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Kunst muss nachhaltiger werden

 

Olafur Eliasson am Hochjochferner im Schnalstal vor seiner Installation Our glacial perspectives: Ja, ich glaube, die Kunst muss nachhaltiger werden, wie wir alle. (Fotos: Marco Rattini)

Der dänisch-isländische Künstler Olafur Eliasson gehört zu den wichtigsten Künstlern unserer Zeit. Am Hochjochferner im Schnalstal hat er Anfang Oktober eine permanente Installation eröffnet. Ein Gespräch mit einem planetarisch denkenden Künstler.

 Tageszeitung: Herr Eliasson, Ihre Installation am Hochjochferner trägt den Titel Our glacial perspectives. Das Werk ist eine betretbare Skulptur aus Stahl- und Glasringen, die als eine Art astronomisches Instrument verwendet werden kann. Geht es darum, die durch den Klimawandel verursachten Veränderungen auf der Erde aus und in planetarischer Perspektive zu betrachten?

Olafur Eliasson: Mich interessiert prinzipiell, wie wir uns orientieren – ich finde historische Navigationsinstrumente faszinierend, genauso wie die Frage, wie wir uns in abstrakter Hinsicht orientieren, also wie wir uns in größere Zusammenhänge einordnen. Es gibt historische Modelle von unserem Sonnensystem, sogenannte „Weltmaschinen“, die bei der Entwicklung von Our glacial perspectives auch eine Rolle gespielt haben. Aber die spannendere Frage ist für mich ganz grundsätzlich, ob wir in der Lage sind, Perspektiven zu wechseln. Wie wäre es, wenn wir ganz radikal wären – uns für einen Moment von der menschlichen Perspektive verabschieden und einen ganz anderen Blickwinkel einnehmen würden? Wie wäre es, wenn wir versuchen würden, die Welt aus der Perspektive eines Gletschers zu sehen? James Lovelock hat in den 1960er-Jahren die Gaia-Theorie entwickelt, die die Erde als dynamisches System betrachtet. Der Mensch ist in diesem System nur ein Faktor, wenn auch einer, der weitreichende Folgen hat. Ich finde es spannend anzuerkennen, dass wir zwar eine große Wirkung auf die Zukunft unseres Planeten haben, aber eben auch nur ein kleiner Teil eines großen Geflechts von menschlichen und nicht-menschlichen Akteuren sind.

Die Glasscheiben sind nach dem von Benedict de Saussure entwickelten Cyanometer gefertigt, mit dem der Blauton des Himmel gemessen werden kann. Was kann man daran ablesen, welche Rückschlüsse auf die Atmosphäre lassen sich aus den Blautönen ziehen?

Als De Saussure das Cyanometer entwickelt hat – eine Scheibe mit einer Skala verschiedener Blautöne, um die Farbintensität des Himmels zu messen – vermutete er bereits, dass die Färbung mit schwebenden Partikeln in der Atmosphäre zu tun hat. Das war lange vor der industriellen Revolution, und heute kommt es sogar vor, dass sich Himmel durch Luftverschmutzung braun verfärbt. Es gibt natürlich zahlreiche andere physikalische Faktoren, die hier eine Rolle spielen.

Ihre Installation ist ein Blick zurück in die Eiszeit, aber mehr noch ist sie ein Blick in die Zukunft. Was sehen Sie dort?

Die Frage ist vielleicht: was sehen wir dort? Und was bedeutet das für unser Verständnis der Welt, und für unser Handeln? Was ich sehe, fühle, denke und wie ich handle, ist etwas, das ich nicht delegieren kann. Ich denke, Kunst ist eine Einladung, sich darauf einzulassen, etwas persönlich zu erleben und eigene Schlüsse für unser Handeln daraus zu ziehen. Die Zukunft kann uns Angst machen, nur ist das normalerweise nicht konstruktiv. Oft denken wir unsere Gegenwart von der Vergangenheit her und beziehen uns auf Vertrautes, Bekanntes. Ich bin überzeugt, dass wir unsere Gegenwart viel stärker von der Zukunft her denken sollten. Dafür brauchen wir positive Impulse, Utopien im besten Sinne.

Die Installation auf dem Schnalser Gletscher liegt auf über 3000 Meter Meereshöhe. Ist ein Gletscher der richtige Ort für ein Kunstwerk?

Wenn es um die Entwicklung eines Kunstwerks geht, ist das für mich immer ein Dialog. Bei diesem Prozess geht es um Recherche und um Gespräche mit den verschiedensten Menschen. Dies passiert gemeinsam mit meinem Studioteam, da gibt es viel Expertise, die ich sehr schätze. Das Abwägen von Entscheidungen gehört immer dazu und es ist wahrscheinlich unmöglich, Entscheidungen zu treffen, mit denen alle immer einverstanden sind. Wir arbeiten bei großen Projekten immer auch mit Partnern und Fachleuten vor Ort, die die Sensibilität des Standorts viel besser einschätzen können, als mein Team oder ich allein. Persönlich glaube ich, dass es Kunst überall geben kann – das „Wie“ ist dann ein komplexer Prozess.

Die global agierende Kunstwelt mit ihren Messen und Ausstellungen hinterlässt einen mächtigen CO2-Fußabdruck. Engagiert sie sich in Ihren Augen genug dagegen und wie kann Kunst nachhaltiger werden?

