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Wahrheit aus Hunderten Stimmen

Swetlana Alexijewitsch: Ich befürchte einen Bürgerkrieg.

Die Nobelpreisträgerin Swetlana Alexijewitsch aus Weißrussland eröffnete am Montag die 35. Ausgabe der Literaturtage Lana, die sich erneut der Gedächtniskultur widmen. Coronabedingt konnte Alexijewitsch nicht ausreisen, die begnadete „Stimmen-Sammlerin“ war jedoch per Skype präsent. Lesen sie hier das komplette Gespräch.

Frau Alexijewitsch, Sie werden als begnadete Zuhörerin, Stimmen-Sammlerin und große Chronistin bezeichnet, die Erfahrungen von Menschen in Extremsituationen aufzeichnet und erzählt. Wie sehen Sie sich selbst?

Swetlana Alexijewitsch: Wissen Sie, ich habe schon sehr viele verschiedene Meinungen gehört zu dem, was ich tue. Wahrscheinlich wird dieser neue literarische Raum, diese neue Sicht auf die Literatur, nicht von allen akzeptiert. Ich denke, ich versuche, Literatur zu schaffen aus dem Leben, aus lebendigen Gesprächen, aus lebendigen menschlichen Gedanken, Literatur entsteht dabei vor meinen Augen. Ich unterhalte mich mit einem Menschen, wir leisten gemeinsamen diese ungeheure Arbeit, ich muss ihn dazu bringen, aus sich das herauszuholen, was Literatur ist. Das trifft nicht immer auf Verständnis. Besonders hier bei uns, wo der Literaturbegriff konservativ ist: Literatur ist fiction, ein Schriftsteller denkt sich etwas aus … Nein, das hat sich verändert. Heute gehört sehr viel anderes Material zur Literatur. Darum denke ich, das, was ich tue, ist Literatur.

Die russische Literatur hat seit Gogol immer dem kleinen Menschen eine Stimme verliehen. Sehen Sie sich in dieser Tradition?

Ich denke ja. In meinen Büchern gibt es keine großen Helden, also „Helden der Sowjetunion“, „Helden der sozialistischen Arbeit“ oder irgendwelche Berühmtheiten, ganz und gar nicht. Ich suche nach dem ganz normalen Menschen, der in die Mühlen der Geschichte geraten ist, in die repressive Maschinerie der Geschichte, denn unsere Geschichte war immer repressiv und ist es leider bis heute. Diesem Menschen höre ich zu, der in unserer Geschichte Täter und Opfer war, und das ist nicht immer voneinander zu trennen. Ich bin unter Tätern und Opfern aufgewachsen, und dieses Gefühl kennt wohl jeder noch heute jeder, der hier lebt. Denn wenn Sie heute jemanden fragen, der bei uns in Belarus zu einer friedlichen Demonstration gegangen ist und in einen Gefängniswagen gesperrt wurde, erzählt er, wie er behandelt wurde: Ein Sack über den Kopf, wie früher beim NKWD, er bekam kaum Luft, die schlimmsten Misshandlungen, die ich mir nicht einmal ausmalen möchte, von denen wir glaubten das liege hinter uns. Gogol und Tschechow, das wird nicht überliefert, aber ein Sack über den Kopf, das wird weitergegeben. Ich denke daran, meinem Buch „Secondhandzeit“ ein weiteres Kapitel hinzuzufügen, genau darüber, noch einmal darüber: Warum verschwindet das nicht aus unserem Leben?

In vier Ihrer Bücher geht es um Krieg und Zerstörung, in einem Buch um die Unfähigkeit des postsowjetischen Menschen zur Freiheit. Wie wählen Sie Ihre Themen aus?

Meine Themen zu wählen ist nicht schwierig. Beim ersten Buch war mir das noch nicht bewusst, aber dann führte die Geschichte selbst mich von Buch zu Buch. „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ ist ein Buch über Frauen im Krieg, über Heldinnen, über die nicht gesprochen wurde, den Sieg nahm der Staat für sich in Anspruch, die Männer nahmen ihn in Anspruch. Die Frauen blieben unbemerkte Helden des Krieges. Dann kamen die „Zinkjungen“, dann das Tschernobyl-Buch – ich folgte also immer den neuralgischen Punkten unserer Geschichte. So entstand ein Bild, eine Enzyklopädie der roten Utopie, dessen, was wir Sozialismus nannten. Ein Bild des „häuslichen“ Sozialismus. Mich interessierte, wie der Sozialismus in der Seele des Menschen wirkte.

