr Genom verändert, ist eine normale Sache. Es gibt derzeit rund 500 verschiedene genetische Varianten von SARS-CoV2, einige sind redundant ohne dass wir dies erkannt haben, andere sind ausgestorben. Es kommen täglich neue dazu, je mehr wir testen, desto mehr Varianten werden wir finden. Das ist natürlich und nicht beunruhigend. Es gibt Varianten, die zwar leicht ansteckend sind, aber auch einen leichteren medizinischen Verlauf nehmen. Deshalb ist es aus Sicht des Virologen nicht schlecht, da das Virus dadurch an Schärfe verliert. Es gibt aber Mutationen wie die südafrikanische oder die britische, die nun in den Fokus gerückt sind: Sie sind zum einen gut charakterisiert, tendieren dazu, sich durchzusetzen und wecken dadurch die Furcht, sie könnten den Verlauf der Pandemie negativ beeinflussen.  Im Bezirk Schwaz ist die südafrikanische Variante in rund über 100 Fällen aufgetreten, die Fallzahlen sind gestiegen, die Hospitalisierungsraten nicht unbedingt. Man hat sich entschlossen Tirol zu isolieren um die Verbreitung dieser Varainte zu stoppen. Es ist aber nicht wahrscheinlich, dass dies nachhaltig gelingt, zumal Tirol nicht der einzige Ort ist, wo der Erreger zirkuliert. Schaut man sich das globale Verbreitungsmuster dieses Genotyps an, glaube ich nicht, dass die Isolierung Tirols ein Befreiungsschlag wird.

Nun hat sich in einer südafrikanischen Studie aber herausgestellt, dass der AstraZeneca-Impfstoff weniger gut vor der Mutation schützt. Ist da nicht Vorsicht geboten?

Wir haben den Hinweis, dass der AstraZeneca-Impfstoff gegen die südafrikanische Mutante weniger gut schützt und diese Variante möglicherweise in der Lage ist einen Immunschutz zu unterlaufen – aber da ist sie nicht die einzige. Jedes Virus erfährt durch eine Impfung einen Selektionsdruck, Genotypen, die den Schutz unterlaufen setzen sich durch.  Eine lokale Abschottung kann sinnvoll sein, um die Austragung einer aggressiven Variante zu unterbinden – aber nur, wenn wir Alarmzeichen sehen, dass  sie höher infektös und /oder virulenter ist.  Ein Alarmzeichen wäre z.B  dass Menschen häufiger ins Krankenhaus kommen beziehungsweise häufiger sterben und das nicht nur, weil es einen Ausbruch in einem Altersheim mit großer Vulnerabilität gibt. Großräumige Isolationen sehe ich da problematischer.

Es ist also noch nicht erweisen, dass die südafrikanische Mutation gefährlicher ist?

Nein, für all das haben wir bei der südafrikanischen Variante keine harte Fakten, auch die reinen Fallzahlen und Hospitalisierungsraten in Nordtirol erreichen nicht die Werte vom November. Damit ist die Isolation in erster Linie eine politische und keine medizinisch-epidemiologische Entscheidung. Ich glaube, der medizinische Aspekt der Coronapandemie ist mittlerweile vermutlich geringer als der psychologische. Meister Yoda würde sagen: „Ich sehe große Furcht in Euch“.

Auch Sie können in Ihrem Labor mittlerweile Mutationen nachweisen…

Ja, das stimmt, man muss aber dazu sagen, dass die Analytik bei einem solchen Verfahren wesentlich aufwendiger ist. Die britische Mutation wurde zuerst durch eine Deletion in der Region 69-70 beschrieben. Es handelt sich dabei um aber um keine spezifische Deletion,  sie wurde auch in anderen Genotypen gefunden, die in vielen Teilen Mitteleuropas zirkuliert. Wer diese Deletion nachweist, hat also nicht zwingend die britische Variante gefunden. Das sind maximal Verdachtsmomente, man muss dann genauer hinschauen. Dazu braucht es Sequenzanalysen. Solche unterstützen uns auch beim Tracing, weil sie uns hilft, die Verbindungen zwischen einzelnen Fällen zu finden und so die Seuchenketten zu unterbrechen. Wir sehen auch, welche Strategien das Virus durch den Mutationsdruck verfolgt. Es lohnt sich also, eine höherwertige Diagnostik aufzubauen. Das wird nicht so in die Breite gehen wie beim PCR- oder Antigentest.

Trotzdem gibt es zumindest in Italien Probleme damit. Warum?

Das ist eine andere Liga als reine PCR. Man brauch ganz anderes Equipment. Es braucht mehr Erfahrung auf den Sektor. Daher gibt es auch die Forderung, die Diagnostik von den medizinischen Laboren zurück in die Hände der Fachärzte zu legen. Das würde uns einiges an Problemen ersparen denn je komplexer die Diagnostik wird, desto mehr Erfahrung und infektiologisches Verständnis braucht es, um die Ergebnisse richtig zu interpretieren. Ich glaube, dass es wichtig ist, die Testung, das Kontakt-Tracing und das Erfassen von genotypischen Eigenheiten zu forcieren bevor man Gebiete isoliert.

