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Heimlich Heimweh

Hannah Reisigl: Ich beschwere mich quasi darüber, dass der Staat nicht will, dass ich krank werde.

Berlin ist voll von jungen Südtiroler*innen, die Boznerin Hannah Reisigl ist eine davon. Wie erlebt sie die Corona-Quarantäne in der deutschen Hauptstadt und warum kommt gerade in dieser seltsamen Zeit ein so eigenartiges Gefühl wie Heimweh auf?

Von Hannah Reisigl

„After Corona“ So heißt die letzte Notiz auf meinem Handy. Es ist eine To-Do-Liste, auf der Dinge stehen, die ich unbedingt machen will, wenn diese seltsame Zeit vorbei ist.

Da stehen nun Sachen drauf, auf die ich im Leben nie gekommen wäre, aber mittlerweile habe ich sicher 10 verschiedene Punkte beisammen, auf die ich normalerweise absolut keine Lust habe.

Plötzlich erscheinen Dinge wie „Feiern gehen“, „in die Therme gehen“ oder „ein Musical besuchen“ fast lebensnotwendig. Vielleicht muss ich erwähnen, dass ich „Feiern gehen“ absolut hasse und dass ich in die Therme nurin einer Burqa oder einem Ski-Anzug gehen würde, damit ich mich selbst nicht nackt sehen muss.

Ernst ist es mir allerdings mit dem Punkt B5. Das B5 Center ist ein Designer-Outlet in Berlin. Aufgebaut ist das Ganze fast wie ein kleines Dorf und jedes Haus ist ein anderer Designer-Schuppen. Die Einwohner des Dorfes sind zu 90 Prozent nur in arschteure Klamotten gekleidete Asiaten, die wie Ameisen in den Gassen wimmeln und ihre Ausbeute von einem zum anderen Laden schleppen.

Stellt sich mir nur die Frage, was ich noch an Klamotten brauche, wenn ich ohnehin schon den halben Tag nichts lieber tue, als mir online Klamotten zu bestellen. Man darf ja auch nicht vergessen, dass ich dabei Geld ausgebe. Manchmal muss ich mir selbst erklären, dass es richtiges Geld ist, das ich da ausgebe, auch wenn ich es nicht sehe, weil ich es ja online verscheppere und das Bargeld in meinem Portemonnaie nicht weniger wird.

Jetzt, wo es zum ersten Mal in meinem Leben absolut unmöglich ist feiern zu gehen, in die Therme zu gehen oder in ein Outlet Center, muss es plötzlich sein? Manchmal schäme ich mich, wenn ich daran denke, dass so viele Menschen sich nicht mal von ihren Liebsten verabschieden können, die im Sterben liegen, während ich mich darüber beschwere, dass ich das Haus nicht verlassen darf. Obwohl es mich ja eigentlich schützt. Ich beschwere mich quasi darüber, dass der Staat nicht will, dass ich krank werde. Und ich gräme mich darüber, daheim bleiben zu müssen, während andere kein Daheim haben. Schon eigenartig.

Etwas an dieser verrückten Zeit aber finde ich gut. Ich muss mich nun wirklich mit mir selbst beschäftigen, mit der ein und anderen Lebensfrage und dem ein und anderen Problemchen, das ich bis jetzt durch den Alltagsstress und die ständige Hektik irgendwie verdrängen konnte. Nein, nicht nur irgendwie, sondern ganz bewusst, und ich glaube, ich habe mich dabei selbst nicht ganz ernst genommen und gemeint, es sei cool, wenn ich nicht so ein Theater um mich herum mache, oder es sei selbstironisch, wenn ich mich ein bisschen verarsche. Nichts ist cool dran, sich vor sich selbst zu verstecken.

Was ich an der Zeit momentan auch genieße, ist, dass ich viel mehr Kontakt zu meinen Eltern und Freunden habe als normalerweise. Was komisch ist, da ich sie so oder so nicht sehen würde, weil ich in einem anderen Land lebe. Seit 1,5 Jahren lebe ich in Berlin. Ich wohne in einer Dachwohnung und im Sommer geht die Sonne um 22:00 Uhr unter, im Winter gar nicht auf, ich kenne den Nebel untertags und nachts die Taxifahrten. Ich sage „müde“, wenn ich „stuff“ meine, ich sage „Ich habe kalt“ und es ist falsch und ich möchte immer noch lieber „cartine“ und „tabacchino“ sagen statt „Blättchen“ und „Kiosk“. Hoffentlich hält mich diese sprachliche Hürde nicht vom Rauchen ab.

Richtig eigenartig ist jetzt aber ein Gefühl, das ich bisher nie kannte, und ich frage mich heimlich, ob es Heimweh sein könnte.  Ich hatte bisher noch nie Heimweh. Sicherlich habe ich  das ein oder andere Mal darüber nachgedacht, dass ich jetzt gern zuhause wäre oder mich vor Mamas gutes Essen setzen möchte. Aber so richtig Heimweh hatte ich nie. Bis jetzt. Genau jetzt denke ich jeden Tag an zuhause, an die Berge, die ich sonst total ausgeblendet und ignoriert hatte, sogar an meine Schulzeit muss ich denken und an die Nachmittage, an denen wir rumgehangen sind, und an die Nächte, als wir uns in irgendeinem Zimmer Filme reingezogen und um 4 Uhr morgens Nudel gekocht haben. Ist eine Sache wirklich erst richtig attraktiv, sobald sie unmöglich ist? Oder ist das nur bei mir so? Oder verschiebe ich mich wieder auf ein anderes Mal?

So ich muss mich jetzt dann mal wieder meinem Home Office widmen, was so viel heißt wie am Balkon in der Sonne zu brutzeln, online zu shoppen und mich um Punk 18:00 Uhr auszuloggen. Ich freu mich schon auf die Reaktion meines Chefs, wenn ich frisch gebräunt wieder zur Arbeit komme, als wäre ich 3 Wochen im Urlaub gewesen.

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