In all Ihren Büchern geht es letztlich um Erinnerung. Was ist Erinnerung für Sie?

Erinnerung, das sagte ich ja schon zu Beginn, ist eine ganz eigene Materie. Ein junger Mann, der in Afghanistan gewesen war und dessen Kopf fast nur noch aus Metall bestand, so viel hatten die Ärzte an ihm operieren müssen, dieser junge Mann sagte mir einmal, zwei Dinge seien für ihn unbegreiflich: Blut und die Erinnerung. Als ich ihn bat, sich an bestimmte Dinge zu erinnern, sagte er: Ich möchte das gern vergessen, und ich habe es vergessen. Dann überrollte es ihn wieder, und nach ein paar Tagen rief er mich an. Erinnerung ist ein lebendiger Organismus, der uns entgleitet, der sich ständig verändert. Das eine ist die Erinnerung der Sowjetzeit, aus allem Erlebten filterten die Menschen diese Erfahrungen heraus. In den neunziger Jahren wollten viele Menschen das, was sie mir erzählt hatte, ergänzen, ändern, weil sie aus dem Erlebten nun einen ganz anderen Sinn herauslasen. Die Erinnerung verändert sich also mit dem Menschen, mit seinem Leben. Der Mensch legt alles hinein, was er erlebt, was er gelesen und gesehen hat, ob er glücklich war oder unglücklich, welche Zeitungen er liest … Es ist also einerseits ein absolutes Dokument, andererseits aber heißt es oft auch, Erinnerung sei kein Dokument, sie diene der jeweiligen Zeit, es sei eher eine bestimmte Version. Erinnerung ist eben kein totes, kein erstarrtes Dokument, es ist lebendig, der Mensch verarbeitet sein Leben lang alles, was ihm widerfahren ist.

Erinnerung täuscht, erfindet, ist trügerisch. Welche Wahrheit kommt in Ihren Gesprächen und Erzählungen zutage? Geht es um Wahrheit? Gibt es Wahrheit überhaupt?

Nein, was mit der Erinnerung passiert, ist keine Täuschung, kein Erfinden. Wenn jemand seine Erinnerungen erzählt, ist er ein Schöpfer. Wie gesagt, er legt alles Erlebte hinein. Er erfindet nicht, er hebt alles Erlebte in seine Gegenwart, das ist kein Erfinden. Der Mensch verändert sich, und damit verändert sich auch seine Erinnerung.

Und darin liegt die Wahrheit? In der Summe all dessen?

Ich finde die Wahrheit aus Hunderten Stimmen. Für jedes Buch spreche ich mit 600-700 Menschen und die Wahrheit entsteht im Schnittpunkt. Wo sich diese Hunderte Erzählungen überschneiden, da entsteht die Wahrheit. Daraus entsteht ein Bild der Zeit, die Wahrheit, Ein einzelner Mensch ist nie im Besitz der Wahrheit, im Besitz der Wahrheit sind alle Menschen, die eine bestimmte Zeit erlebt haben.

Wie bringen Sie die Menschen, die ungeheures Leid erfahren haben, zum Erzählen?

Leiden ist ja ein Bestandteil unserer Kultur, in unserem Land existiert ein Kult des Leidens, Leiden ist im Leben jedes Einzelnen immer präsent, und die Menschen sind es gewohnt, davon zu erzählen. Wenn Sie in ein beliebiges Haus gehen, erzählt man Ihnen von der Großmutter dem Großvater… Auch heute, egal, ob jemand jung ist oder alt – die jungen Menschen, die heute ins Gefängnis geworfen werden. Das ist etwas Lebendiges, es gehört zum Leben. Darüber denken die Menschen immer nach, und davon können sie erzählen, das ist eine regelrechte Kunst bei uns. Wenn ich zu jemandem nach Hause kommen, muss ich vor allem ein gütiger Mensch sein, ich muss Mitgefühl haben und demjenigen, zu dem ich kommen, helfen, einen neuen Sinn in dem von ihm Erlebten zu finden. Es geht nicht um pure Fakten – ich war da und da, habe soundso viele Verwundungen oder Ähnliches – nein, es geht darum, in all dem einen Sinn zu finden. Was geschieht mit uns? Warum gelingt es uns nicht, unser Leiden in Freiheit umzuwandeln? Ich muss das Interesse des Menschen dafür wecken, damit auch er darüber nachdenkt und sich nicht nur beklagt, denn auch das gibt es bei uns – eine Kultur des Klagens.

