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Ein bisschen positiv

Gernot Walder

An einem Tag positiv, am nächsten negativ: Solche Corona-Befunde sorgen bei manchen Menschen für Verwirrung. Virologe Gernot Walder erklärt, warum das vor allem bei Kindern vorkommt und welche Schlüsse man aus diesen neuen Erkenntnissen ziehen sollte.

von Silke Hinterwaldner

Der junge Mann ist nicht nur verärgert. Er ist auch besorgt. Denn schließlich, sagt er, gehe es um die Gesundheit seiner Mutter. Diese bekam vor einigen Monaten die Diagnose Krebs. Jetzt sollte sie operiert werden, um anschließend sofort mit der Chemotherapie beginnen zu können. „Je schneller“, sagt ihr Sohn, „sie mit der Therapie beginnen kann, desto besser sind die Heilungschancen.“

Aber dann wurde sie positiv auf das Corona-Virus getestet. Dabei war die Patientin in den Tagen und Wochen zuvor immer wieder negativ getestet worden, zumindest zehn Mal hatte man einen Abstrich vorgenommen. Obwohl weder die Mutter noch der Sohn irgendwelche Corona-Symptome zeigten, hatte dieser Befund weitreichende Folge. Die Operation musste auf unbestimmte Zeit verschoben werden, Mutter und Sohn wurde Quarantäne verordnet – auch wenn sowohl bei ihm als auch bei ihr die Tests in den Tagen danach samt und sonders wieder negativ ausfielen.

„Wie kann das sein?“, fragt sich der Mann. Seine einzige Erklärung: „Hier muss wohl ein Fehler vorliegen. Aber das will sich niemand eingestehen.“ Nach drei negativen Befunden wurde die Quarantäne für den Mann wieder aufgehoben. Die Mutter muss weiter warten.

Aber gibt es das, falsch positive Befunde? Gernot Walder, Virologe im Osttiroler Außervillgraten, der mit seinem Labor auch viele Südtiroler Tests auswertet, über neue, überraschende Erkenntnisse.

Tageszeitung: Herr Walder, ist es möglich, dass ein Rachen-Abstrich ein falsch positives Testergebnis bringt?

Gernot Walder: Bei Untersuchungen auf SARS-CoV2 muss das Risiko falsch positiver Tests sehr klein gehalten werden. Bei einem PCR-Test auf Corona-Viren wird ein Vier-Stufen-Verfahren angewandt. Erst sobald vier unterschiedliche PCRs gleichzeitig ein positives Ergebnis anzeigen, gilt eine Person als positiv. Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass ein Test ein falsch positives Ergebnis liefert. Aber auch ein negatives Resultat kann falsch negativ sein – zum Beispiel, wenn der Abstrich zu weit vorne in der Mundhöhle genommen wurde oder die Erregermenge um die Nachweisgrenze schwankt. Dieses Risiko kann durch einen Kontrollabstrich bei einem negativen Testergebnis reduziert werden.

Wie kann es sein, dass innerhalb von kurzer Zeit jemand zuerst positiv und dann negativ getestet wird?

Der Punkt ist: Es gibt Leute, die nur sehr kurzfristig positiv sind. Dennoch ist das ein valides, positives Resultat. Der Erreger kann bei manchen Menschen nur für einen sehr kurzen Zeitraum nachgewiesen werden, meist ist das bei Kindern der Fall. Aber es kann auch bei Erwachsenen vorkommen.

Von welchen Zeiträumen sprechen wir hier?

Für 24, 36 oder 48 Stunden kann der Erreger bei diesen Leuten nachgewiesen werden. Dann ist er wieder weg. Das könnte auch ein Grund dafür sein, dass von Kindern relativ selten Infektionen ausgehen. Außerdem kann es sein, dass nicht jede Infektion komplett anspringt. Der Erreger ist kurz da, findet nicht eine entsprechende Anzahl von Zellen, wo er erfolgreich reingehen kann und die Infektion erlischt, weil sich der Erreger nicht repliziert hat. Diese Möglichkeit besteht.

Können diese positiv Getesteten dann überhaupt jemanden anstecken, oder ist die Konzentration des Erregers so gering, dass man dies ausschließt?

Sobald die Leute mehrfach negativ getestet wurden, geht von ihnen kein Infektionsrisiko mehr aus. Das bedeutet aber nicht, dass sie nie positiv waren. Auch bei einer positiven PCR mit sehr niedriger Virusmenge geht von den betroffenen Personen keine hohe Ansteckungsgefahr aus. Einzelne Übertragung bei sehr engem Kontakt können in diesem Fall natürlich nicht ausgeschlossen werden.

Treten derlei Fälle häufig auf?

Wie gesagt: Bei Kindern ist dies die Regel. Bei Erwachsenen eher die Ausnahme.

Werden sehr viele Kinder getestet?

