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„Die Künstler haben Angst“

Kurator Vincenzo de Bellis: Ich erwarte einen drastischen Rückgang der Zahl verkaufter Werke, aber nicht unbedingt einen Preiseinbruch. (Foto: Luca Meneghel)

 

Wird die Kunstwelt nach Corona eine andere sein und wenn ja, wie anders? Ein Gespräch mit Vincenzo de Bellis, Kurator für Visual Arts am Walker Art Center in Minneapolis und künstlerischer Leiter der Stiftung Antonio Dalle Nogare.

Tageszeitung: Herr de Bellis, die Corona-Pandemie hat die Kunstwelt weitgehend zum Stillstand gebracht. Wie erleben Sie als international agierender Kurator diese Zeit?

Vincenzo de Bellis: Wie alle anderen auch. Zu Hause, über das Internet mit der Welt verbunden. Der wirklich große Unterschied ist, dass man nicht reisen kann. Für jemanden wie mich, der durchschnittlich zwei bis drei Reisen pro Monat in den USA und ins Ausland unternimmt, ist das eine große Veränderung. Aber die ganze Welt ist fast gleichzeitig zum Stillstand gekommen, so dass selbst dieser Unterschied sich tendenziell aufhebt. In der Tat macht es mir klar, dass bestimmte Dinge, von denen wir glaubten, dass wir darauf nicht verzichten können, wirklich überflüssig sind…

Viele behaupten, die Kunstwelt wird nach Corona eine andere sein. Glauben Sie das auch und wenn ja, wie anders?

Ja, für eine bestimmte Zeit wird sie das mit Sicherheit sein. Ich kann Ihnen noch nicht sagen, wie, aber wir müssen mit einer Veränderung rechnen. Wir werden es rechtzeitig herausfinden. Die ersten Monate nach der Wiedereröffnung werden eine Bewährungsprobe sein, aber meiner Meinung nach müssen wir mindestens ein Jahr warten, bis sich wirklich etwas ändert.

Sie sind Kurator für Visual Arts am „Walker Art Center“ in Minneapolis, Sie haben die Mailänder Kunstmesse „Miart“ geleitet, Sie waren Kurator im „Museion“ in Bozen, und am „GAMeC“ in Bergamo. Ist die Situation in Amerika und in Europa vergleichbar?

Die Situation ist in dem Sinne ähnlich, dass wir alle in der gleichen Situation sind, aber die Art und Weise, wie wir damit umgehen, ist sehr verschieden. In Amerika zum Beispiel ist das wahre Drama die Arbeitslosigkeit. Mehr als in Europa. In den USA gibt es keinerlei Schutz für Arbeitnehmer, weshalb es auch in der Kunstwelt, in Galerien und Museen, zu Massenentlassungen kommt.

Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Künstlerinnen und Künstlern, mit denen Sie zusammenarbeiten? Wie ist die Stimmung?

Die wirtschaftliche Situation macht ihnen Angst, aber wie so oft in Krisenzeiten finden viele von ihnen darin auch intellektuelle Anregungen, die sie herausfordert, ihr Denken und ihre künstlerische Praxis weiterzuentwickeln.

Was raten Sie Künstlern in der aktuellen Lage?

Es fällt mir schwer, Ratschläge zu erteilen, ohne herablassend zu klingen, und ich will es wirklich nicht.

Künstler sind Individualisten und Einzelkämpfer in einem extrem umkämpften Markt. Entdecken sie jetzt gezwungermaßen die Solidarität wieder?

Einige schon, aber ich glaube, das hängt nicht davon ab, ob sie Künstler sind, sondern davon, ob sie „Menschen“ sind. Solidarität ist ein Gefühl oder vielmehr eine Haltung, die unabhängig von der Arbeit ist, die jeder Einzelne von uns leistet. Ich denke, dass Solidarität im Moment, zumindest hoffe ich das, etwas ist, das jeder von uns wiederentdeckt.