Woher kommt Ihre Kunst des Zuhörens?  Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie auf ihren Weg des Stimmensammelns gebracht hat?

Ich bin auf dem Land aufgewachsen, meine Kindheit und Jugend habe ich auf dem Land verbracht, in einem ukrainischen Dorf bei meiner ukrainischen Großmutter, die ich sehr liebte, und in einem belarussischen Dorf, der Heimat meines Vaters. Und natürlich hörte ich ständig die Frauen weinen. Diese Dörfer nach dem Krieg waren Orte ohne Männer, ohne Liebe. Die Frauen redeten oft darüber, wie sie ihre Männer in den Krieg verabschiedet hatten, das waren Erinnerungen an ihre Jugend, denn es waren ja junge Männer. Der Tod war ständig präsent, und das waren sehr starke Eindrücke für mich. Ich denke, meine Suche nach meinem Weg in der Literatur hat auch damit zu tun. Ich wollte vermitteln, wie stark die Empfindungen waren, die die Erzählungen dieser einfachen Frauen vom Lande in mir weckten. Meine Eltern waren beide Lehrer, in unserem Haus gab es viele Bücher, aber die Bücher, selbst die Klassik, weckten nicht diese starken Empfindungen, diese Erschütterung wie die mündlichen Erzählungen.

Wie gehen in Ihren Recherchen vor?

Zur Zeit arbeite ich an einem Buch über die Liebe. Der soziale Mensch genügte mir nicht, um den Menschen zu verstehen, darum wollte ich mich den existentiellen Fragen zuwenden, und die wichtigsten Dinge im Leben jedes Menschen sind Liebe und Tod. Natürlich spreche ich heute mit jedem, dem ich begegne, genau darüber. Wenn ich ein Buch lese, finde ich darin mein Thema, wenn ich in Kunstausstellungen gehe, finde ich es auch dort. Das heißt, ich filtere aus allem nun diese Stimmen heraus. Was meine früheren Bücher angeht, dazu habe ich ja schon gesagt, dass viele bei uns im Krieg waren, viele waren in Afghanistan, viele Menschen haben Tschernobyl erlebt – ich bin von diesen Themen umgeben. Daraus das Literarische herauszufiltern, darin sehe ich meine Aufgabe.

Wie finden Sie die Menschen für Ihre Gespräche? Kommen sie von selbst zu Ihnen?

Sie kommen nicht von selbst. Leid ist ja etwas Intimes, und niemand erinnert sich gern daran. An den Krieg, an das Jahr 1937. Bei oberflächlicher Betrachtung scheint es, als fiele es den Menschen leicht, darüber zu sprechen, aber Leid ist immer demütigend, und das möchten die Menschen gern verdrängen. Aber wenn ich, wie ich bereits sagte, versuche, mit dem Gesprächspartner zusammen einen Sinn zu finden, mich zu dem Verborgenen vorzutasten, was er selbst nicht immer verarbeiten kann, dann ist das für ihn eine Hilfe, damit fertigzuwerden, und dann weckt es auch sein Interesse, und er fasst Vertrauen. Dann entsteht ein Gespräch.

Trotzdem noch einmal die Frage: Wie finden Sie Ihre Gesprächspartner?

In jedem Haus kann man jemanden finden, der im Krieg war oder der noch die Stalinzeit erlebt hat oder der in Afghanistan war, in einem Krieg in Afrika oder in Tschernobyl. Oder heute, da in den postsowjetischen Staaten autoritäre Regimes entstehen – die Menschen erleben ständig Leid. Natürlich kann nicht jeder darüber sprechen. Wer nur zwei, drei Klassen besucht hat, der erzählt vielleicht sehr eindimensional, aber manche Menschen besitzen eine emotionale Begabung. Mitunter wird durch zwei, drei Sätze einer Frau etwas lebendig. Wenn zum Beispiel eine einfache Frau, Köchin, auf die Frage, was Krieg ist, antwortet: Wenn du einen Kessel Suppe für zweihundert Mann gekocht hast, und aus dem Gefecht kommen nur zwei, drei Mann zurück. Und sie können einander nicht in die Augen sehen. Wenn sie aus dem Gefecht zurückkommen, liegen sie im Gras und können einander nicht ansehen. Darauf kommt es an: Wenn du das, was der Mensch erlebt hat und was er heute erlebt, als ein Mysterium siehst. Die Existenz des Menschen auf der Erde folgt ja einem göttlichen Plan, und ich muss dem Menschen helfen, dieses Mysterium zu entdecken.

