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„Wir müssen gewappnet sein“

Die Intensivärzte Matthias Bock und Simon Rauch über die angepriesenen Medikamente gegen Corona. Und: Warum die Gefahr einer zweiten Infektionswelle groß ist.

Tageszeitung: Herr Dr. Bock, wie ist aktuell die Situation auf der Corona-Intensivstation?

Matthias Bock (Primar der Anästhesie und Intensivmedizin Meran): Wir haben den Rückbau der Station auf eine Nicht-Covid-Intensivstation begonnen. Die letzten vier Covid-Patienten sind in das neue Spital nach Bozen verlegt worden. Wir können aber im Bedarfsfall Coronapatienten in Isolierzimmern versorgen.

Die Corona-Intensivstation ist jetzt also leer…

Matthias Bock: Genau, seit Donnerstag (Anm. der Red.: 30. April) ist sie leer.

Wie fühlt sich das an?

Matthias Bock: Zurzeit verspüre ich ein Leeregefühl, aber gleichzeitig kommt jetzt die Herausforderung Nicht-Covid-Patienten zu betreuen, und ständig im Hinterkopf zu haben, dass diese an Corona erkrankt sein könnten. Wir müssen nun auch in der Klinik mit der Präsenz des Virus leben. Gleichzeitig müssen wir für eine zweite Corona-Welle gewappnet sein.

Warum wurden die Covid-19-Patienten nach Bozen verlegt?

Matthias Bock: Weil die Intensivstation im Neubau des Bozner Spitals soweit fertig geworden ist, und dort nur Covid-19-Patienten behandelt werden. Das heißt, sie sind räumlich von anderen Patienten vollkommen abgeschirmt. Daher ist das Krankenhaus Meran jetzt nicht mehr die primäre Anlaufstelle für Covid-19-Patienten, die intensivmedizinisch betreut werden müssen. Dafür ist jetzt Bozen zuständig.

Wer wird nun in der Intensivstation in Meran behandelt? Wie sieht das weitere Vorgehen aus?

Mattias Bock: Ziel ist es, dass auf den Intensivstationen in ganz Südtirol wieder Nicht-Covid-Patienten betreut werden. Wir müssen ja Patienten operieren und wir rechnen auch damit, dass jetzt wieder Unfälle passieren. Das heißt, wir brauchen Platz für diese Menschen. Wir betreuen nun also in erster Linie Patienten, die nicht an Corona erkrankt sind.

Sie haben in den letzten Monaten viele Covid-19-Patienten behandelt. Können Sie mir Näheres über diese Menschen erzählen?

Matthias Bock: Die von uns behandelten Patienten befanden sich im Alter zwischen 27 Jahren und knapp 80 Jahren. Es waren vorwiegend Männer. Viele waren in höherem Alter und hatten Begleiterkrankungen, wie hohen Blutdruck oder Diabetes Mellitus.

Wie sieht der Krankheitsverlauf bei Covid-19-Patienten aus?

Simon Rauch (stellv. Primar der Anästhesie und Intensivmedizin Meran): Der Krankheitsverlauf scheint sich in zwei Phasen abzuspielen. In der ersten Phase vermehrt sich das Virus in den Zellen und schädigt sie. Es kommt zu Husten, Fieber usw. Danach klingt die Vermehrung des Virus ab. Bei einigen Patienten kommt es aber zu einer zweiten Phase, welche durch eine überschießende Reaktion des Immunsystems gekennzeichnet ist. Es kommt zu einer Entzündungsreaktion, die wiederum zu Organschäden führen kann. Immer mehr deutet außerdem darauf hin, dass es bei Covid-19 nicht nur zu einer Schädigung der Lungenzellen selbst kommt, sondern auch jener Zellen, welche die Blutgefäße auskleiden, die sog. Endothelzellen. Das hat mehrere Folgen: Es kommt unter anderem gehäuft zur Bildung von Blutgerinnseln, insbesondere in den Lungengefäßen. Es kann aber auch zu Herzinfarkten oder Schlaganfällen kommen.

Was können Sie zu neuen Symptomen sagen? Es gibt mittlerweile Berichte, wonach blaue Flecken auf Corona hindeuten…

Simon Rauch: Nahezu täglich werden in den verschiedenen medizinischen Fachzeitschriften Studien und Fallserien zu Covid-19 veröffentlicht. Wir auf der Intensivstation hatten bislang keine Patienten mit blauen Flecken. Das ist sicherlich kein Hauptsymptom, wenngleich einige Patienten aber Hautausschläge haben. Das Virus befällt primär die Atemwege und die Lunge, es gibt aber auch Beteiligungen von Niere und Herz. Wir sehen also Patienten, die eine Nieren- oder Herzinsuffizienz durch das Virus bekommen. Bekannt ist auch, dass das Virus das Nervensystem schädigen kann. Deshalb klagen auch viele Patienten über einen mehrtätigen oder wochenlangen Geruchs- und Geschmacksverlust.