Dieses Thema beschäftigt mich seit langem. Bei meinem Projekt Ice Watch, das ich mit dem Geologen Minik Rosing 2014 zum ersten Mal in Kopenhagen und danach auch in Paris und London realisiert habe, haben wir zum ersten Mal den CO2-Abdruck eines Kunstwerks unabhängig von der Organisation Julie’s Bicycle untersuchen lassen und veröffentlicht. Wir hatten Eisblöcke, die durch den Klimawandel vom grönländischen Eisschild abgebrochen sind, aus dem Wasser geborgen und in den öffentlichen Raum der jeweiligen Städte transportiert, wo sie in Form einer großen Uhr frei zugänglich aufgebaut wurden. Besucher*innen konnten sie sehen, anfassen und auch hören – denn während das Eis schmolz, war ein leises Knacken zu hören. Es gab jedes Mal einen ziemlich lebhaften Dialog, vor allem in den sozialen Medien. Aber ich bin überzeugt, dass wir diese Transparenz brauchen. Für mich war letzten Endes ausschlaggebend, dass die persönliche, körperliche Erfahrung der schmelzenden Eisblöcke ganz anders zu jedem einzelnen spricht, als abstraktes Wissen über den Klimawandel.

Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen: ja, ich glaube, die Kunst muss nachhaltiger werden, wie wir alle. Wir haben dazu in unserem Studio seit längerem Recherchen und Experimente laufen, die wir nach und nach in der Praxis testen und immer konsequenter umsetzen werden. Zuletzt haben wir meine Ausstellung Sometimes the river is bridge in Tokio unter dieses Vorzeichen gestellt – vom Transport und der Fertigung der Kunstwerke bis hin zu Recherchen über neue innovative Materialien.

Sie sind UN-Botschafter für Nachhaltigkeit. Ist Ihre Kunst immer auch ein Ort und eine Möglichkeit des Protests gegen unseren Umgang mit der Umwelt?

Ich würde vielleicht den Fokus verschieben und sagen: Kunst ist immer eine Einladung, uns bewusst zu machen, dass Realität nichts Abstraktes ist, das irgendwo passiert, sondern etwas, dass wir aktiv und gemeinsam gestalten.

Interview: Heinrich Schwazer

 

Our glacial perspectives

„Our glacial perspectives“, das permanente Kunstwerk von Olafur Eliasson auf dem Schnalstaler Gletscher auf über 3.000 Metern Meereshöhe ist Anfang Oktober enthüllt worden. Das Kunstwerk beginnt mit einem 410 Meter langen hochalpinen Parcours, der auf dem Grawand Grat verläuft. Dieser Weg ist durch 9 Tore unterteilt, die als Intervalle angeordnet sind, die der Dauer der Eiszeiten entsprechen. Dies markiert eine tiefe Zeitachse unseres Planeten, des Eises und der Umwelt.

Am Ende des Weges befindet sich ein Pavillon aus mehreren Stahl- und Glasringen, in denen sich ein kreisförmiges Deck befindet, das über den Rand des Grats hinausragt. Wenn der Betrachter auf dem Deck steht, kann er den Pavillon als astronomisches Instrument verwenden, indem er seinen Blick auf die umgebenden Ringe ausrichtet, die den scheinbaren Weg der Sonne am Himmel an einem bestimmten Tag verfolgen. Die Ringe teilen das Jahr in gleiche Zeitintervalle ein: der obere Ring verfolgt den Weg der Sonne zur Sommersonnenwende; der mittlere Ring folgt der Tagundnachtgleiche; und der unterste Ring verfolgt die Wintersonnenwende. Jeder Ring selbst ist in rechteckige Glasscheiben unterteilt, die 15 Bogenminuten der Sonnenbewegung über den Himmel abdecken, sodass der Betrachter die Tageszeit anhand des Sonnenstandes bestimmen kann. Auf der Außenseite des Pavillons rahmen zwei parallele Stahlringe die Horizontlinie ein, und die Struktur tragenden Halbringe zeigen die Nord-Süd- und Ost-West-Achse an.

Durch die Markierung des Horizonts, der Himmelsrichtungen und der Bewegung der Sonne lenkt das Kunstwerk die Aufmerksamkeit des Besuchers auf eine größere planetarische Perspektive und die Klimaveränderungen, die auch diesen Gletscher im Schnalstal betreffen. Die Glasscheiben des Sonnenwegs sind in verschiedenen Blautönen gefertigt, in Bezug auf das Cyanometer, eine gegen Ende des 18. Jahrhunderts entwickelte Skala zur Messung der Intensität der blauen Himmelsfarbe. Das farbige Glas filtert und reflektiert Licht und Sonnenstrahlung und verhält sich wie eine Mini-Atmosphäre.

Das Kunstwerk wurde vom Verein Talking Water Society in Auftrag gegeben, einer Plattform zur Reflexion und zum Austausch über Wasser, unsere mächtigste und wertvollste Ressource, die von Ui Phoenix von Kerbl und Horst M. Rechelbacher (1941-2014 – Founder der Aveda Corporation in den USA) gegründet wurde.

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (2)

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  • nix.nuis

    Am Nachhaltigsten wäre es doch wohl, wenn an solchen Orten überhaupt kein Kunstwerk aufgestellt würde…
    Die Natur ist sich selbst genug, sie braucht kein „künstliches“ Kunstwerk!!!

    • marionw.

      …da haben Sie bestimmt Recht: Unsere Natur ist einzigartig und für sich selbst schon ein „Kunstwerk“. Ich finde aber schon, dass solche Installationen ihre Berechtigung haben sollen…natürlich mit Maß und Ziel!

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