Wie können wir uns Ihr Stimmensammeln konkret vorstellen: arbeiten Sie mit Tonband, Video, schreiben Sie mit?

Mitschreiben ist unmöglich, Gedanken und Gefühle sind sehr schnell, sehr beweglich, das kann ich nur mit einem Diktaphon festhalten. Und wenn ich merke, ich habe genug Material, dann sind das Tausends Seiten. Mein Zimmer ist dann übersät mit Manuskripten, aus diesen Tausenden Seiten muss ich dann etwas schaffen, einen Stimmenroman, ein Buch, das all die Schrecken und Freuden unseres Lebens erfasst.

Wie bringen Sie das gesammelte Material in eine literarische Form? Belassen Sie die O-Töne wie sie sind oder greifen Sie ein?

Oft treffe ich mich mit einem Gesprächspartner nicht nur ein Mal, sondern zwanzig Mal oder mehr, anschließend schreibt er mir noch an oder ruft an. So ergeben 300-400 Seiten für jeden. Manchmal bleibt am Ende von all dem im Buch nur ein einziger Satz: Ich war noch so jung, als ich an die Front ging, dass ich im Krieg sogar noch gewachsen bin. Alles andere ist nicht die Literatur des Lebens, nach der ich suche. Manchmal werden es drei, vier Seiten, dann treffe ich mich mit demjenigen sieben bis zehn Mal, um dieses Stück Literatur mit Leben zu erfüllen. Und dann schälen sich auch magnetische Linien heraus, wie zum Beispiel im Buch „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ die Angst vorm Sterben oder die Angst vorm Töten, wenn man erst 16 Jahre alt ist. Eine Frau erzählt von ihrer Beobachtung, wie die Vögel litten, die Felder, die Erde – man muss neue Räume entdecken, die es in der Literatur zuvor nicht gab. Einen neuen Blick finden. Es geht nicht darum, möglichst viel Schreckliches zu erzählen, das ist keine Literatur. Wichtig ist ein neuer Blick auf etwas, zum Beispiel auf den Krieg, wie eine Frau den Krieg sieht oder ein Kind – im Buch „Die letzten Zeugen“. Ein Kind, das noch frei ist von jeglicher Kultur.

Die Erzählerstimmen sind, stellen wir uns vor, ja sehr unterschiedlich. Wie bringen Sie diese in den Gleichklang eines Chores?

Ich glaube, es war Glinka, der einmal über die Entstehung seiner musikalischen Werke schrieb, er nehme sie aus der ganzen Welt: Alles habe seine eigene Musik: Die Blätter der Bäume, der Wind, das Meer, eine Hochzeit auf dem Land … Das alles muss in deinem Bewusstsein in eine bestimmte Form gebracht werden, und daraus entsteht deine Weltsicht.

Waren die Recherchen mitunter gefährlich? Wurden Sie bedroht? Auf Ihr Afghanistan-Buch „Zinkjungen“ gab es Reaktionen von interviewten Müttern, die sich nachträglich von Ihren Aussagen distanzierten.

Ja, weil sie  Mütter waren. Ihre Söhne waren umgekommen, und man hatte ihnen gesagt, ihre Söhne seien Helden. Doch in den neunziger Jahren hieß es plötzlich, ihre Söhne seien Mörder. Das ist sehr schwer zu ertragen.

Wurde es mitunter gefährlich, wurden Sie bedroht?

Diese Mütter zogen vor Gericht, es gab einen Prozess, wahrscheinlich mit der Absicht, mich strafrechtlich zu verfolgen. Ehemalige Afghanistan-Soldaten bedrohten mich, auch das KGB, überhaupt der gesamte Repressionsapparat, der in den Neunzigern noch existierte. Das ganze herrschende System mochte mich nicht, das begann schon mit meinem ersten Buch. „Der Krieg hat kein weibliches Gesicht“ wurde drei Jahre lang nicht gedruckt. Ich verlor wegen dieses Buches meine Arbeit, weil ich angeblich mein großes Land verleumdete, die große Idee. Die Arbeit war natürlich insgesamt nicht ungefährlich. Aber die Arbeit eines Schriftstellers, wenn er sie ernst nimmt, ist in unserer unvollkommenen Welt nie ungefährlich, bis heute. Ich habe ja vor, mein Buch „Secondhandzeit“ um ein Kapitel zu erweitern. Darüber zu schreiben, wie mit beinahe asiatischer Brutalität gegen friedliche Demonstranten vorgegangen wurde, die festgenommen in Gefängnistransporter verladen und grausam misshandelt wurden. Das ist relativ gefährlich, aber ich will diese Fortsetzung unbedingt schreiben.

