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Zu viel gefeiert?

Der Biostatistiker Markus Falk geht davon aus, dass die Corona-Infektionszahlen nach Weihnachten und Silvester ansteigen werden.

Tageszeitung: Herr Falk, am Dienstag wurden in Südtirol wieder über 400 Neuinfektionen gemeldet. Sind das bereits die Auswirkungen der Festtage?

Markus Falk: Das lässt sich momentan nicht so einfach beantworten. Diese Zahl könnte einerseits dem Rückstau an Testungen geschuldet sein, weil über Weihnachten weniger getestet wurde. Gleichzeitig könnte diese Zahl aber auch ein Vorgeschmack sein auf das, was noch auf uns zukommt. Zudem zeigen diese Zahlen, dass die Positivrate aktuell doppelt so hoch ist wie vor Weihnachten, was bedeutet, dass sich doch gar einige Symptomatische testen ließen.

Die Daten zeigen auch, dass die Anzahl der Patienten auf den Normal- und Intensivstationen wieder steigt.

Da die Krankenhausaufnahmen etwa eine Woche und die Intensivfälle etwa zwei Wochen hinter dem eigentlichen Infektionsgeschehen liegen, bestätigen diese Zahlen meine Aussage von vor Weihnachten, und zwar dass die Wirkung des Massentests nun aufgebraucht ist.

Sie haben bereits vor Weihnachten berechnet, dass die Zahlen stark steigen könnten, wenn wir unbeachtet Weihnachten feiern. Wann wird man die konkreten Auswirkungen sehen?

In den nächsten Tagen werden wir sicher die ersten Auswirkungen sehen, was Weihnachten anbelangt. Man kann davon ausgehen, dass man erste Effekte nach sieben bis zehn Tagen sieht – das wahre Ausmaß wird man aber erst nach 14 Tagen zu Gesicht bekommen und die Frage ist nur, wie hoch dieses ausfallen wird.

Zeigen Ihre Berechnungen bereits erste Effekte?

Sie zeigen das, was schon vor Weihnachten absehbar war. Seit dem Massentest gab es ein gleichbleibendes Infektionsgeschehen. Dieser hat zwar das Niveau in Südtirol innerhalb von kurzer Zeit abgesenkt, dieses ist dann aber nicht wie erhofft weiter abgesunken. Das bedeutet, dass dort, wo bereits Infektiöse waren, weitere Ansteckungen erfolgten. Die Frage ist nun, ob das Infektionsgeschehen weiterhin lokalisiert oder bereits wieder sehr diffus ist, denn genau dies kann sich über Weihnachten verändert haben.

Wie meinen Sie das?

Unsere Simulationen zeigen, dass die Zahlen in den nächsten Tagen nicht zwingend ansteigen müssen, sondern dass zunächst eher eine Verlagerung stattfindet. Wenn vorher z.B. zehn Haushalte betroffen waren, dann blieben dies vor Weihnachten meist diese Haushalte. Nun könnten aus den 10 aber 20 Haushalte geworden sein, die in Summe zunächst noch gleich viele Fälle erzeugen. Da hierdurch aber auch die Kontaktzahl ansteigt, werden diese Haushalte für eine größere Verteilung sorgen, sodass dann später wesentlich mehr Fälle daherkommen werden.

Grafik zur aktuellen Situation

Weil die Leute zu Weihnachten mehr Kontakte hatten.

Genau. Eine interne Umfrage zeigt uns, dass fast ein Drittel der Südtiroler mehr als sieben ungeschützte Kontakte mit Haushaltsfremden über Weihnachten hatte – ungeschützt heißt ohne Maske. Das könnten zwar auch Leute sein, die sich zuvor testen ließen – aber es sind sicher auch viele darunter, bei denen dies nicht zutrifft und da kommt dann schnell etwas zusammen.

Ist der Reproduktionsfaktor in den letzten Tagen angestiegen?

Die Basis-Reproduktionszahl liegt seit dem Massentest bei etwa 1. Meine Vermutung ist, dass diese Zahl über Weihnachten deutlich angestiegen ist, da es ja zu einer deutlichen Kontaktzunahme kam. Im schlimmsten Fall hat sich die Zahl verdoppelt, also aus den rund 3.000 Infektiösen wurden dann 6.000, was einem R-Wert von 1,3 bis 1,5 gleichkäme – das sehen wir jetzt aktuell aber noch nicht. Und genau das ist das Problem, denn diese Personen werden jetzt Silvester feiern und dann ist die Frage, wie viele dann daraus wiederum wurden. Ich hoffe – auch weil man vorgewarnt hat – dass es nicht zu diesem Worst-Case- Szenario kommt, aber ich gehe sehr wohl davon aus, dass es eine Zunahme geben wird. Die Endbilanz der Feiertage werden wir aber erst Mitte Jänner sehen.

Interview: Lisi Lang

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