Interview: Markus Rufin

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (11)

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  • honsi

    Danke Herr Walder, dass sie dieser polotischen und medialen Panikmache entgegetreten.

    • n.g.

      Absolute Panikmache! Sehr gutes Interview in dem klar gestellt wird was wirklich passiert.
      Bericht in ZDF hat das Selbe ausgesagt. Selbst wenn der Virus eingedämmt wird, wird er jedes Jahr, genau wie Influenza Viren in mutierter Form zurück kehren. Es wird Impfungen dagegen geben, in immer wieder abgewandelter Form und dich weder wie beu Gripoe dann jedes Jahr Menschen daran sterben. Trotz Impfungen.
      In den Medien wird allerdings vieles davon verschwiegen und ummer si getan wie wenn niemand dran sterben dürfte.

  • iatzreichts

    Bravo Gernot Walder!
    Uaner der in Wind aus die Segel nimmp und sog wos Sache isch!
    War er Londesoungstellter, war er längst gekündigt gwortn!

  • nochasupergscheiter

    Auch ich danke hier…
    Lese die Artikel mit Herrn waldner immer gerne..
    Applaus für sie…
    Sie erklären Fakten ohne Panikmache…
    Die Mutationen… Hilfe Hilfe… Waren voraussehen und sind der normale Verlauf…
    Wer hier Panik macht sind eben genau die die ihr GELD damit verdienen und Aufmerksamkeit bekommen…
    Herr waldner verdient auch sein Geld damit, bleibt aber immer sachlich und konkret…
    Bravo bravo… Bitte eine wöchentliche waldner kolumne liebe Tageszeitung
    Damit er die die es brauchen etwas beruhigt…
    Mein Bruder ist auch ein alter hypochonder… Der wäre auch schon dreimal ins Krankenhaus gelaufen wenn er sich nicht negativ hätte testen können…
    Frage mich ob wirklich alle dort so krank sind dass sie dort liegen müssen…
    Frau ladurner bitte ffp3 Maske drauf und mal nachschauen, sie waren genau die richtige um das dann für alle einzuschätzen… Jung und fit…

  • ille

    “ Ich glaube, der medizinische Aspekt der Coronapandemie ist mittlerweile vermutlich geringer als der psychologische. Meister Yoda würde sagen: „Ich sehe große Furcht in Euch“. “
    Genau das ist das Problem und wird leider von den Medien noch verschärft.

    • cicero

      Um den medizinischen Aspekt geht es längst nicht mehr, denn sonst hätte man in einem jahr die Kapazitäten in der Sanität längst soweit aufstocken können dass es nie und nimmer ein Problem mit der Belegung geben würde. Diese ist eh nur eine Ausrede. Mittlerweile geht es um die angeblich zu hohen „Zahlen“ und was weiß ich noch für Parameter, die angeblich nicht stimmen obwohl sie sich bei den Kranken in den Spitälern in keinster Weise niederschlagen. Aber Panik muss geschürt werden mit immer neuen Ausreden, diesmal sind es die Mutationen.
      Tatsache ist, dass der Lockdown ob er nun unterbrochen wie hier, oder durchgehend wie in Deutschland ein Riesenfehler ist, wo sie sich hineingeritten haben und den Fehler nicht zugeben wollen. Denn wenn es monatelange Lockdowns braucht um minimale Erfolge zu erzielen und andererseits riesige Schäden in allen Bereichen entstehen, dann kann das nicht die richtige Strategie sein. Dann haben sie auf die Impfung gebaut um halbwegs ohne Gesichtsverlust wieder herauszukommen, was auch nicht wirklich funktioniert hat. Jetzt wird halt durchgezogen bis zum Sommer, wieder einmal.

      • ille

        Dr. Walder hat im Gespräch mit Dr. Ploner noch mehr interessante und vorteilhafte Ansichten gebracht. Zu sehen zB auf der Team K Seite auf Insta. Hoffentlich bringen die Medien auch diese Teile des Interviews.

  • walter11

    Wenn man ab Anfang Dezember die Inzidenz von Südtirol mit denen von Großbritannien vergleicht, dann ist klar, dass wir hier schon länger ein mutiertes Virus haben.

  • asoet

    Bravo Herr Walder; unsere Politiker täten gut daran ihnen etwas mehr Aufmerksamkeit zu geben als so manchen Möchtegerneexperten!

  • ratamacue

    Auch ich möchte mich hier diesen sachlichen Artikel loben. Diese ganze Panikmache seitens der Medien ist nicht mehr zu ertragen. Auch ich bin der Meinung, dass wir wohl mit diesem Virus leben müssen.

  • sorgenfrei

    @ratamacue und andere covidioten; dies alles hat nichts mit panikmache zu tun… aber unser gesundheitssystem ist trotz aller maßnahmen überlastet… nicht auszudenken, was ohne maßnahmen los wäre… und wer jetzt behauptet, die maßnahmen nützen nicht: das stimmt nicht…. die grippe ist in diesem jahr – wegen der maßnahmen – quasi nicht existent…. das cvirus ist also wirklich hochansteckend… und wie gesagt, dies ist keine panikmache, entspricht aber leidernden tatsachen….

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