Zurück zur Frage der Erinnerung. Gedächtnis wird missbrauch, verfälscht, instrumentalisiert. Wie steht es um die Gedächtniskultur in Weißrussland und Russland?

Belarus und Russland sind postsowjetische Staaten. Sie waren totalitär und sind es teilweise noch heute. Und was die Erinnerung angeht – es heißt ja: Bei uns lässt sich nicht nur die Zukunft schwer vorhersagen, sondern auch die Vergangenheit. Auch die Vergangenheit ist umkämpft, ebenso wie die Zukunft. Unter den Bedingungen der entstandenen totalitären Systeme und  ihrer Vorstellungen von der Rolle des Menschen, von dem, was bei uns geschieht, ist das natürlich ein ständig umkämpftes Feld.

Sie haben einmal gesagt, Sie haben Angst vor Ihren eigenen Büchern. Wie meinen Sie das?

Nun, ich bin ja auch ein ganz normaler Mensch, und all das Schreckliche, was ich mir angehört und in meine Bücher aufgenommen habe … Zum Beispiel Afghanistan. Mir wurde eine Ausstellung gezeigt, Waffen, die den Mudschaheddin abgenommen wurden. Damit sollte gezeigt werden, dass die Vereinigten Staaten und andere die Mudschaheddin unterstützten. Ich erinnere mich an meinen ersten Eindruck: Ich war erschüttert, wie viel Zeit der Mensch in die Schaffung von Waffen zu seiner Vernichtung gesteckt hat. Diese Waffen waren schön! Abgesehen vom eigentlichen Zweck dieser Gegenstände, der Tötung von Menschen, waren sie einfach schön. Ich weiß noch, mir rutschte das heraus – wie schön diese Dinge sind, wie viel Zeit und Sorgfalt darin stecken. Zu der Zeit war gerade meine Schwester an Krebs gestorben, und ich fragte mich ständig, warum wird kein Medikament gegen den Krebs entwickelt, wofür investiert der Mensch so viel Zeit, wozu all die Raketen und so weiter – und nun sah ich, wofür. Ein Oberstleutnant, der meine Äußerung über die Schönheit der Waffe gehört hatte, es war eine italienische Mine, sie hatte eine schöne Form und war hell angestrichen, sah aus wie ein Weihnachtsschmuck. Er sagte kühl und hochmütig – was versteht eine Frau schon vom Krieg: Wer auf diese Mine tritt, von dem bleibt nur ein halber Eimer Fleisch übrig. Nach einigen Tagen rief er mich in meinem Hotel an: Willst du sehen, was von den Jungs übrig ist, die mit ihrem Panzerwagen auf eine solche Mine gefahren sind? Die werden mit Löffeln von der Panzerung abgekratzt, um den Müttern wenigstens etwas DNS zu schicken. Es herrschten fast fünfzig Grad Hitze – sollte ich hingehen oder nicht? Einerseits wollte ich dem Mann beweisen, dass ich das durchaus kann, andererseits bin ich ja mit der russischen Kultur aufgewachsen: Man muss bis zum bitteren Ende gehen, wenn du über etwas schreibst. Also ging ich hin. Und natürlich, ich bin ja kein Superman, fiel ich bei dem Anblick in Ohnmacht. Von der Hitze, von dem, was ich gesehen hatte. Und wieder zu Hause, musste ich das alles verarbeiten, meine Erlebnisse, die Berichte, die ich dort aufgezeichnet hatte, meine Empfindungen, und das alles zu Literatur machen. Es ist eine schwierige Aufgabe, Schrecken und Chaos zu einem Teil unserer vernünftigen Welt zu machen, zu Literatur.

Derzeit schreiben Sie ein Buch über die Liebe. Haben Sie genug von Leid und Schrecken?