Die Literatur hat sehr schnell auf das Thema Coronavirus reagiert.  Gibt es bereits spannende Auseinandersetzungen der bildenden Kunst mit dem Virus oder ist das noch zu früh?

Dazu ist es noch zu früh. Die bildende Kunst hat, obwohl sie sich mit den neuen Technologien stark verändert hat, eine lange Reifezeit. So sehr die sozialen Medien auch ein Vehikel sind, so sehr sind sie doch noch weit davon entfernt, die Komplexität eines Kunstwerks zu erfassen und darstellen zu können. Die Erfahrung, einen Text zu lesen, ihm zuzuhören oder gar Musik zu hören, ist nicht mit anderen Kunstformen vergleichbar.

Manche Kuratoren gehen davon aus, dass sich die Kunst nach der Coronakrise wieder stärker inhaltlichen Fragen zuwenden wird und formalen Probleme eher in den Hintergrund treten werden. Was denken Sie?

Ich würde es nicht so schwarz-weiß sehen. Selbst die Konzeptkunst konnte am Ende den formalen Teil nicht ignorieren. Wenn wir über bildende Kunst sprechen, können wir den visuellen Aspekt nie ausschließen. Die Form ist „ein Gespenst“, das die Kunst immer begleitet. Ich bin aber überzeugt, dass die Künstler in der Lage sein werden, zwischen den Zeilen zu lesen und uns vor unerwartete Aspekte dieser Krise zu stellen, über die wir noch nicht nachgedacht hatten, und uns, so hoffe ich, auch über zukünftige Szenarien aufzuklären.

Der Kunstmarkt hat durch die Schließung der Galerien und die Absage von Messen eine Vollbremsung hingelegt. Viele fürchten, dass die kleinen Galerien auf der Strecke bleiben und die großen noch mächtiger werden. Zu Recht?

Es deutet alles darauf hin. Wir müssen hoffen und dafür sorgen, dass es nicht dazu kommt, denn der Mangel an jungen Galerien würde weniger Raum für junge Künstler bedeuten, und weniger junge Künstler würden weniger intellektuelle Neugier und weniger neue Ideen gegen das Establishment bedeuten. Also genau das, was Kunst in unserem Leben erst vital macht.

Die Kunstszene ist sehr kosmopolitisch. Wird sich das durch die Krise ändern?

Definitiv nicht. Das Internet hilft uns, unabhängig davon in Kontakt zu bleiben. Mit Sicherheit  aber wird die Krise die Mobilität verlangsamen, und zwar nicht nur ein bisschen. Für ein „Gut“, das (zumindest vorerst) noch live erlebt werden muss, verheißt das nichts Gutes.

Wird die Krise die Preise für Kunst fallen lassen?

Das ist schwer zu sagen. Wir dürfen nicht vergessen, dass der Kunstmarkt in vorhergehenden Wirtschaftskrisen nicht wie andere Märkte zusammengebrochen ist. Aber Corona ist eine viel globalere Krise, die eine viel größere Anzahl von Menschen betrifft. Ich erwarte einen drastischen Rückgang der Zahl verkaufter Werke, aber nicht unbedingt einen Preiseinbruch.

Glauben Sie, die Sammler werden nach der Krise bald wieder Kunst kaufen wollen oder wird das länger dauern?

Gelegentliche Sammler werden Zeit brauchen, aber echte Sammler werden nie aufhören zu kaufen.

Manche Länder greifen den Kunstinstitutionen und den Künstlern beherzt unter die Arme. Ist das der richtige Weg oder machen sich die Künstler damit von der Politik abhängig?

