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Charme des „Unvollkommenen“

Monika Obrist: Es ist eine Premiere, und es ist der Versuch, den vielen tollen Büchern, die trotz Corona erscheinen, aber denen wegen Corona eine Bühne fehlt, ein bisschen Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Der jährliche Literaturtag im Rahmen der „Bücherwelten im Waltherhaus“ findet heuer erstmals als Live-Stream online statt. Wie das funktioniert, erklärt die Leiterin der Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut Monika Obrist.

 Tageszeitung: Frau Obrist ganz ehrlich, schauen Sie sich freiwillig Online-Lesungen an?

Monika Obrist: Im Rahmen der Frankfurter Buchmesse und Münchner Bücherschau habe ich mir mehrere Online-Literaturveranstaltungen angeschaut. Meist waren es eher Gespräche als Lesungen, vieles davon fand ich durchaus bereichernd. Aber eines ist klar: Eine Online-Veranstaltung fordert dem Publikum viel mehr Konzentration ab. Im Idealfall bleibt jemand während der ganzen Veranstaltung dabei, meist ist es eher ein Zappen durch die Angebote.  Deshalb haben auch wir den Literaturtag für die Online-Ausgabe ein bisschen verändert: Im Mittelpunkt stehen die Gespräche der Autorinnen und Autoren mit Moderator Christoph Pichler, die Lesungen wurden auf 3 Seiten pro Autor/in gekürzt. Die drei Blöcke dauern nicht wie sonst eine Stunde, sondern 30-40 Minuten. Wir wissen, dass wir uns in ein Online-Abenteuer stürzen. Aber wir hoffen, dass möglichst viele jener Menschen, die sonst den Literaturtag besuchen, auch dieses Abenteuer mit uns teilen und dass vielleicht auch ein paar ferner wohnende Interessierte dazukommen.

Der jährliche Literaturtag im Rahmen der „Bücherwelten im Waltherhaus“ findet heuer erstmals als Live-Stream statt. Ein Rettungsversuch und eine Premiere für die Bücherwelten?

Für die Kultur und die außerschulische Bildung gelten weiterhin die Bestimmungen der „roten Zone“. Deshalb dürfen bekanntlich weder Ausstellungen gezeigt werden noch Veranstaltungen mit Publikum stattfinden. Ein mehrwöchiges Event wie die „Bücherwelten“ zu verschieben, ist schwer möglich, da die nächsten Monate genauso unsicher sind. Zum Lesen verlocken und den Menschen neue Bücher präsentieren, das wollen wir trotzdem – gerade in diesen Zeiten! Wir machen es nun eben so gut es geht in digitaler Form über einen eigenen YouTube-Kanal der Bücherwelten. Dort wird nicht nur der Online-Literaturtag zu sehen sein, sondern auch viele andere Veranstaltungen. Und auch die Ausstellung selbst wollen wir auf kreative Art in kleinen Videobeiträgen dort vermitteln. Ja, es ist eine Premiere, und es ist der Versuch, den vielen tollen Büchern, die trotz Corona erscheinen, aber denen wegen Corona eine Bühne fehlt, ein bisschen Aufmerksamkeit zu verschaffen.

Der Vorteil beim Live-Streaming ist, dass man auf jeden Fall einen Sitzplatz hat. Fällt Ihnen noch einer ein?

Ein Live-Stream ermöglicht es Menschen auf der ganzen Welt, an einer Veranstaltung teilzunehmen. Natürlich ist auch die Konkurrenz an Angeboten entsprechend groß. Ein Live-Stream hat außerdem das, was ich den Charme des „Unvollkommenen“ nennen würde: Die Autorinnen und Autoren des Literaturtags können nicht nach Bozen anreisen und sitzen deshalb nicht auf einer dekorierten Bühne, sondern präsentieren sich von einem heimischen Schauplatz aus, den sie selbst für den Live-Stream wählen. Den Schreibenden in ihren eigenen vier Wänden zu begegnen, schafft vielleicht wieder eine besondere Form von Nähe – trotz der Distanz via Internet.

(oben von links nach rechts: Birgit Birnbacher, Damiano Femfert, Lucia Leidenfrost, Stephan Lohse, Daniel Mellem und Benjamin Quaderer

Ein Nachteil ist, dass man kein vom Autor signiertes Buch nach Hause nehmen kann, womit man beweisen kann, dass man da war. Was vermissen Sie bei Online-Lesungen?

Diese besondere Atmosphäre, wenn Publikum im Saal und Autoren auf der Bühne zusammentreffen, die fehlt natürlich. Bei einer Live-Veranstaltung spüren die Protagonisten auf der Bühne die Stimmungen im Saal – und umgekehrt! Die Begegnung ist eine intensivere. Das ist der Grund, warum wir uns alle wieder auf Live-Veranstaltungen freuen. Aber bis dahin kann Literatur und Kultur nicht in der Versenkung verschwinden. Gerade jene Autorinnen und Autoren, die noch am Anfang ihrer Karriere stehen, wie die meisten des Literaturtags, brauchen Aufmerksamkeit. Und übrigens: Zu beweisen, dass man bei einer Online-Veranstaltung war, ist ganz leicht: durch ein Like, einen Kommentar im Netz oder ein Teilen der Online-Veranstaltung in sozialen Netzwerken. Die Buchhandlungen sind derzeit offen. Dem Kauf der Bücher steht ohnehin nichts im Wege.