Wie ich schon sagte, vielleicht ist Ihnen das entgangen, dass ich mir gesagt habe, der soziale Mensch ist noch nicht alles. Der Mensch ist mehr als das. Er ist mehr als der Krieg, mehr als Tschernobyl. Es gibt nur zwei Dinge, die dem Maß des Menschen entsprechen, durch die er über sich hinauswächst: Das sind die Liebe und der Tod. Mir ist klar geworden, dass ich mich mit diesen beiden Dingen noch beschäftigen möchte, diese beiden Bücher möchte ich noch schreiben.

Diese beiden Bücher werden vermutlich nicht leichter sein als Ihre bisherigen?

Ja, beide Themen haben es in sich. Die Liebe ist nicht leichter als der Krieg, und der Tod ist ja überhaupt die äußerste Grenze.

Gehen Sie dabei gleich vor wie bei Ihren früheren Büchern? Mit 100en von Gesprächen?

Ja, auch hier schaffe ich Literatur aus dem Leben selbst, aus Erzählungen von Menschen. Es werden ebenfalls Stimmenromane sein.

In Ihrem Buch „Secondhand-Zeit“ beschreiben Sie die Unfähigkeit des russischen Menschen zur und seine Verzweiflung an der Freiheit. Wie äußert sich diese Unfähigkeit und woher rührt sie?

Gestern gab es eine Demonstration. Wir wollen, dass unser Diktator geht, und weil wir das auf friedlichem Weg erreichen wollen, damit keine jungen Menschen sterben, denn sie sterben immer als Erste, deshalb gab es gestern bei uns eine Demonstration, wie in den letzten Tagen. Diesmal waren sehr viele Menschen waren auf die Straße gegangen, rund 300 Tausend. Als ich die Gesichter dieser Menschen sah, ich wohne im sechsten Stock, und ich sah aus dem Fenster, dass alle Hügel rund um die Stadt voller Menschen waren. Sie hatten Kinder dabei, die Frauen trugen weiße Kleider, viele Männer weiße Hemden, viele hatten Blumen in der Hand, davor waren ja schon Frauen in weißen Kleidern und mit Blumen durch die Stadt gezogen. Als ich diese Menschen sah, dachte ich, dass ich früher geglaubt hatte, die Menschen seien Sklaven, unfähig, sich aus ihrer Gefangenschaft, der totalitären Psychologie zu befreien – doch nun sah ich: Nein, das sind keine Sklaven, sie kennen die Freiheit, sie wollen Freiheit, sie wollen nur nicht so leicht ihr Leben hergeben, sie wollen sich nicht sinnlos vor eine Kugel werfen. Ich dachte, unsere Überzeugung, der russische Mensch sei unfähig zur Freiheit, stimmt nicht. Wir brauchten einfach 30 Jahre, um ganz andere Menschen zu entdecken.

In diesem Sinne hat sich also ein Wandel vollzogen im Bewusstsein der Menschen?

Ja, es hat ein Wandel stattgefunden im Bewusstsein der Menschen. Tschechows Ausspruch, der Mensch müsse den Sklaven Tropfen für Tropfen aus sich herauspressen, wurde bei uns ja umformuliert, nicht tropfenweise, sondern eimerweise – das haben die Menschen inzwischen getan. Sie reisen, sie sehen die Welt, sie sind nicht mehr auf eine einzige Sprache beschränkt, sie sitzen vorm Computer und haben auch so die Welt vor sich. Ich sah plötzlich ganz andere Menschen, ich habe mich in mein Volk verliebt.

Das brauchte also einfach seine Zeit, und diese Zeit ist nun gekommen, ja?

In den neunziger Jahren liefen wir auf die Straße und riefen „Freiheit! Freiheit!“, aber keiner von uns wusste, was das eigentlich ist. Wir dachten, morgen kommt die Freiheit, und dann herrscht ein freies Leben. Aber woher sollte das kommen? Es gab keine freien Menschen, doch ein freies Leben können nur freie Menschen gestalten. Und ich glaube, solche Menschen werden nun geboren, schon die zweite Generation.

Hat damit auch Ihre Haltung zum Leiden zu tun? Unendliche Fähigkeit zum Leiden ist ein Topos der russischen Kultur. Sie halten davon wenig. Warum?