Meiner Meinung nach sollten Kunst und Politik prinzipiell immer getrennt bleiben. In Ländern, in denen der Wohlfahrtsstaat funktioniert und in denen die Res publica viele Aspekte des Lebens unterstützt, ist es jetzt jedoch an der Zeit, Entscheidungen zu treffen: entweder der Kunst jegliche Unterstützung zu entziehen und sie damit völlig der Privatwirtschaft zu überlassen, was aber voraussetzt, dass es den Privaten steuerlich ermöglicht wird, die Kunstinstitutionen substanziell zu unterstützen, oder die Praxis der öffentlichen Unterstützung fortzusetzen. Das wiederum bedeutet, dass die Kunst und Kultur in diesem Moment entschieden stärker gefördert werden muss, nicht nur, damit sie überlebt, sondern weil sich niemand mehr eine Welt ohne Kunst und Kultur vorstellen kann.

Viele vertreten die Meinung: Es gibt eh schon zu viel Kunst, zu viele Ausstellungen, zu viele Messen. Das Virus könnte wie ein reinigendes Gewitter wirken und das rasende Tempo entschleunigen.

Ich glaube nicht, dass es zu viel Kunst gibt. Kunst war schon immer da, sie wird nur stärker kommuniziert. Kunst, wie so viele andere Dinge der Welt, wächst, wenn es Nachfrage danach gibt, und sie schrumpft, wenn die Nachfrage nachlässt.

Viele Museen und Ausstellunghäuser holen derzeit die Digitalisierung nach.  Kuratoren laden zu virtuellen Rundgängen ein, Sammlungen werden digital aufbereitet. Aber das Digitale kann die tatsächliche Begegnung mit der Kunst in der Wirklichkeit nie ersetzen. Was bringt das wirklich?

Sie sagen es ganz richtig: wir holen auf, denn eigentlich ist die Kunstwelt in der Nutzung der Technologien, die uns das Internet zur Verfügung stellt, im Rückstand, und zwar meiner Meinung nach erheblich. Der Grund dafür ist einfach: Die Kunst basiert bis dato auf dem direkten Kontakt zwischen dem Werk und seinem Benutzer. Diese Krise zwingt uns darüber nachzudenken, wie die Kunst überleben kann, wenn dieser Kontakt nicht möglich ist. Ich bin mir nicht sicher, ob das Digitale das Reale ersetzen kann, aber ich möchte zumindest offen dafür sein, wirklich und ernsthaft darüber nachzudenken. Wer im Bereich zeitgenössischer Kultur arbeitet, hat die Pflicht, an die Zukunft und an die Vorstellung zu glauben, dass sie mindestens so gut sein muss wie das Vorhergehende. Was hat es sonst für einen Sinn?

Was erwarten Sie für die Zukunft?

Gute Frage… Fürs Erste erwarte ich, oder hoffe ich, aus dem Haus gehen zu können.

Interview: Heinrich Schwazer

Zur Person

Vincenzo De Bellis lebt und arbeitet seit 2016 in den USA. Er ist dort Kurator für Visual Arts am Walker Art Center in Minneapolis. Von 2012 bis 2016 war er Direktor der Mailänder Kunstmesse „Miart“. Davor arbeitete er als Kurator im „Museion“ in Bozen, und am „GAMeC“ in Bergamo. Außerdem ist er künstlerischer Leiter der Stiftung Antonio Dalle Nogare, die wieder für Besucher geöffnet ist. Alle Infos unter Informationen: http://fondazioneantoniodallenogare.com/de/

Foto(s): © 123RF.com und/oder/mit © Archiv Die Neue Südtiroler Tageszeitung GmbH (sofern kein Hinweis vorhanden)

Kommentare (1)

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  • bernhart

    Im Moment ist die Landwirtschaft- Wirtschaft und Tourismus Wichtiger, diese sorgen für den Wohlstand unseres Landes und geben x tausend Personen arbeit und zu essen.
    Kunst kommt zum Schluss , wenn alles wieder einiger massen und planmässig läuft.
    Kunst brauch nimand zum Leben. Arbeiten ist angesagt.

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