In der akuten Phase haben wir nicht viele Kinder getestet. Aber mittlerweile haben wir mehrere Testreihen in Kindergärten durchgeführt, da sieht man dies häufiger. Das Problem ist aber nicht der PCR-Befund an sich, sondern welche Konsequenzen wir daraus ziehen: Was tun wir mit diesen Leuten, die nur kurze Zeit positiv sind? Macht es tatsächlich Sinn, sie gemeinsam mit sämtlichen Kontaktpersonen für zwei Wochen unter Quarantäne zu stellen? Die Diskussion sollte nun sein: Was mache ich mit solchen Befunden? Das bedeutet aber eben nicht, dass positive oder negative Befunde relativiert werden – wenn eins ganz klein ist, ist es immer noch eins und nicht null. Vielmehr geht es darum zu entscheiden, wie man mit kurz- beziehungsweise schwach positiven PCR-Ergebnissen umgeht. Bei Influenza sind die Menschen froh („Mah, gottseidank wors schnell fia“), bei Corona reagieren manche Menschen verstört, wenn sie zunächst positiv und dann schnell wieder negativ getestet werden. Das verstehe ich, aber das ist mehr eine rechtliche als eine medizinische Frage. Wir brauchen ein strukturiertes, angemessenes Vorgehen: Es scheint zunehmend evident, dass wir nicht länger mit einer einzelnen Vorgehensweise auf alle positiven Befunde reagieren können – unabhängig von der Viruslast, unabhängig von der Ausscheidungsdauer, unabhängig vom Infektionsrisiko.

Hätten Sie einen Vorschlag, wie dieses Problem zu lösen wäre?

Ich bin Arzt, kein Jurist. Ich kann nur das Infektionsrisiko beurteilen, das von den Leuten ausgeht. Sobald ich zwei oder drei Mal einen negativen Befund erhalte, ist aus fachärztlicher Sicht nicht länger davon auszugehen, dass von dieser Person ein Infektionsrisiko ausgeht.  Es wäre vielleicht vorteilhaft, wenn das in den Behördenentscheiden berücksichtigt würde.

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Kommentare (15)

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  • emma

    noch nicht kapiert? alles ein affentheater

  • huggy

    Einen kranken Menschen nicht zu behandeln wegen zweifelhafter Covid Testergebnisse finde ich unverschämt.
    Der einzelne Mensch ist keinen Pfifferling mehr wert. Schrecklich.

    • n.g.

      @huggy Sorry… Aber je öfter ich solche Ausagen wie in diesem Bericht lese so unglaubwürdiger wird das Ganze! Selbst der Experte räumt da eun, dass es aus bestummten Gründen mal so und dann anders sein kann. Mich wunderts nicht, dass es dann Leute gibt die anfangen das Ganze in Frage zu stellen! Jedenfalls bin ich auch der Meinung, nach solchen Berichten, dass wenn schon die Experten sagen *nichts genaues wissen wir auch nicht* uns solche drastischen Maßnahmen aufgezwungen wurden.. das Alles seine Richtigkeit hat.
      keineahnung… Mir kannst dus spendieren, ich bin sogar Risikogruppe. Weisst du warum? Ich setze mich mein Leben lang mit dem Tod auseinander, ich weiß, dass mein Leben emdlich ist und ich bin dagegen es bis zur unendlichkeit vetlängern zu müssen. Genau das fehlt Vielen. Im Bewusstsein, dass es wie im Tierreich ist, gibt es zu Viele einer Sorte, gibts Krankheiten. Das ist bei uns nicht anders!

      • mannik

        Zitat aus dem Artikel: „Es ist sehr, sehr unwahrscheinlich, dass ein Test ein falsch positives Ergebnis liefert. Aber auch ein negatives Resultat kann falsch negativ sein…“ ergo, die Wahrscheinlichkeit, dass ein positiver Test wirklich positiv ist ist unvergleichlich höher.

  • yannis

    Langsam wird einem bei diesen hin und her (rein in die Kartoffeln, raus aus die Kartoffeln) echt schwindelig, wird die Bevölkerung etwa doch nur bei den Eiern genommen ?

  • gestiefelterkater

    Steter Topfen höhlt der Zeugen Coronas Köpfe.

  • andimaxi

    Das heißt eine Krebspatientin wird nicht operiert, weil sie vielleicht Corona-Positiv ist? Und wenn jemand einen Schnupfen hat, wird er dann auch nicht operiert? Sanität zum schämen. Was sind das für Hosenscheißer in den Krankenhäusern?

    • mannik

      Es geht nicht um „Hosenscheißer“, sondern um die Tatsache, dass bei einer invasiven Operation, wie die Entfernung eines Krebsgeschwürs, mit nachfolgender Chemotherapie (bei der die Abwehr kräfte des Körpers stark sinken) die Erkrankung an Covid-19 Komplikationen herbeiführen könnte. Das Risiko ist also für die Pazientin um ein Vielfaches höher.
      Sagen Sie doch „Hosenscheißer“ zum Arzt, der Sie vielleicht demnächst behandeln muss.

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