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Drei Tage Dokumentarfilm

(v.l.) Gunther Niedermair, Hanspeter Niederkofler, Georg Schondorf, Georg Tschurtschenthaler, Christian Mair.

Drei Tage lang drehte sich Ende Juli in der Naturarena des UFO alles um den Dokumentarfilm. Gast der sechsten Ausgabe der vielbeachteten Veranstaltungsreihe war der Innichner Produzent und Regisseur Georg Tschurtschenthaler. Eine Auswahl seines Filmschaffens und seine zwei bislang bekanntesten Filme „The Cleaners“ und „Das Forum“ wurden vorgestellt. Zahlreiche Interessierte wollten auch aus erster Hand erfahren, was Macht mit einem macht, als sein Regiedebut „Der letzte Patriarch“ gezeigt wurde.

 Am ersten Abend wurde Georg Tschurtschenthaler`s wohl bekanntester Kino-Dokumentarfilm „The Cleaners“, gezeigt. Der Film ist eine Reise in eine versteckte Schattenindustrie in Manila, mitten in das Herz digitaler Zensur. Dort löschen zehntausende Menschen in zehn Stunden Schichten im Auftrag der großen Silicon Valley-Konzerne sogenannte „unangemessene Inhalte“, belastende Fotos und Videos von Facebook, YouTube, Twitter & Co. Sie selbst aber sind dem Schmutz schutzlos ausgeliefert. 2019 erhielt Tschurtschenthaler für diesen vielfach prämierten Film den Grimme-Preis. Der Drehbuchautor und Producer zu den schwierigen Produktionsbedingungen: „Die Dreharbeiten waren sehr spannend und zugleich angespannt, denn wir mussten alles geheim halten, da wir die ersten waren, die dieses Thema aufgriffen. Unser kleines Filmteam drehte verdeckt, um auch die beteiligten Arbeiter der Schattenindustrie zu schützen.“

 Am zweiten Filmabend wurde „Der letzte Patriarch“ vorgeführt. Der Film ist die bislang einzige Regiearbeit von Georg Tschurtschenthaler. Er begleitete den Südtiroler Alt-Landeshauptmann Luis Durnwalder, einen der längst regierenden Politiker Europas, während der letzten fünf Jahre seiner Amtszeit. Nach dem Film fand erstmals in dieser Konstellation – fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Films ein vielbeachtetes Gespräch zwischen Durnwalder und Tschurtschenthaler statt. Dabei ging es um Macht und darum, wie die Bevölkerung seinen Regierungsstil wahrnahm. Georg Tschurtschenthaler dazu: „Im Verlauf der Dreharbeiten war es zunehmend interessant, die Südtiroler kennen zu lernen. Der Film ist eher ein Portrait über die Bevölkerung und untersucht, was ein System eines dominanten Landeshauptmann mit den Menschen rundherum macht.“ Luis Durnwalder entgegnete: „Die Aufgabe eines Politikers ist es, gemeinsam mit der Bevölkerung Lösungen zu finden, die auf langer Sicht für alle geeignet sind. Aus heutiger Sicht würde ich mich aber ein wenig mehr zurücknehmen, da diese Form der Politik auch für die eigene Familie sehr herausfordernd war“.

Am Samstag fand mit der Vorführung des Films „Das Forum“ der Höhepunkt der Filmtage statt. Nach den Grußworten durch den Bürgermeister Roland Griessmair führte Christian Mair ein aufschlussreiches Gespräch mit dem Produzenten. Zum ersten Mal in der 50-jährigen Geschichte des umstrittenen Weltwirtschaftsforums konnte ein unabhängiges Filmteam hinter den verschlossenen Türen drehen und dokumentieren, wie die mächtigsten Menschen der Welt um die Zukunft ringen.

Auf die Frage, wie er zu seinen Themen kommt: „Ich sehe meine Arbeit auch als politischen Auftrag. Die Themen, die ich in meinen Filmen behandle, sind aktuell, aber beeinflussen unser Leben langfristig. Ich recherchiere detailliert, bevor wir anfangen zu drehen. Ich versuche Türen zu öffnen in eine Welt, die man sonst nicht kennt. Interessant wird es immer dann, wenn etwas nicht eindeutig ist – wenn man die Ambivalenz spürt.“ Sein feinfühliger und vielschichtiger Zugang zu den brennenden Themen unserer Zeit ermöglicht neue Erkenntnisse. Befragt nach den Herausforderungen der Filmindustrie, antwortete Georg Tschurtschenthaler mit dem Verweis auf eigene Perspektiven: „Meine nächste Produktion ist eine Zusammenarbeit mit Netflix. Der vierteilige Dokuspielfilm, eine Mischung aus True Crime Story und Politthriller nach einer wahren Begebenheit, wird ab 25. September zu sehen sein.“

 Nach dem Film und Gespräch wurde mit der Wiener Band Desert May Bloom gefeiert. Starker Regen verhinderte zwar die Show auf der Open-Air Bühne, aber dafür war die spontane Akustik Session auf der Terrasse umso cooler. Lebensfreude pur!

Gunther Niedermair, der Leiter des Jugend- und Kulturzentrums UFO, bedankte sich zum Abschluss des Filmfeschtl herzlich beim Festivalgast Georg Tschurtschenthaler, bei den Musikern und bei den Mitgliedern der Projektgruppe, die ehrenamtlich den UFO-Summer und das Filmfeschtl organisieren, und bei der Stadtgemeinde Bruneck und bei der Provinz Bozen für die Förderung dieser Kulturreihe. Bis 20. August wird der UFO-Summer mit Filmen und Konzerten unter freiem Himmel fortgeführt.

Infos: www.ufobruneck.it

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

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