Wie behandeln Sie Covid-19-Patienten?

Simon Rauch: Da bei uns nur Covid-19-Patienten mit schwerer Atemsuffizienz behandelt werden, stellt die künstliche Beatmung einen Grundpfeiler der intensivmedizinischen Behandlung dar. Bei einigen Patienten ist zudem eine Unterstützung des Herzkreislaufsystems mit Medikamenten oder eine Nierenersatztherapie (Dialyse) notwendig. Medikamente, welche die Virusvermehrung hemmen oder der Entzündungsreaktion entgegenwirken, wie zum Beispiel Kortison, kommen ebenso bei einigen Patienten zum Einsatz. Auch werden Patienten mit Medikamenten behandelt, um einer Blutgerinnselbildung entgegenzuwirken.

Was halten Sie von den Medikamenten, die als Hoffnungsträger im Kampf gegen Covid-19 gelten? Ich meine damit das Malaria-Medikament Hydroxychloroquin, das Medikament gegen Ebola Remdesivir oder HIV-Medikamente…

Simon Rauch: Ich kann nur sagen, es gibt bislang kein Wundermittel gegen Covid-19. Die von ihnen genannten Medikamente wurden oder werden weltweit in der Therapie eingesetzt. Doch das Problem ist, dass es für diese Medikamente kaum große und gut gemachte Studien zur Wirksamkeit bei Covid-19 gibt. Erste Studien, zum Beispiel mit HIV-Medikamenten oder dem Malaria-Mittel haben gezeigt, dass sie keinen Nutzen bei Covid-19 bringen und im Gegenteil schwere Nebenwirkungen auslösen können. Einzig für das Ebola-Mittel Remdesivir ist vor wenigen Tagen eine Studie veröffentlicht worden, die einen Nutzen gezeigt hat.

Wurden diese Medikamente auch bei Ihren Patienten eingesetzt?

Simon Rauch: Zu Beginn der Pandemie haben auch wir diese antiviralen Medikamente eingesetzt. Da wir aber keinen Erfolg gesehen haben, und auch die Wirksamkeit in den ersten klinischen Studien nicht belegt werden konnte, haben wir die Medikamente abgesetzt. Unser Therapieprotokoll haben wir immer wieder an die neuesten Studienergebnisse angepasst.

Was ist über Folgeschäden bekannt? Oder anders gesagt: Mit welchen Folgeschäden müssen Covid-19 Patienten rechnen?

Matthias Bock: Das ist eine schwierig zu beantwortende Frage, da es die Erkrankung ja erst seit Dezember 2019 gibt. Es ist also schwierig, derzeit fast unmöglich zu prognostizieren, wie häufig zum Beispiel bleibende Lungenschäden sind. Wir wissen nicht, ob sich die meisten Patienten vollständig erholen können.

Der Innsbrucker Arzt Frank Hartig hat erst vor kurzem mit seinen Aussagen zu Folgeschäden für Aufsehen gesorgt. Er hat Lungenschäden bei genesenen Covid-19-Patienten festgestellt, die eigentlich nur einen milden Verlauf hatten…

Matthias Bock: Wir hatten nicht erwartet, dass Patienten mit anscheinend mildem Verlauf solche Schädigungen haben. Wir können aber noch nichts über die Häufigkeit sagen. Auch wissen wir nicht, ob die Schäden andauernd sind, da es sich ja um Patienten handelt, die erst im Februar oder März erkrankt sind.

Weltweit wird jetzt auch darüber diskutiert, ob und wie früh man Covid-19-Patienten intubieren soll. Bislang wurde eher frühzeitig intubiert, um Sauerstoffnot bei Covid-19-Patienten zu verhindern. Aber diese Behandlungspraxis steht in der Kritik. Wie sehen Sie das?

Matthias Bock: Sowohl eine zu frühe als auch eine zu späte Intubation können den Patienten gefährden. Man muss immer einen Mittelweg finden. Aus unserer Sicht ist es sinnvoll einen Patienten zu intubieren, wenn man nur durch diese Maßnahme das Leben retten kann.

Also sollte man die Intubation eher rauszögern und nicht sofort alle intubieren…

Matthias Bock: Genau. Denn eine Intubation ist immer auch eine Gefahr für den Patienten, da eine Beatmung mit Überdruck erfolgen muss. Was noch dazukommt: Nicht allen Patienten geht es besser, wenn man sie intubiert. Dazu gehören vor allem alte Menschen. Für manche ist es besser, wenn sie nicht invasiv beatmet werden, also zum Beispiel über einen Helm Sauerstoff erhalten.

