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Halbierte Lehrer

Foto: lpa

Trotz großem Bedarf durch eine erhöhte Anzahl an Klassen fallen Lehrer bei der Stellenwahl durch den Rost: Weil sie nicht mehr wie bisher zwei Teilzeitstellen kombinieren können, müssen sie wider Willen weniger arbeiten.

von Silke Hinterwaldner

Er ist Lehrer, Religionslehrer in der Oberstufe. Aber seinen richtigen Namen möchte er nicht in der Zeitung abgedruckt sehen, deshalb nennen wir ihn hier einfach Erich.

Religionslehrer Erich weist auf ein Problem hin, das auf den ersten Blick widersprüchlich erscheinen mag. Denn: Er hat nur eine Teilzeitstelle zugewiesen bekommen, obwohl er viel lieber Vollzeit arbeiten möchte. Dies verwundert auch deshalb, weil die Schulämter im Corona-Herbst eigentlich händeringend nach Lehrkräften suchen, um alle zusätzlichen Klassen unterrichten zu können.

Aber der Reihe nach: Erich hat vor einigen Jahren sein Studium abgeschlossen und hat sich für den Beruf des Religionslehrers entscheiden. Allerdings verfügt er noch nicht über eine Stammrolle und muss deshalb Jahr für Jahr – gemeinsam mit hunderten anderen Lehrern – zur Stellenwahl, die mittlerweile online abgewickelt wird. Bei dieser Stellenwahl hat Erich eine Vollzeitstelle gewünscht, aber schlussendlich hat er an einer Schule lediglich zwölf Stunden zugewiesen bekommen. Alle anderen Stellen waren bereits vergeben. Nun ergibt sich daraus für ihn auch ein existenzielles Problem. Erich hat als Alleinverdiener eine Familie zu versorgen, da reicht ein Teilzeitvertrag in der Schule nicht aus. Er sagt: „Nun stehe ich als derzeit alleinverdienender Familienvater vor der großen Frage: Wie soll es weiter gehen? Kann ich meine Kosten dadurch decken? Werde ich meine Familie über die Runden bringen können?“ All seine Versuche eine Vollzeitstelle zugewiesen zu bekommen oder seinen Teilzeitvertrag um einige Stunden aufstocken zu können, sind bisher gescheitert. „Und mittlerweile“, sagt Erich, „habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass es über andere Wege noch eine Aufstockung geben könnte.“ Erich ist kein Einzelfall. Während bisher bei der Stellenwahl mehrere Teilzeitstellen miteinander kombiniert werden konnten, geht das nun offenbar coronabedingt nicht mehr. Das bringt manche Lehrer in die Bredouille, betroffen sind nicht nur Religionslehrer: Sie möchten mehr arbeiten, aber sie können nicht – obwohl man im Corona-Herbst eher damit rechnen könnte, dass alle Kapazitäten in der Schule voll ausgeschöpft werden müssen.

Schulamtsleiterin Sigrun Falkensteiner weiß um die Situation. Sie erklärt: „Bei der Stellenwahl sind ausschließlich jene Angebote enthalten, die es für die Unterrichtsstunden am Vormittag braucht. Die Gelder für die Nachmittagsangebote sind erst in einem zweiten Moment hinzugekommen und werden erst je nach Bedarf der Schule verteilt. Diese Stellen sind bei der Stellenwahl noch nicht wählbar, weil wir noch nicht sagen können, an welche Schuldirektionen wie viele Stunden gehen.“ Sie zeigt sich optimistisch, dass die Teilzeitverträge in einem zweiten Moment aufgestockt werden können. Die Schulen bekommen jetzt weitere Stunden zugewiesen. Im Schulamt habe man darüber nachgedacht, die Stellenwahl auf einen späteren Zeitpunkt zu verschieben, dies hätte aber wohl bei vielen Lehrern zu noch mehr Unsicherheit geführt. Falkensteiner erinnert daran: „Die Vergabe der Stellen durchläuft einen komplizierten Iter. Alles ist ziemlich umständlich, logistisch ist das ein enormer Aufwand. Wir haben insgesamt 10.000 Lehrpersonen, von denen viele in die Stellenwahl gehen. Wir haben 78 Schuldirektionen, davon rund 60 in der Unterstufe und dann wieder sehr viele Schulstellen.“

Lehrer wie Erich verstehen trotzdem nicht, warum Schulamt und Schuldirektionen nicht trotzdem besser planen können. Schließlich habe man bereits Erfahrung mit der Online-Stellenwahl und eine lange Vorlaufzeit gehabt.

Mittlerweile ärgert sich Erich maßlos darüber, dass es auf die vielen Fragen von Lehrern noch immer keine konkreten Antworten gebe. „Ab dem 24. August sollen wir zum Corona-Test“, sagt er, „abgesehen davon wissen wir eigentlich noch gar nichts. Nicht wie die Eröffnungskonferenz abläuft, nicht wie der Unterricht gestaltet werden kann. Wir werden immer wieder vertröstet und hängen damit in der Luft.“

 

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Kommentare (4)

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  • lama

    Dieser Zustand ist bei Mitarbeiter für Inklusion schon seit Jahren gang u gäbe. Auch mit Stammrolle . Echt traurig…

  • robby

    Vor einigen Jahren erst das Studium abgeschlossen; Religionslehrer (in einem laizistischen Staat); noch ohne Stammrolle; Frau und Kinder und dazu auch noch Alleinverdiener. Da brauch es schon eine gehörige Portion Gottvertrauen – sogar als Religionslehrer.

  • summer

    Kann ihm doch der Bischof den anderen Teil eines Teilzeitarbeitsverhältnis geben. Zuerst kontrolliert jener, ob sie die kuriale Lehrerlaubnis kriegen, die er nicht allen gibt, und danach kommen solche kritischen Teilzeitaufträge zustande.
    Wer anschafft (bestellt), zahlt.
    Hat es halt früher immer geheißen.

  • exodus

    Der Lehrer „Erich“ fragt sich: Kann ich meine Kosten dadurch decken? Werde ich meine Familie über die Hürden bringen? Das mit Teilzeitarbeit 12 Stunden die Woche. Ich frage mich, kann man
    mit 48 Stunden monatlicher Arbeit so viel verdienen, dass man leben kann. Ich habe Bekannte mit 40 Stundenwoche, mit gutem Verdienst, trotzdem ist nicht alles einfach. Ich dachte nicht, dass man als Lehrer so gut bezahlt wird…..

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