Die Lesungen werden live gestreamt. Mit nur einer Kamera oder mehreren?

Im eigens eingerichteten Studio der Bücherwelten im Waltherhaus sind drei Kameras aufgestellt, mit denen die Veranstaltungen gefilmt werden. Im Falle des Literaturtags kann allerdings nur Moderator Christoph Pichler in diesem Studio sitzen, die Autorinnen und Autoren müssen sich per Videokonferenz zuschalten, weil Anreisen aus Deutschland, Österreich oder selbst aus Rom, wo Damiano Femfert wohnt, derzeit nicht so einfach sind.

Die Geschichten der sechs Autor*innen haben Sie unter das Motto „Lebensvariationen“ gestellt. Was verbindet sie?

Literatur erzählt uns vom Leben in all seinen Variationen, die so unterschiedlich sein können wie in den ausgewählten Romanen. Manchmal ist diese Lebensvariation von einer fixen Idee bestimmt, wie die des Raketenbauers, den Daniel Mellem in „Die Erfindung des Countdowns“ beschreibt. Manchmal treten Menschen in unser Leben und stellen alles auf den Kopf, wie es in Damiano Femferts Debütroman „Rivenports Freund“ passiert. Lucia Leidenfrost („Wir verlassenen Kinder“) und Stephan Lohse “Johanns Bruder“) zeigen uns in ihren Romanen, wie traumatisierende Erlebnisse oder ein schweres historisches Vermächtnis unser Leben beeinflussen können. Welches Leben gesteht die Gesellschaft einem Haftentlassenen zu, das ist die Frage in Birgit Birnbachers Roman „Ich an meiner Seite“. Und den überaus schelmischen Lebenslauf, den Benjamin Quaderer in seinem Debütroman „Für immer die Alpen“ beschreibt, den kann es so wohl nur in Liechtenstein geben, wo der Autor aufgewachsen ist.

Eingeladen sind Damiano Femfert, Daniel Mellem, Lucia Leidenfrost, Stephan Lohse, Birgit Birnbacher und Benjamin Quaderer. Wen sollte man auf keinen Fall verpassen?

Niemanden! Beim ersten Teil des Literaturtags um 14 Uhr kann man mit Damiano Femfert und Daniel Mellem zwei Debütautoren kennenlernen, die fiktive Geschichten mit historischem Hintergrund zu zwei spannenden Büchern verwoben haben. Stephan Lohse hat für seinen ersten Roman 2017 den Publikumspreis beim Tumler-Preis in Laas erhalten. Um sein neues Buch geht es beim zweiten Teil des Literaturtags um 15 Uhr, den er gemeinsam mit der jungen Österreicherin Lucia Leidenfrost bestreitet. In der dritten Etappe um 16 Uhr trifft die Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher auf den Newcomer Benjamin Quaderer, um dessen Debütroman sich die Verlage nach seinem Sieg beim Festival „Open Mike“ regelrecht gerissen haben. Live erleben kann man die Autorinnen und Autoren am Samstag, 30. Jänner auf dem YouTube-Kanal der Bücherwelten. Danach bleiben die Videos noch für vier Wochen online zugänglich.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Online-Literaturtag: Lebensvariationen

 

Die sechs Gäste, die von der Landesbibliothek Teßmann, dem Südtiroler Künstlerbund und der Sprachstelle im Südtiroler Kulturinstitut für den heurigen Literaturtag ausgewählt wurden, erzählen in ihren neuen Romanen auf recht unterschiedliche Art vom Leben in all seinen Variationen: In Damiano Femferts Debütroman „Rivenports Freund“ ist es ein Arzt, dessen Leben durch einen an Gedächtnisverlust leidenden Patienten auf den Kopf gestellt wird. Daniel Mellemschildert in seinem Debütroman „Die Erfindung des Countdowns“ einen wahrlich explosiven Lebenstraum.

Von den Brüchen, die die Kindheit dem Leben zufügen kann, handeln die Romane von Lucia Leidenfrost „Wir verlassenen Kinder“ und Stephan Lohse „Johanns Bruder“. Und bei den letzten zwei Autor*innen des Literaturtags wird das Leben fast zum Krimi: Die Bachmann-Preisträgerin Birgit Birnbacher erzählt in ihrem Roman „Ich an meiner Seite“ von einem jungen Haftentlassenen, während Benjamin Quaderers preisgekrönter Debütroman „Für immer die Alpen“ die schelmische Lebensbeichte eines Datendiebs ist.

Die Autor*innen diskutieren am Samstag, 30. Jänner um 14 Uhr, 15 Uhr und 16 Uhr jeweils im Duett mit Christoph Pichler über ihre neuen Bücher und lesen drei Seiten daraus vor. Die Online-Veranstaltung ist auf dem YouTube-Kanal der „Bücherwelten im Waltherhaus“ live zu sehen und steht auch nachher dort noch zur Verfügung. Mehr Infos: www.kulturinstitut.org.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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