Wie geht es eigentlich den Menschen, die von der Intensivstation verlegt werden?

Matthias Bock: In der Regel sind sie noch müde. Sie haben noch einen relativ langen Weg der Rehabilitation vor sich. Sie müssen Muskelkraft aufbauen und bei Covid-19-Patienten weiß man auch noch nicht, wie sie das psychisch verkraften.

Woran sterben die meisten Covid-19-Patienten?

Simon Rauch: Das schwere Lungenversagen ist nur eine mögliche Todesursache. Vielfach versterben Patienten an einem sog. Rechtsherzversagen: durch die Bildung von Blutgerinnseln in den Lungengefäßen, muss die rechte Herzkammer gegen einen hohen Widerstand pumpen. Wenn dieser zu groß wird, kommt es zum akuten Herzversagen.

Stimmt es, dass in Südtirol auf den Intensivstationen verhältnismäßig mehr Personen gestorben sind, als auf den Intensivstationen in den umliegenden Ländern?

Simon Rauch und Matthias Bock: Das stimmt nicht, auch wenn das manche behaupten. In der bisher veröffentlichten wissenschaftlichen Literatur reicht die Sterberate jener Covid-19 Patienten, die auf Intensivstation behandelt werden müssen, von knapp über 20 Prozent bis weit über 80 Prozent. In Meran liegen wir unter 25 Prozent, und damit ganz unten im internationalen Vergleich. Dabei muss man noch einiges berücksichtigen: In Meran haben wir nur Patienten behandelt, welche intubiert und invasiv beatmet werden mussten. Die Patienten mit nicht-invasiver Beatmung wurden in einer sog. Intermediate Care Stationen behandelt. In Deutschland beispielsweise werden diese Stationen oft zu den Intensivstationen dazugezählt. Das heißt, auf den Südtiroler Intensivstationen liegen wahrscheinlich Patienten, die im Durchschnitt schwerer erkrankt sind und ein höheres Sterberisiko haben. Etwa 30 Prozent der Patienten auf den deutschen Intensivstationen sind nicht invasiv beatmet, und die Sterberate von intensivstationär in Deutschland behandelten Patienten liegt bei etwa 30 Prozent.

Sie kämpfen seit Beginn der Corona-Pandemie in Südtirol an vorderster Front. Was waren die bislang bewegendsten Momente in dieser Zeit?

Simon Rauch: Der Moment, wenn es Patienten geschafft haben und nach Tagen bis Wochen endlich von der Beatmungsmaschine getrennt werden können. Ein schöner Moment war auch, als der erste von uns extubierte Patient nach relativ kurzer Zeit von der Covid-Normalstation nach Hause entlassen werden konnte.

Was ist am belastendsten?

Simon Rauch: Die tägliche Arbeit in der Schutzausrüstung und die Sorge ob die Kapazitäten ausreichen.

Wie gehen Sie persönlich damit um, wenn Sie einem Covid-19-Patienten nicht mehr helfen können?

Simon Rauch: Auch die Intensivmedizin hat ihre Grenzen – medizinische und ethische. Sterben gehört zur Intensivmedizin dazu. Das war vor Covid-19 so, und wird auch danach so sein.

Matthias Bock: Der Tod eines Patienten auf der Intensivstation stimmt einen immer traurig. Wir sind aber geschult zu akzeptieren, dass wir mit dieser Grenzsituation leben müssen.

Wie groß ist nach wie vor die Sorge vor einer Ansteckung?

Simon Rauch: Die Sorge war von Beginn an da und ist auch weiterhin vorhanden.

Die Zahl der Neuinfektionen sinkt und auch die Lage in den Intensivstationen hat sich beruhigt: Kann man mittlerweile sagen, dass wir über den Berg sind?

Matthias Bock: Nein, wir sind noch nicht über den Berg. Wir müssen verhindern, dass eine zweite Infektionswelle kommt. Gleichzeitig müssen wir aber mit dem Virus leben und beginnen, wieder zu arbeiten und unser soziales Leben zu führen. Das aber unter Wahrung der Schutzmaßnahmen.

Wie groß ist die Gefahr einer zweiten Corona-Welle?

Matthias Bock: Die Gefahr der zweiten Welle ist groß. Umso wichtiger ist es, dass wir uns als Gesellschaft weiterhin an die Vorgaben halten. Es hängt also sehr viel von uns selbst ab. Eine zweite Welle könnte sonst verheerender sein, weil wir ja noch viele Patienten behandeln. Das Gesundheitssystem ist ausgelastet. Außerdem müssen die anderen Patienten versorgt werden, die sich während der ersten Welle nicht ins Krankenhaus getraut haben.

Interview: Eva Maria Gapp

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