Die russische Dichterin Bella Achmadulina hat einmal gesagt: „Der Henker und sein Opfer verletzen in gleicher Weise den glücklichen Schlaf eines Kindes“. Oder nehmen wir Schalamow, seinen Streit mit Solshenizyn. Solshenizyn meinte, das Leiden im Lager mache den Menschen besser, Schalamow widersprach: Die Lagererfahrung macht den Mensch ist zu nichts nütze, sie mach ihn nicht besser, daraus lernt er nichts, sie macht ihn nur schlechter. Deshalb habe ich gesagt, ich habe Angst vor meinen eigenen Büchern: Etwas, das man schwer verarbeiten kann, ist das Wissen, wie schrecklich der Mensch sein kann. Er kann wunderbar sein, aber auch sehr schrecklich. Mit diesem Wissen wird man schwer fertig, sogar als Erwachsener, ganz zu schweigen von Kindern und Jugendlichen, die diese Bücher in der Schule lesen. Das ist schwer. Darum glaube ich, dass Leiden den Menschen verdirbt, ihn zermürbt. Er denkt dann nicht mehr an das Glück, er denkt nur daran, wie er sich gegen das endlose Schreckliche wehren kann. Es ist schade, dass der Mensch so viel Zeit dafür opfern muss, mit dem Schrecklichen umzugehen, damit fertigzuwerden.

Er muss sich also daraus befreien, aus dieser Falle?

Ja, das ist eben unsere Geschichte.

Zum Schluss noch eine politische Frage zur aktuellen Lage. Wie schätzen Sie die derzeitige Situation nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen in Weißrussland ein? Sie sprachen ja von einer Revolution. Was erwarten Sie nun für Ihr Land?

Das ist sehr schwierig. Wir möchten gern den Ghandi-Weg gehen, friedlich. Doch der Präsident ist nicht der Mann, der bereit wäre zum Dialog mit der Gesellschaft, mit der Zeit, mit den neuen Menschen, die es jetzt gibt. Gerade heute hat er gesagt: „Ich gehe nur, wenn ihr mich umbringt.“ Er hat sich das Land angeeignet, alles, was wir haben, und es ist eine große Aufgabe für unsere Gesellschaft, die sich von der besten Seite gezeigt hat, diese Situation ohne Blutvergießen zu bewältigen. Wir wollen kein Blutvergießen. Selbst in den ersten zwei Tagen, als die Männer, die wie Cyborgs aussahen mit ihrer schwarzen Kleidung, die Menschen verprügelten, auf Menschen schossen, Blendgranaten warfen, selbst da gingen die Menschen mutig auf die Straße. Aber auf diese Brutalität waren sie nicht vorbereitet.

Sehen Sie eine Perspektive?

Das ist schwer zu beantworten. Ich habe mich selbst an Lukaschenko gewandt, ihn aufgefordert, zu gehen, ohne Blutvergießen. Obwohl ja schon Blut geflossen war, es waren schon Menschen gestorben. Stoß das Land nicht in den Abgrund eines Bürgerkriegs. Noch balancieren wir auf der Grenze dazu.

Das heißt, Sie befürchten einen Bürgerkrieg? Sie halten ihn für möglich?

Ja, ich befürchte einen Bürgerkrieg. Es gibt Filme von Sergej Losniza über den Donbass, glaube ich, und so etwas möchte ich in meinem Land nicht erleben.

 

Info: Die von Christine Vescoli formulierten Fragen wurden von der Übersetzerin Ganna-Maria Braungardt per Skype gestellt.

Zur Person

Swetlana Alexijewitsch, 1948 in der Ukraine geboren und in Weißrussland aufgewachsen, arbeitete als Reporterin. Über die Interviews, die sie dabei führte, fand sie zu einer eigenen literarischen Gattung, dem dokumentarischen „Roman in Stimmen“. Alexijewitschs Werke wurden in mehr als 30 Sprachen übersetzt, und sie wurde vielfach ausgezeichnet, u. a. 1998 mit dem Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung, dem Erich-Maria-Remarque-Friedenspreis der Stadt Osnabrück (2001), dem National Book Critics Circle Award (2006), dem polnischen Ryszard-Kapuściński-Preis (2011), dem mitteleuropäischen Literaturpreis Angelus (2011) und dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels (2013). 2015 erhielt sie den Nobelpreis für Literatur.

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Kommentare (1)

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  • george

    Sehr gute Analyse. Jene, die sonst schweigen, kriegen so eine Stimme und vieles, das sonst beschönigt oder übertrieben wird, wird aus dem direkten Geschehen im unmittelbar Erlebten und vernetzt Verbundenem dem Vergessen und dem Verdrängten entzogen.

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